

Bildtexte: Jean Sévérain Lemaire 1943; Jean Sévérain Lemaire im Mai 1945; Jean Sévérain Lemaire 1975; Jean Sévérain Lemaire bei der Pflanzung seines Baums in Jerusalem 1976; Schwester Denise Bergon mit einem der in ihrem Internat versteckten Kinder. Alle Fotos: Rechte bei der Gedenkstätte Yad Vashem
Jean Sévérain Lemaire - Gerechte unter den Völkern aus dem KZ Dachau von Klemens Hogen-Ostlender
Der Staat Israel hat 1953 den Ehrentitel „Gerechter unter den Völkern“ für Menschen geschaffen, die unter Einsatz ihres Lebens Juden vor der Verfolgung durch Nationalsozialisten gerettet haben. Die Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem hat auch ehemalige Häftlinge aus dem Konzentrationslager Dachau auf diese Weise ausgezeichnet – nicht nur Männer aus dem Priesterblock, sondern auch Gefangene beiderlei Geschlechts aus der großen Zahl der Laien, die im Lager eingekerkert waren. Geehrte bekommen eine Plakette mit einem hebräischen Zitat. Es lautet in der Übersetzung „Wer immer ein Menschenleben rettet, hat damit gleichsam eine ganze Welt gerettet.“ Gerechte unter den Völkern erhalten in Anerkennung für ihre Taten außerdem die israelische Ehrenbürgerschaft, und wenn sie verstorben sind, auch die Staatsangehörigkeit im Gedenken. Bis zum 1. Januar 2024 haben nach der neuesten Statistik 28.707 Menschen aus 51 Ländern diese Ehrung erhalten, darunter 4.303 aus Frankreich. Einer von ihnen ist Jean Sévérain Lemaire.
Kontakt mit dem Service André
Jean Sévérain Lemaire wurde am 4.Juni 1906 in der französischen Küstenstadt Le Havre an der Seinemündung geboren. In Marseille war er als Dozent für Bibelstudien tätig, ehe er dort 1938 Pastor der Gemeinde der Reformierten Kirche von Frankreich wurde. Als Intellektueller und frommer Christ weigerte er sich, die Verfolgung von Juden in der bis 1942 nicht von den Deutschen besetzten so genannten „Freien Zone“ Frankreichs durch das Regime von Vichy hinzunehmen. Ende 1941 lernte Lemaire Joseph Bass kennen, einen in Russland geborenen Juden. Er war in den Untergrund gegangen und hatte eine Rettungsorganisation namens Service André gegründet (Sein Deckname in der Résistance war (Monsieur André"). Der Pastor erklärte sich bereit, diese Organisation zu unterstützen. Sie tat alles Menschenmögliche um unabhängig von Religion, politischer Überzeugung oder anderen Kriterien Menschen zu retten, die von der Vichy-Regierung oder dem deutschen NS-Regime verfolgt wurden. Unter ihnen waren viele Juden.
Zuflucht in anderen Teilen Frankreichs
Der Service André war in der Umgebung von Marseille und entlang der Mittelmeerküste aktiv. Die Organisation zog Menschen vieler Glaubensrichtungen an, die sich der Risiken bewusst waren, die sie eingingen. Sonntags nach dem Gottesdienst versorgte Pastor Lemaire jüdische Flüchtlinge mit gefälschten Papieren und den Adressen von Menschen, die bereit waren, ihnen Unterschlupf zu gewähren. Jüdischen Erwachsenen half er, die Grenze nach Spanien zu überqueren oder unterzutauchen. Mit seiner Hilfe wurden jüdische Schützlinge unter anderem bei christlichen Familien oder in christlichen Jugendeinrichtungen untergebracht.
