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Hendrika Heinsius - Gerechter unter den Völkern 2026 (24)

Fotos: Hendrika Jacoba Heinsius. Foto: Yad Vashem; Das Krematorium im KZ Ravensbrück. Foto: Matthias Süßen CC-AS 4.0

Hendrika Gerritsen-Heinsius – Gerechte unter den Völkern aus dem KZ Dachau von Klemens Hogen-Ostlender

Der Staat Israel hat 1953 den Ehrentitel „Gerechter unter den Völkern“ für Menschen geschaffen, die unter Einsatz ihres Lebens Juden vor der Verfolgung durch Nationalsozialisten gerettet haben. Die Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem hat auch ehemalige Häftlinge aus dem Konzentrationslager Dachau auf diese Weise ausgezeichnet – nicht nur Männer aus dem Priesterblock, sondern auch Gefangene beiderlei Geschlechts aus der großen Zahl der Laien, die im Lager eingekerkert waren. Geehrte bekommen eine Plakette mit einem hebräischen Zitat. Es lautet in der Übersetzung „Wer immer ein Menschenleben rettet, hat damit gleichsam eine ganze Welt gerettet.“ Gerechte unter den Völkern erhalten in Anerkennung für ihre Taten außerdem die israelische Ehrenbürgerschaft, und wenn sie verstorben sind auch die Staatsangehörigkeit im Gedenken. Bis zum 1. Januar 2024 haben nach der neuesten Statistik 28.707 Menschen aus 51 Ländern diese Ehrung erhalten, darunter 6.137 aus den Niederlanden. Eine von ihnen ist Hendrika Jacoba Gerritsen-Heinsius.

 Hendrikas bester Freund stirbt in Mauthausen

Am 12. April 1921 wird Hendrika Heinsius in Amsterdam geboren. Ihre Eltern Andreas Johannes und Hendrika Jacoba bekommen 1930 eine zweite Tochter. Hendrikas Vater ist Diamantarbeiter. Da diese Industrie damals fast völlig in jüdischen Händen ist, hat Hendrika schon früh viele jüdische Freunde und Bekannte. Nach ihrer Schulzeit beginnt sie im Warenhaus De Bijenkorf zu arbeiten, einem jüdischen Familienbetrieb, in dem auch die meisten Mitarbeiter Juden sind. Unter der deutschen Besatzung lebt Hendrika dann allein in einem kleinen Haus. Ihr bester Freund, Rudolf Richter, ist ein aus Deutschland in die Niederlande geflüchteter Jude. Bei einer Razzia wird er am 11. Juni 1941 mit 300 anderen jungen Männern verhaftet und kommt zunächst ins Lager Schoorl in den Dünen beim gleichnamigen Dorf in Nordholland. Dann wird er ins KZ Mauthausen bei Linz in Österreich deportiert und stirbt dort nach nur wenigen Monaten am 22. September. Hendrika ist zutiefst erschüttert, als sie von seinem Tod erfährt. Ein anderer jüdischer Freund, Leo Zwart, wohnt damals in Harderwijk ostwärts von Amsterdam. Er soll kurz darauf wie die meisten Juden im Land in die Großstadt umgesiedelt werden, eine Maßnahme, die den deutschen Besatzern später die Deportation möglichst vieler Juden in die Vernichtungslager im Osten erleichtern soll. Als Hendrika Heinsius das erfährt, bietet sie Leo an, ihn zu verstecken.

