

Fotos: Verein zur Erforschung der sozialen Bewegungen in Wuppertal e.V.
Beispielhaft für die Einstellung der von Helmut Hesse bekämpften regimetreuen „Deutschen Christen“ war die Wahlhilfe mit SA-Unterstützung bei den Kirchenratswahlen bereits 1933 in Berlin. Foto: Bundesarchiv, Bild 183-1985-0109-502 / CC-BY-SA 3.0
So sah die Fahne der „Deutschen Christen“ gegen die Vater und Sohn Hesse kämpften, bereits 1932 aus, Foto: Maerlinfan13 CC-AS 4.0
Noch kein Gerechter unter den Völkern- Helmut Hesse von Klemens Hogen-Ostlender
Helmut Hesse setzte sich für verfolgte Juden ein und starb im KZ Dachau
Helmut Johannes Hesse wurde am 11. Mai 1916 in Bremen als jüngstes Kind des aus Ostfriesland stammenden reformierten Theologen Hermann Albert Hesse (1877 – 1957) geboren. Als Vikar der Bekennenden Kirche setzte Helmut Hesse sich für verfolgte Juden ein, wurde verhaftet, ins KZ Dachau deportiert und starb dort. Helmut hatte drei Brüder und eine Schwester. Der Gymnasialbesuch und ein Studium waren in der Familie obligatorisch. Zugleich aber beherrschte eine strenge Kirchenzucht den Alltag: Kein Theater, kein Kino, kein Wirtshausbesuch, kein Kartenspiel. Politisch dachte man vaterländisch. Hermann Albert Hesse nahm 1916 mit seiner Frau und den Kindern, darunter dem wenige Monate alten Helmut, einen Ruf an die reformierte Gemeinde in Elberfeld an, das 1929 mit Barmen, Ronsdorf, Cronen und Vohwinkel zu Wuppertal vereinigt worden war.
Strafverfahren gegen den Vater Hermann Albert Hesse
Hermann Albert Hesse war später Leiter des Predigerseminars in Elberfeld und Moderator des Reformierten Bundes in Deutschland. Die Staatspolizeistelle für den Regierungsbezirk Düsseldorf berichtete am 15. Mai 1934 an das Geheime Staatspolizeiamt in Berlin über ein Strafverfahren gegen den Pfarrer. Der Vorwurf: Er sollte während der Predigt am Ostermontag, dem 2. April, in der Sophien-Kirche den Hitler-Gruß sinnentstellend ausgelegt und außerdem die nationalsozialistische Weltanschauung mit der Bemerkung verunglimpft haben. Christus sei auferstanden, und deshalb erscheine ihm der ganze Rummel um Adolf Hitler lächerlich. In seiner Vernehmung berief sich Hesse jedoch erfolgreich darauf, dass seine Äußerungen missverstanden worden seien. Er habe sie nicht auf politische Fragen, sondern nur auf religiöse angewandt. Außerdem sei er ein guter Christ.
Der Sohn Helmut Hesse war in seiner Schulzeit als Leiter des Elberfelder Schülerbibelkreises auch in die Geselligkeit im Sinne der kirchlich-bündischen Jugendbewegung integriert mit Kluft, Freizeiten und Fahrten, Zupfgeigenhansel und Zeltlager. Die geschlossene „Überführung“ kirchlicher Jugendverbände in die Hitlerjugend machte dem ein Ende. Wieso der junge Mann 1934 in die SA eintrat und ihr ein Jahr angehörte blieb allen, die sich nach seinem Tod mit ihm beschäftigten, rätselhaft.