Eine seiner Verbündeten war Denise Marie Justine Bergon vom Orden Sœurs de Notre-Dame de l'Immaculée-Conception (Schwestern unserer Lieben Frau von der Unbefleckten Empfängnis). Sie war während der deutschen Besatzung Frankreichs Direktorin des katholischen Internats Notre-Dame de Massip in der Kleinstadt Capdenac im Zentralmassiv, wo sie am 6. April 1912 auch geboren worden war. Ab Dezember 1942 beherbergte sie dort etwa 80 jüdische Kinder, deren Eltern deportiert worden waren oder sich vor dem Vichy-Regime oder der deutschen Besatzungsmacht versteckten. Sie verbarg außerdem elf Erwachsene in der Schule und vermittelte mehreren jüdischen Familien Unterschlupfmöglichkeiten.
5.000 Untergetauchte auf dem Plateau von Chambon-sur-Lignon
Der für Capdenac zuständige Erzbischof von Toulouse, Jules Saliège, unterstützte sie. Die Kinder in Notre-Dame de Massip erhielten falsche Papiere und christliche Identitäten. Nur vier Ordensschwestern waren eingeweiht, dass es sich um Juden handelte. Soweit möglich, half Denise Bergon den Kindern auch beim Aufrechterhalten der Kontakte zu ihren versteckt lebenden Eltern und begleitete sie in deren Verstecke. Der Service André schickte seine Schützlinge auch nach Chambon-sur-Lignon. Von Dezember 1940 bis September 1944 gewährten die rund 5.000 Einwohner dieses Orts und die etwa 24.000 Bewohner des umliegenden Plateaus rund 5.000 Menschen Zuflucht. Schätzungsweise 3.000 bis 500 von ihnen waren Juden, die vor den Vichy-Behörden und den Deutschen geflohen waren. Andere Flüchtlinge schickte der Service André ins Ausland.
Ein „großer Rabbiner mit schwarzem Bart“
1942 besetzte die Wehrmacht auch die „Freie Zone“. Nach der Landung von Amerikanern und Briten in Französisch-Nordafrika, traute Adolf Hitler es dem verbündeten Vichy-Regime nicht zu, die Mittelmeerküste gegen eine mögliche Alliierte Landung zu verteidigen. Am 14. März 1943 wurden Lemaire und Bass verhaftet, nachdem ein Anhänger des Regimes sie bei den Behörden denunziert hatte. Kurz zuvor war es dem Pastor noch gelungen, ein acht Monate altes Kind aus dem Gefängnis zu retten, in dem es mit 13 seiner Angehörigen festgehalten wurde. Joseph Bass gelang die Flucht. Jean Lemaire, der sich nicht verstecken wollte, wurde in derselben Zelle wie die verhafteten Juden im Gefängnis von Saint-Pierre eingesperrt. Er stärkte ihre Moral und betete mit ihnen am Sabbat. Francine Weil war zusammen mit ihren Großeltern, den Abravanels, verhaftet worden und hatte sich mit Keuchhusten angesteckt. Dank Lemaires energischem Eingreifen wurde sie ins Krankenhaus gebracht, von wo aus sie von Widerstandskämpfern befreit wurde. Sie erinnerte sich später an Jean Sévérain Lemaire als einen „großen Rabbiner mit schwarzem Bart“. Francine Weil schützte auch einen Juden, der mit in der Zelle saß und von anderen Häftlingen verdächtigt wurde, ein Informant zu sein.