 Intensive Mitarbeit im Widerstand

Sie mietete eine Zweizimmerwohung, in die sie beide einziehen. Das geht so lange gut, bis Leo am 6. November 1942 auf offener Straße festgenommen und in das Durchgangslager Westerbork deportiert wird. Hendrika wird von den Behörden verhört, jedoch nicht verhaftet. Sie hat fortan das Gefühl, beobachtet zu werden. Längere Zeit traut sie sich deshalb nicht an neue illegale Aktivitäten. Dann bittet eine Kollegin sie Anfang 1943 um Hilfe. Ihr jüdischer Freund Siegfried Goldsteen muss untertauchen. Er ist aus einem Arbeitslager für Juden geflohen. Hendrika gibt ihm Unterkunft in ihrer Wohnung und stiehlt im Warenhaus bei ihrem Arbeitgeber Lebensmittelkarten, um ihn versorgen zu können. Wenige Wochen später findet sie ein sichereres Versteck für Siegfried. Einige Zeit später ziehen sie in eine größere Wohnung: Zu der gehört ein Versteck, das auch eine Hausdurchsuchung unentdeckt überstehen kann. Auch Siegfrieds Bekannte Judith Fransman wird dort als erste untergebracht. Ein Freund im Verteilungsbüro für Lebensmittelkarten organisiert eine Möglichkeit für Hendrika, zusätzliche Marken auch für Judith zu bekommen. Hendrika weitet ihre Aktivitäten im Untergrund außerdem auf Bitten von Kameraden aus Amsterdamer Widerstandskreisen aus. Regelmäßig fährt sie nun in die Provinz Drenthe im Nordosten des Landes, um dort hergestellte gefälschte Papiere für Untergetauchte abzuholen. Die dünn besiedelte Gegend ist zu einem Zentrum für solche Aktivitäten im Untergrund geworden.

 Süßlicher Geruch in Ravensbrück

Im Mai 1943 bringt Hendrika Isidore Walvisch in ein Versteck in Meppel in Drenthe. Die Operation ist äußerst riskant, auch weil seine Papiere schlecht gefälscht sind. Sie holt Isidore später Meppel zurück, als dort seine Verhaftung droht. Ihr Glück endet in der Nacht zum 2. Februar 1944. Die Wohnung wird von einem gemischten Trupp niederländischer Einsatzkräfte und deutscher Vorgesetzter gestürmt, Hendrika und Siegfried verhaftet. Sie erfährt später nur, dass Ihr Freund im Juni 1944 irgendwo in Osteuropa ums Leben gekommen sei. Hendrika selbst wird zunächst am 1. März 1944 noch in den Niederlanden als völlig rechtloser „Schutzhäftling“ mit der Nummer 10118 ins KZ Herzogenbusch eingeliefert. Dann kommt sie am 9. September mit der neuen Nummer 66835 ins Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück. In ihrer Biografie schreibt sie später: „Durch das Tor marschierten wir singend ins Lager. Noch einmal sangen wir, dass sie uns nicht klein kriegen würden, dass wir am Ende doch siegen würden.“ Doch nach dem ersten Tag im KZ gesteht Hendrika: „Danach haben wir in Ravensbrück nicht mehr gesungen“. Verwirrung und Entfremdung breiten sich aus. Hendrika bekommt mit, das Schwangere im KZ Kinder zur Welt bringen. Was wird aus ihnen werden? Sie bemerkt auch einen süßlichen Geruch, den der Wind oft durchs Lager weht. Er kommt von den Schornsteinen des Krematoriums. Hendrika wird etwas Zynisches bewusst: „Ein Bild drängte sich auf, das Bild vom Kreislauf des Lebens. In diesem Lager vollzog sich der ganze Kreislauf, es wurde geboren, gearbeitet und gelitten, dann folgten die Abstumpfung, der körperliche Verfall und schließlich der Tod. Dann ging man in Rauch auf. Und die Lebenden atmeten den Geruch ein bis zu dem Tag, an dem auch ihre Zeit gekommen war.“