Folgenreiche Bestrafung bei der SA
Wegen verspäteter Rückkehr von Wochenendausflügen während des Arbeitsdienstes musste Helmut Hesse bei der SA mehrmals zur Strafe in einem Keller in knöcheltiefem Wasser stehen. Dabei zog er sich möglicherweise die Niereninsuffizienz zu, die für ihn zum Dauerleiden wurde. Alle drei Söhne der Familie studierten Theologie, Helmut ab 1935 an wechselnden Orten, darunter mehrere Male an einem illegalen Seminar der Bekennenden Kirche in Elberfeld, an der Universität Halle an der Saale sowie ein Wintersemester lang an der verbotenen Hochschule der Kirchenopposition in Berlin. Spiritus Rector dieser Einrichtung der Bekennenden Kirche (BK) war der reformierte Spandauer Superintendent Martin Albertz, einer der konsequentesten Bekenntnistheologen der Hauptstadt. Die Beziehungen zwischen dem Elberfelder Pfarrhaus Hesse und Albertz waren überaus eng. Helmut Hesse hatte außerdem Kontakte mit dem Pfarrhaus Walter Wendland im Bezirk Prenzlauer Berg. Es bestanden zudem Verbindungen zum Büro Pfarrer Grüber [ein gerechter unter den Völkern, im KZ Dachau inhaftiert] (Link zur Biografie von Heinrich Grüber) und zu Helmut Gollwitzer in Dahlem. Helmut Hesse arbeitete während seines Aufenthalts aktiv im Büro Grüber mit. Er setzte sich wie dessen Leiter für verfolgte und unterdrückte Menschen ein, indem der Pässe vermittelte sowie Lebensmittelkarten und Fahrausweise fälschte. Noch im Januar 1943 nahm er außerdem an einem „subversiven“ Treffen entschieden oppositioneller BK-Theologen im Pfarrhaus Wendland teil, bei dem Hilfsmaßnahmen für die verfolgten „Nichtarier“ beraten wurden. Mit Beginn des Studiums trat Helmut Hesse aus der SA aus. Er begründete das sowohl theologisch als auch praktisch. Der Dienst an Sonntagen stehe seinen Verpflichtungen als angehender Pfarrer im Wege.
Erlebnisse in Ungarn...
Als Student sparte Helmut Hesse auch gegenüber Instanzen der Bekennenden Kirche nicht mit Kritik. Der BK-Studentenschaft etwa hielt er vor, ihre Arbeit sei unzureichend. Er scheute sich nicht, um die Frage zu thematisieren, ob man nicht gegen die Verbreitung von Irrlehren protestieren müsse. Gemeint war damit die Ideologie der „Deutschen Christen“, der rassistischen, antisemitischen und am Führerprinzip orientierte Strömung im deutschen Protestantismus, die behauptete, man könne den Glauben mit dem Nationalsozialismus vereinbaren. Helmut Hesse verlangte hingegen, dass die BK-Studenten endlich ein klares Wort über das Verhältnis zur SA zu sagen müssten. 1938 unternahm er im Auftrag der Bekennenden Kirche mit einer Kommilitonin eine vierwöchige Reise durch Österreich und Ungarn, um dort über die deutschen protestantischen kirchenpolitischen Verhältnisse zu informieren und gleichzeitig die Situation in den beiden anderen Ländern zu erkunden. Schon was die beiden Abgesandten in Ungarn erlebten, hielt Helmut Hesse für „nicht mehr weit entfernt von der Deutsch-Christlichen Irrlehre“.
... und Österreich
In Österreich folgte dann die völlige Enttäuschung. Der Wiener Oberkirchenrat Gustav Zwernemann reagierte auf Hesses Informationen über den Kirchenkampf in Deutschland mit den Worten „Ich bekenne mich freudig zu Adolf Hitler als meinem Erlöser und stehe auf dem Boden des reformierten Bekenntnisses“. Aus Helmuts Notizen in seinem Reisetagebuch über den zufälligen Besuch einer katholischen Messe wird außerdem klar, dass er den dort erlebten Gauben ganz und gar ablehnte.
Über den Besuch bei einem evangelischen österreichischen Pfarrer, in dessen Gemeindebereich „fast nur steinreiche Juden wohnten“, notierte Hesse, die dortige Gemeinde sei „naturgemäß stark antisemitisch eingestellt“. In einer Predigt machte er den Menschen aber klar, dass jeder, der die „Judenfrage“ anders lösen wolle, „als sie am Kreuz des Judenkönig gelöst ist,“ unter dem Fluch und Zorn Gottes stehe.