Nach Mauthausen und Dachau
Zunächst schickte die Gestapo den Pastor nach Norden in das Lager Compiègne-Royallieu nicht weit von Paris. Am 6. April 1944 wurde er mit 1.488 Leidensgenossen in überfüllten Güterwaggons zusammengepfercht im Transportzug in Richtung KZ Mauthausen geschickt. Es herrschten katastrophale hygienische Verhältnisse bei diesem letzten Transport auf dieser Strecke. Die rund 1.000 Kilometer weite Fahrt dauerte zweieinhalb Tage. Nachdem die Neuankömmlinge im KZ registriert waren, wurde Jean Sévérain Lemaire mit rund 1.400 anderen in das etwa 80 Kilometer entfernte Kommando Melk geschickt. Dort wurden alle dem Projekt „Quarz“ zugeteilt. Dabei handelte es sich um den Bau einer riesigen unterirdischen Stollenanlage im Quarzsandstein für eine Fabrik von Steyr-Daimler-Puch zur Produktion von Kugellagern. Die Arbeitsbedingungen in diesen Stollen galten als extrem hart und lebensgefährlich. Am 29. November 1944 musste Jean Sévérain von Melk ins Konzentrationslager Dachau. Zwei Tage lang dauerte die Fahrt über die nicht einmal 350 Kilometer im Chaos der letzten Phase des Krieges. Knapp fünf Monate KZ-Haft hatte der Pastor noch zu überstehen. Berichten zufolge blieb er auch in der Haft seinem Beruf als Seelsorger treu.
„Ich war erschüttert von der Judenverfolgung“
Am 29. April 1945 befreiten amerikanische Truppen das Lager. Am 21 Mai 1945 kehrte Jean Lemaire körperlich stark gezeichnet zunächst nach Paris zurück. In Marseille erfuhr er, dass keiner der dort in der Zelle mit ihm inhaftierten Juden noch am Leben war. Er nahm seine Tätigkeit in der Stadt wieder auf und sagte über das Motiv seiner Taten einmal „Ich war stets gegen die Ideen und Handlungen der damaligen französischen Regierung, die meiner Ansicht nach – prinzipiell und größtenteils aufgrund von Beweisen – den christlichen Werten und den Evangelien widersprachen. Ich war besonders erschüttert von der zunehmenden Judenverfolgung, die mit der Verfolgung ausländischer Juden begann. Ich konnte nicht länger tatenlos zusehen, ohne den Gejagten, deren Zahl stetig wuchs, aktiv zu helfen. Ende 1941 nahm ich Kontakt zu Joseph Bass auf und erfuhr von der von ihm gegründeten Organisation, die den Verfolgten – ob Kinder, wehrfähige Männer oder ältere Menschen – half. Diese Arbeit hielt ich für gerechtfertigt und beschloss, sie nach Kräften zu unterstützen. Wir pflegten zahlreiche Kontakte zu christlichen und jüdischen Organisationen… Wir gründeten in Marseille und im gesamten südlichen Mittelmeerraum eine Organisation, in der Protestanten, Katholiken und Juden verschiedenster Glaubensrichtungen brüderlich zusammenarbeiteten… Wir halfen vielen Menschen, Verhaftung und Deportation zu entgehen, indem wir sie entweder versteckten oder ihre Einreise in die italienische Zone oder ins Ausland organisierten oder sie in vom Maquis kontrollierte Gebiete führten“.
Am 19. Februar 1976 erkannte Yad Vashem Jean Séverin Lemaire als Gerechten unter den Völkern an. Er starb am 20. Dezember 1985 in Marseille.