 Im Agfa-Kommando

Hendrika Heinsius bleibt nicht lange in Ravensbrück. In überfüllten Viehwaggons wird sie im zahlreichen Kameradinnen nach dreitägigem Transport am 15. Oktober ins KZ Dachau eingeliefert. Gleich nach der Ankunft kommt sie, nun mit der Nummer 123180, in das Außenlager, für das sie schon in Ravensbrück ausgesucht worden war: Das Agfa-Kommando in München-Giesing. Für hunderte Frauen beginnt dort jeder Tag um fünf Uhr morgens mit einem Appell. Dann müssen sie 20 Gehminuten weit quer durch die Stadt zum Agfa-Werk marschieren. Es gehört zum weitverzweigten IG-Farben-Konzern. Die Frauen werden dort gezwungen, Zeitzünder für Flachgranaten und Bauteile für andere Waffenysteme zu montieren. In der Werkshalle arbeiten auch zivile deutsche Frauen. Hendrika kommt an einem Tisch, an dem auch eine gewisse Frau Wölfl und ein Fräulein Bähr sitzen. Frau Wölfl isst in einer Arbeitspause einen Apfel und bietet Hendrika auch einen an. Sie kann es nach der unmenschlichen Behandlung in Herzogenbusch und Ravensbrück nicht fassen: „Eine deutsche Frau hat mir einen Apfel mitgebracht!“ Immer um 18 Uhr werden die weiblichen Häftlinge in ihr Quartier in einem halb fertigen Wohnblock gebracht. Trotz häufiger Bombenangriffe dürfen die Gefangenen keinen Schutz in Bunkern suchen. Vor Weihnachten schwindet die Hoffnung auf baldige Freilassung durch die deutsche Gegenoffensive in den Ardennen. Nach dem Jahreswechsel ist die Straße aus Dachau wegen der Luftangriffe und Zerstörungen so gut wie unpassierbar. Lebensmitteltnachschub bleibt aus. Viele unterernährte und überarbeitete Frauen erkranken an Typhus, Tuberkulose und und anderen Seuchen, kämpfen aber darum, so lange wie möglich im Kommando bleiben zu können, da die Verlegung in das überfüllte Krankenrevier im Stammlager mit hoher Wahrscheinlichkeit ihren Tod bedeuten würde.

 „Die Welt war weiß, wir waren frei“. 

Da geschieht etwas in der Geschichte der Konzentrationslager Einmaliges. Die Frauen streiken, obwohl darauf wegen Sabotage die Todesstrafe steht. Hendrika Heinsius schreibt später in ihren Memoiren: „Was am 12. Januar 1945 schließlich den Ausschlag gegeben hat, weiß ich eigentlich nicht mehr. Obwohl, soweit ich weiß, nie über die Möglichkeit eines Streiks gesprochen worden war, wurde kurz nach der Mittagspause plötzlich vorn im Saal die Arbeit niedergelegt. [...] Kurz danach saßen alle holländischen Frauen, als ob sie sich verabredet hätten, mit verschränkten Armen da“. Mary Vaders, eine andere Niederländerin, wird von einer weiteren Gefangenen als Anstifterin denunziert und in den „Bunker“ im KZ Dachau gebracht, aber nicht wie eigentlich schon beschlossen hingerichtet. Am 23. April endet die Arbeit. Material fehlt. Die Gefangenen dürfen in der Stimmung allgemeiner Auflösung selbst entscheiden, ob sie im Quartier bleiben oder mit dem Kommandanten nach Süden marschieren wollen. Hendrika entschied sich mit einigen Kameradinnen, den Marsch mitzumachen. Nach zwei Tagen erreicht die Kolonne die Gegend von Wolfratshausen nicht weit vom Starnberger See. Ohne Bewacher streifen Gruppen von Frauen auf der Suche nach Nahrung durch die Landschaft. Am 30. April sind endlich amerikanische Panzer zu sehen. Überall werden weiße Fahnen aus Fenstern gehängt. Gleichzeitig fällt Schnee. Bei diesem Anblick drängt sich Hendrika der Vergleich mit dem Weiß der Kapitulation auf: „Diese Nacht hatte es geschneit. [...] Die Welt war weiß. Wir waren frei.” Über die Schweiz, Paris und Brüssel kommen die niederländischen Frauen am 21. Mai in ihrem Heimatland an. Soldaten bringen Hendrika vier Tage später nach Amsterdam. Für sie ist der Krieg zu Ende.