Biografien weiterer Gerechter unter den Völkern, die Häftlinge im KZ Dachau waren und andere interessante Artikel: Link
Quellen:
https://collections.yadvashem.org/en/righteous/4042873
https://www.ifcj.org/news/fellowship-blog/from-pastor-to-prisoner
https://encyclopedia.ushmm.org/content/fr/article/le-chambon-sur-lignon
https://mvr.asso.fr/lemaire/
https://www.holocaustrescue.org/clergy-who-aided-jews-in-france
https://yadvashem-france.org/dossier/nom/1807/
https://de.wikipedia.org/wiki/Denise_Bergon
https://campmauthausen.org/2024/03/compiegne-6-avril-80eme-anniversaire/
https://www.holocaustrescue.org/quotes-french-rescue-and-relief
https://yadvashem-france.org/dossier/nom/1807/
Biografien weiterer Gerechter unter den Völkern, die Häftlinge im KZ Dachau waren und andere interessante Artikel: Link
Bildtexte: Der Zaun des Konzentrationslagers Flossenbürg nach der Befreiung. Foto: public domain; Blick über das KZ Flosenbürg nach der Befreiung durch die 99. US-Infanteriedivision Foto: public domain; Schematische Karte des Konzentrationslagers Flossenbürg. Grafik: OpenStreetMap-Mitwirkende, openstreetmap.org, CC BY-SA 2.0.; Innenansicht einer Baracke des KZ Flossenbürg im Mai 1945. Foto: public domain; Die Hinrichtungsstätte im Arresthof des KZ Flossenbürg. Foto: concordiadomi CC-AS 3.0
Selige Märtyrer aus dem KZ Flossenbürg von Klemens Hogen-Ostlender
63 ehemalige Häftlinge des Konzentrationslagers Dachau sind bisher als Selige zur Ehre der Altäre erhoben worden, einer davon, Titus Brandsma, sogar als Heiliger. Auch Märtyrern aus dem anderen bayerischen Konzentrationslager, Flossenbürg, wurde diese Ehre zuteil. Dieser Artikel versucht, einen Überblick über diese Männer zu geben, zumindest, soweit Quellen zugänglich sind. Die Liste ist daher nicht abschließend.
Sieben Märtyrer stammen aus der Gruppe französisches Zwangsarbeiter und Seelsorger, die in den Kriegsjahren 1944/45 in Deutschland getötet und im Dezember 2025 seliggesprochen wurden:
Marcel Carrier
Marcel Carrier wurde am 29. April 1922 in Paris geboren. Schon in jungen Jahren trat er der Jeunesse Ouvrière Chrétienne, der Christlichen Arbeiterjugend bei. Er heiratete am 3. August 1940. Aus der Ehe gingen drei Töchter hervor. Nach seiner Einberufung zum Zwangsarbeitsdienst in Deutschland wurde er im August 1943 nach Weimar
geschickt. Er übernahm dort die Leitung der Katholischen Aktion und unterhielt zahlreiche Kontakte zu Führern und Priestern der Bewegung. Marcel Carrier pflegte eine ausführliche Korrespondenz und benutzt dabei einen Code, um nicht entdeckt zu werden. Außerdem gründete er eine Bibliothek für die Franzosen und war einer der wichtigsten Führer der Katholischen Aktion in Thüringen. Am 17. April 1944 wurde er in Weimar von der Gestapo verhaftet, weil seelsorgerische Betreuung für Franzosen in Deutschland nur erlaubt war, wenn es sich im kriegsgefangene Soldaten handelte. In Gotha wurde Marcel Carrier verhört und als staatsgefährdend vor Gericht verurteilt. Am 12. Oktober folgte die Deportation ins Konzentrationslager Flossenbürg. Er starb auf einem Evakuierungsmarsch am 6. Mai 1945 in Tachau (heute Tachov) im Egerland. Zwei Tage später war der Krieg zu Ende.
Henri Marrannes
Henri Marrannes wurde am 27. Juni 1923 in Ferrières-la-Verrerie in der Normandie geboren. Er arbeitete ab 1939 als Schreibmaschinenmechaniker und gründete einen Dienst für gegenseitige Hilfe und Solidarität für arme Familien. Am 6. November 1942 bot er sich anstelle eines verheirateten Familienvaters zum Arbeitseinsatz in Deutschland an und wurde nach Gera in Thüringen geschickt. Er bemühte sich dort sofort um den Aufbau der Katholischen Aktion, indem er Pfadfinder, Christliche Arbeiterjugend und Christliche Landjugend zu Treffen zusammenführte. In mehr als 240 Briefen forderte er Kameraden auf, zu studieren, um die Unmoral in den Arbeitslagern und die Unkenntnis über Glaubensfragen zu bekämpfen. Am 19. April 1944 wurde er verhaftet, verbotener katholischer Aktivitäten beschuldigt und nach fünfeinhalb Monaten im Gothaer Gefängnis am 12. Oktober in das KZ Flossenbürg deportiert. Nach nur fünf Tagen kam er ins Außenlager Zwickau. Dort musste er Teile für Wehrmachtsfahrzeuge und Torpedos in einer Fabrik herstellen, deren Leitung sich über den verwahrlosten Zustand der Häftlinge und die Seuchengefahr für ihre eigenen zivilen Arbeiter beschwerte. Am 4. April 1945 starb Henri Marannes im Lager.
Camille Millet
Camille Millet wurde am 20. Februar 1922 in Vertus im Osten Frankreichs geboren. Von 1940 bis 1942 arbeitete er als Gärtner, schloss sich der katholischen Jugendbewegung an, wurde Mitglied der Christlichen Arbeiterjugend und 1940 deren örtlicher Leiter. Als Zwangsarbeiter musste er ab Dezember 1942 bei einer Gärtnerei in Frankfurt arbeiten. Er hört nicht auf, sich in der Arbeiterjugend zu engagieren, zählte 1943 zu den Gründern von fünf lokalen Sektionen und organisierte ein regionales Treffen katholischer Führer in Nordthüringen. Es gelang ihm, die Genehmigung für die Rückkehr nach Frankreich zu erhalten. Am 19. April 1943 wurde er aber in Erfurt verhaftet, weil er einen Kapellenkoffer mit den Utensilien bei sich hatte, um heilige Messen feiern zu können. Die Gestapo
wertete das als Beweis seiner Schuld und der weiterer Kameraden. Im Gefängnis in Gotha waren sie zu elft in einer Zelle zusammengepfercht. Aus Blüten formten sie ein Kreuz, das die Blume der Jugend symbolisierte, die sie bald im Martyrium opfern würden. Vor diesem Kreuz beten alle gemeinsam. Am 25. September 1944 wurde Camille Millet wegen verbotener Tätigkeit im Zwangsarbeitsdienst verurteilt und am 12. Oktober ins KZ Flossenbürg deportiert. Er musste ebenfalls im Außenlager Zwickau in einer Waffenfabrik
arbeiten. Als er erkrankte und nicht mehr arbeiten kann, schickte die SS ihn nach Flossenbürg zurück. Dort starb er am 15. April 1945, neun Tage vor der Befreiung des Lagers.
Louis Pourtois
Louis Pourtois wurde am 24. Mai 1919 in Besançon in Ostfrankreich geboren. Bereits im Alter von acht Jahren engagierte er sich in der Pfarrgemeinde und beteiligt sich 1936 an der Gründung der Jugendbewegung „Cœurs Vaillants“ (Tapfere Herzen). 1940 übernahm er die Verantwortung für die entstehende Gruppe der Christlichen Arbeiterjugend in der Stadt. Am 7. Dezember 1942 musste er zum Zwangsarbeitsdienst nach Eisenach. Er leitete dort bald die Katholische Aktion und initiierte Theateraufführungen, Studienzirkel sowie Freizeitaktivitäten. Währenddessen arbeitet er 72 Stunden pro Woche in der Rüstungsindustrie. Am 19. April 1944 wurde er verhaftet und in Gotha verhört. Mit
elf Kameraden verurteilte ein Gericht ihn am 25. September 1944, weil seine katholische Tätigkeit eine Gefahr für den Staat und das deutsche Volk dargestellt habe. Am 12. Oktober wurde Louis Pourtois ins KZ Flossenbürg deportiert und einige Tage später ins Konzentrationslager Mauthausen in Österreich verschleppt. Dort starb er gesundheitlich schwer geschädigt am 20. April 1945 im Krankenrevier.