Ehrung in Jerusalem 

Hendrika Heinsius wird von der niederländischen Regierung mit dem Widerstands-Gedenkkreuz ausgezeichnet. Ab 1946 arbeitet sie bei der „Stiftung 1940 – 1945”. Deren Aufgabe ist die Hilfe für Menschen, die aus deutschen Konzentrationslagern zurückgekehrt sind. Hendrika beantwortet am Telefon Fragen von Anrufern und versucht, ihnen bei der Lösung ihrer Probleme weiterzuhelfen. Im Büro lernt sie ihren späteren Ehemann Poet Gerritsen kennen, den sie 1950 heiratet. 1949 reisen beiden nach Deutschland und wollen in Naturfreundehäusern übernachten, weil sie dort wohl auf Menschen treffen werden, die „gut waren im Krieg”. In Limburg sieht Hendrika eines Tages eine Frau, die sie kennt: Eine ehemalige Aufseherin aus Ravensbrück. Sofort brechen beide die Reise ab. Kurze Zeit später erkrankt Hendrika schwer. In einer Klinik erfährt sie, dass sie wegen der körperlichen Strapazen in den Konzentrationslagern keine Kinder gekommen kann. Das ist eine erschreckende Diagnose für beide Eheleute.1968 kaufen sie sich einen alten Bauernhof abseits von Amsterdam und renovieren ihn. An jedem Wochenende fahren sie dorthin. 1989 macht das Paar eine Reise nach Israel. In Jerusalem wird Hendrika von Yad Vashem als Gerechte unter den Völkern geehrt. Sie erinnert sich an ihre Zeit in den Lagern und an einen Gedanken, den sie dort oft hatte: „Dass ich in dieser Zeit fortwährend Menschen um mich hatte, die meinten, mich hassen zu müssen, hat mich noch am meisten verwirrt. Die Aufseherinnen in Ravensbrück warfen mir vor, dass ich dreckig und voller Läuse war. Darin bildete ich keine Ausnahme, aber ich nahm es doch persönlich. [...] Sie nannten mich ein faules Stück Dreckvieh, weil sie fanden, dass ich faul wäre. Darin bildete ich keine Ausnahme, aber ich nahm es doch persönlich. Manchmal schlugen sie mich mit einem Stock. Darin bildete ich keine Ausnahme, aber ich nahm es doch persönlich. [...] Die Vorwürfe, die Beleidigungen und das Schlagen waren also persönliche Racheaktionen; sie hassten mich sichtlich. Warum? Ich hatte ihnen doch nichts getan?“

Hendrika Gerritsen-Heinsius starb am 27. Dezember 1990 in Amsterdam.

Biografien weiterer Gerechter unter den Völkern, die Häftlinge im KZ Dachau waren und andere interessante Artikel: Link

Quellen:

https://collections.yadvashem.org/en/righteous/4043182

https://www.gedaechtnisbuch.org/gerritsen-heinsius-kiky/

https://www.delpher.nl/nl/kranten/view?coll=ddd&identifier=ABCDDD:010833219:mpeg21:a0223

https://archiv.hdbg.de/dachau/pdfs/10/10_02/10_02_03.PDF

https://www.gedenkstaettenforum.de/fileadmin/forum/Veranstaltungen/Dokumente/2018/06_Juni/Einladung_Lesung_Kiky_Gerritsen-Heinsius.pdf

https://www.verzetsmuseum.org/dachau/hendrika-jacoba-heinsius

https://web.archive.org/web/20180407183618/http://www.evangelische-termine.de/veranstaltung_detail4539544.html?PHPSESSID=7aof9rlf042dkp9seja7m428t0

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