Jean Tinturier
Jean Tinturier wurde am 20. Februar 1921 in Vierzon in Zentralfrankreich geboren und nahm als junger Mann ein Theologiestudium auf, um Priester zu werden. Als er 1943 zum Zwangsarbeitsdienst in Deutschland sollte, erhielt er einen Aufschub, um eine dafür notwendige Ausbildung zum Fräser und Dreher machen zu können. Das sollte ihm helfen, in Deutschland zu verbergen, dass er Seminarist war. Am 21. September 1943 trat er mit drei anderen Seminaristen eine Stelle als Dreher in Schmalkalden in Thüringen an. Einmal im Monat organisierte er dort eine französische Messe für etwa 150 katholische Arbeiter, war Verbindungsmann zur Untergrundorganisation der Christlichen Arbeiterjugend sowie zu Priestern und Seminaristen der Nachbarstädte Eisenach, Gotha und Erfurt. Er förderte außerdem Studientreffen. Als sich im März 1944 die Nachricht verbreitete, dass die Gestapo ihnen auf den Fersen war, stellte Jean um seine Kameraden zu retten die Aktivitäten der Gruppe nach außen hin ein, wurde aber trotzdem am 18. April
verhaftet und wegen illegaler Aktivitäten verurteilt. Nach der Verschleppung in das Konzentrationslager Flossenbürg deportiert kam er ins KZ Mauthausen und schließlich nach Auschwitz. Als dort die Rote Armee näher rückte, transportierte die SS ihn nach Mauthausen zurück, wo er am 16. März 1945 mit einem Stück Holz in der der Hand, in das er zehn Kerben gemacht hatte, schwerkrank starb. Es war sein Rosenkranz.
André Vallée
André Vallée wurde am 9. November 1919 in Mortagne au Perche in der Normandie geboren. 1934 trat er als Maschinenführer in einer Druckerei der Christlichen Arbeiterjugend ein. Er schloss sich auch der Katholischen Aktion an. Im Juni 1940 wurde er zur Armee einberufen, geriet in Poitiers in deutsche Gefangenschaft und arbeitete nach seiner Entlassung in einem Jugendlager in der Auvergne. Im November 1942 wurde er als dienstverpflichteter Zwangsarbeiter nach Gotha in Thüringen. Gleich nach seiner Ankunft macht er drei weitere Mitglieder der Katholischen Aktion ausfindig, mit denen er eine erste Reflexionsgruppe gründet. Die Sektionen, die er mit seinem Bruder Roger aufbaute, wuchsen bald auf 60 Mitglieder an. Die Brüder teilten sich gegenseitig ihre Hilfsdienste auf, André besucht die Kranken in den Kliniken und kümmerte sich auch um die Bibliothek, die sie eingerichtet hatten, obwohl der Versand von Büchern aus Frankreich verboten war. Man übte christliche Lieder ein, organisiert heilige Messen zur geistlichen Unterstützung von Landsleuten und traf sich alle zwei Monate zu Kontakten mit den Verantwortlichen der Arbeiterjugend anderer Regionen. All das geschah im Untergrund. André wurde verhaftet, als die Gestapo ihm auf die Spur gekommen war, am 12.Oktober 1944 ins Konzentrationslager Flossenbürg deportiert und von dort dem Außenlager Leitmeritz im damaligen Protektorat Böhmen und Mähten zugeteilt. Dort starb er von den unmenschlichen Bedingungen der Gefangenschaft ausgezehrt. Sein Todestag war nach Zeugenaussagen wahrscheinlich der 31. Januar 1945. Er wurde aber erst am 15. Februar 1945 in Flossenbürg als „Angang“ registriert.
Roger Vallée
Roger Vallée, Andrés Bruder, wurde am 13. Dezember 1920 ebenfalls in Mortagne-au-Perche in der Normandie geboren. Nach dem Besuch der Grundschule trat er 1933 in das Kleine Seminar und 1940 in das Priesterseminar im normannischen Sées ein, wo er im Juni 1943 die niederen Weihen empfing. Zur Zwangsarbeit in Deutschland später als André eingezogen kam er im August 1943 wie sein Bruder nach Gotha an, und unterstützte ihn dort bei seinem Apostolat. Roger kümmerte sich vor allem um die
Entwicklung von wöchentlichen Studienkreisen, organisierte örtliche Sammlungen zur Unterstützung der Christlichen Arbeiterjugend und nahm an regionalen Treffen teil. Weil heiligen Messen für Ausländer polizeilich verboten waren, wurde Roger Vallée am 1. April 1944 festgenommen, verhört und mit zehn Kameraden in das Gefängnis von Gotha eingeliefert. Alle wurden beschuldigt, durch ihre katholische Tätigkeit bei französischen Kameraden eine Gefahr für den deutschen Staat und das deutsche Volk gewesen zu sein. Roger Vallée wurde am 12. Oktober 1944 ins KZ Flossenbürg deportiert und starb dort schon zweieinhalb Wochen später 29. Oktober 1944.
Marcel Callo
Marcel Callo wurde am 6. Dezember 1921 in Rennes, der Hauptstadt der Bretagne, geboren. Er wuchs in einer religiös geprägten kinderreichen Familie auf, arbeitete aktiv bei den katholischen Pfarfindern mit und trat mit 13 Jahren der Christlichen Arbeiterjugend bei. Zum obligatorischen Arbeitsdienst ging er als 22-jähriger nach einem gemeinsam in der Arbeiterjugend getroffenen Beschluss nach Zella-Mehlis im Süden Thüringens. Seiner Familie sagte er zum Abschied: „Ich gehe nicht als Deportierter, ich gehe als Missionar“.
Er lebte fortan in einem Arbeitslager und tat Dienst in der Waffenfabrik Walter. Im Lager sammelte er seine Kameraden zum Gottesdienst und war als Krankenpfleger und Chorleiter in der Christ-König-Kirche in Zella-Mehlis tätig. Er gründete eine katholische Aktionsgruppe aus französischen Jungarbeitern und Pfadfindern. Die Gestapo verhaftete ihn mit der Begründung, er habe sich durch seine katholischen Aktivitäten als Schädling für die Herrschaft der nationalsozialistischen Partei und für das Heil des deutschen Volkes erwiesen. Marcel Callo war für fünf Monate im Gefängnis in Gotha in Haft. Danach wurde er mit mehreren Kameraden zunächst ins KZ Flossenbürg deportiert. Über Hof kam er dann ins Konzentrationslager Mauthausen in Österreich und schließlich wurde er weiter ins nahegelegene KZ Gusen II geschickt. Dort musste er in einer unterirdisch verlagerten Fabrik in der Montage von Düsenflugzeugen des Typs Me 262 arbeiten. Nach wenigen Monaten der Ausbeutung wurde er in das „Krankenrevier“, das Sanitätslager beim KZ Mauthausen überstellt, wo er am 19. März 1945 starb. Aus Deutschland schrieb er zahlreiche Briefe an seine Eltern, seinen Bruder Jean und seine Verlobte Marguerite Derniaux. 70 davon bis heute als Glaubenszeugnisse und Beschreibungen seines Alltags erhalten. Marcel Callo gehörte ursprünglich zu Gruppe seiner 50 Landsleute, die im Dezember 2025 zur Ehre der Altäre erhoben wurden. Sein Verfahren wurde aber auf Veranlassung seines Bischofs abgetrennt, um eine frühere Seligsprechung zu ermöglichen. Papst Johannes Paul II. vollzog sie dann bereits 1987.
Odoardo Focherini
Odoardo Focherini wurde am 6. Juni 1907 in der norditalienischen Stadt Carpi geboren, in der sein Vater Tobia eine Eisenwaren-Handlung betrieb. Aus tiefem Glauben heraus engagierte Odoardo sich in der Laienbewegung „Katholische Aktion. 1928 wurde er Präsident des katholischen Jungmännerbundes, 1936 Präsident der Katholischen Aktion seiner Diözese. 1930 heiratete er Maria Marcheso (1909 – 1989). Das Paar bekam sieben Kinder. Ab 1934 arbeitete er für eine katholische Versicherungsgesellschaft in Verona und wurde 1939 in Bologna Geschäftsführer der katholischen Tageszeitung „L’Avenire d’Italia“ (Zukunft Italiens). 1937 verlieh ihm Pius XI. das Ritterkreuz des päpstlichen Sylvesterordens. 1938 stellte Focherini bei seiner Zeitung einen Juden namens Giacomo Lampronti ein, der wegen der italienischen Rassengesetze seine alte Arbeit verloren im vorherigen Job verloren hatte. Zwei jüdischen Flüchtlingen aus Polen verhalf er 1942 zum Grenzübertritt nach Spanien. Als nach der deutschen Besetzung auch in Italien die Deportationen begannen, organisierte Odoardo mit anderen die Flucht von mindestens 105 Juden in die Schweiz und ins von den Alliierten schon befreite Süditalien. Am 11. März 1944 wurde er von italienischen Faschisten verhaftet. Über Modena, Bologna sowie die italienischen Lager Fossoli und Gries bei Bozen wurde er am 5. September ins KZ Flossenbürg verschleppt. Einen Monat später musste er im Außenlager Hersbruck. Bei Nürnberg Zwangsarbeit leisten. Eine unbehandelte Verletzung am Bein führte zu einer Blutvergiftung, an der er Odoardo Focherini am 27. Dezember 1944 starb. 2013 wurde er seliggesprochen.
Verfahren für Franciszek Blachnicki läuft
Der 1917 in Gleiwitz (heute Gliwice) geborene Franciszek Blachnicki, der die Licht-Leben-Bewegung gründete, wurde von der Gestapo 1940 verhaftet, zunächst nach Auschwitz deportiert, später aber über verschiedene andere Haftorte ins Flossenbürger Außenlager Lengenfeld bei Zwickau verschleppt, wo er 185 von der US-Amee befreit wurde.1950 empfing er die Priesterweihe in Kattowitz. Nach der Teilnahme an einem Kongress katholischer Erneuerungsbewegungen durfte er nicht nach Polen zurückkehren und ließ sich in Carlsberg in Rheinland-Pfalz nieder. Sein plötzlicher Tod 1987 wurde zunächst auf eine Embolie zurückgeführt, aber durch eine Autopsie nach der Exhumierung seines Leichnams stellte sich heraus, dass er an einer Vergiftung gestorben war. In Warschau ist man sich sicher, dass der polnischen, kommunistischen Geheimdienst ihn ermordete. Das Verfahren zu seiner Seligsprechung wurde 1995 eröffnet.
Evangelische Märtyrer
Der am 4. Februar 1906 in Breslau Märtyrer Dietrich Bonhoeffer war als lutherischer Theologe ein prominenter Vertreter der Bekennenden Kirche und am Widerstand gegen den Nationalsozialismus beteiligt. Er wurde nach dem Attentat auf Adolf Hitler vom 20. Juli 1944 verhaftet, Anfang April 1945 ins Konzentrationslager Flossenbürg gebracht und dort am 9. April durch Erhängen hingerichtet.
Der am 5. Juni 1888 in Bottendorf bei Kassel geborene Georg Maus gehörte seit 1934 ebenfalls zur regimekritischen Bekennenden Kirche. Nachdem er Bombenangriffe auf Wuppertal als Strafe Gottes bezeichnet hatte, geriet er ins Visier der Gestapo. 1944 wurde Maus denunziert, weil er im Religionsunterricht bekräftigt hatte, das Liebesgebot Christi gelte auch für die Engländer, die Bombenangriffe flogen. Als er ohne Nahrung ins KZ Dachau transportiert werden sollte, verhungerte Maus unterwegs. Sein Leichnam wurde bei Plauen im Vogtland aus dem Zug geworfen, in Lichtenfels auf dem Friedhof beerdigt und 1960 auf die Ehrengedenkstätte des ehemaligen KZ Flossenbürg umgebettet.
Um finanzielle Unterstützung wird gebeten.
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