Vom eigenen Vater ordiniert
Helmut Hesse legte sein erstes Examen im Frühjahr 1940 vor der Prüfungskommission der Rheinischen Bekennenden Kirche ab. Nach dem Vikariat meldete er sich im September 1941 zum Zweiten Examen an. Weil nach der Verhaftung der Berliner Prüfungskommission der BK auch die Kommission im Rheinland inzwischen ihre Arbeit eingestellt hatte, sollte er sich von der Evangelischen Kirche der Altpreußischen Union prüfen lassen, in der sowohl lutherische als auch reformierte (calvinistische) Gemeinden unter einer gemeinsamen Verwaltung existierten. Er verweigerte das und warf der Bekennenden Kirche schriftlich vor, lasse ihr Handeln durch solche Kompromisse „durch menschliche Berechnungen der Gefahr bestimmen statt durch den Glauben an Gottes Wort. Mehr als 700 andere junge reformierte Theologen waren ebenfalls seiner Meinung. Aus Berlin kam die Anregung, sie alle in einer kirchlichen Arbeitsgemeinschaft zu sammeln, um sie schützen und beraten zu können. Das wurde die Aufgabe von Helmut Hesses Vater. Nach länger dauernden fruchtlosen Auseinandersetzungen mit der rheinischen Prüfungskommission bat Helmut Hesse schließlich das Presbyterium der BK in Elberfeld, ihn zu visitieren und zu ordinieren. Das geschah in einem wohl einmaligen Vorgang. Nach einem Kollegium, das von der Führung der Bekennenden Kirche nicht autorisiert wurde, ordinierte Hermann Albert Hesse seinen jüngsten Sohn „zum Diener am Wort in der nach Gottes Wort reformierten Kirche“.
In der Bekenntnisgemeinde isoliert
Der Preis für den Alleingang war hoch. Vater und Sohn Hesse waren in der Bekenntnisgemeinde Elberfeld in einer relativ kleinen Gruppe isoliert. Superintendent Karl Windfuhr sah in ihnen „notorische Quertreiber“. Binnen sechs Tagen strich die rheinische Bekennende Kirche Helmut Hesse am 17. April 1943 von der Kandidatenliste. Der Kirchenkampfchronist Prof. Günther van Norden charakterisierte den Sohn später so: „Ein Bekenntnispfarrer, den die Bekennende Kirche nicht ertrug.“ Helmut Hesse habe jede von ihm empfundene Mäßigung derart kompromisslos bekämpft, dass er ab 1941 nur noch bei seinem Vater Dienst tun konnte. Bereits am 23. Mai veranlasste ein Sonntagsgottesdienst die Gestapo Düsseldorf, beim Reichssicherheitshauptamt in Berlin ein Verfahren gegen Helmut Hesse einzuleiten. Er hatte gegen ausdrückliches staatliches Verbot in einem Fürbitten-Gebet die Namen von inhaftierten Mitgliedern der Bekennenden Kirche verlesen, und dabei unter anderem auch die von Martin Niemöller und Link zur Biografie von Heinrich Grüber.
Ärger wegen Habakuk
Regimekritik war nichts Neues in Helmut Hesses Predigten. Als Vikar in Honnef hatte er bereits am 10. August 1941 wegen der NS-Judenverfolgung ausführlich die Klagen des Propheten Habakuk aus dem 7. Jahrhundert vor Christus thematisiert. Dessen Ausruf „Herr, wie lange soll ich schreien und du willst nicht hören?“ setzte Helmut Hesse beziehungsreich seine eigene Klage gegenüber: „Herr, wie lange soll ich schreien und du willst nicht hören - ist das nicht der Schrei der ganzen Welt des 20. Jahrhunderts?“. JHWHs Antwort an Habakuk war vor mehr als zweieinhalb Jahrtausenden die Ankündigung des Strafgerichts am Volk Israel durch die Chaldäer. Helmut Hesse bezog das 1941 angesichts der Kriegsereignisse auf die deutsche Gegenwart: „Das ist das Gericht Gottes über seine ungehorsame Kirche, die es nicht gewagt hat, Gottes Totalitätsanspruch … zu predigen, Das Tier ist losgelassen … und es rast, Wohnungen einzunehmen, die nicht seine sind“. In seiner Predigt über die Auferweckung des Lazarus kritisierte er 1943 nun die evangelische Kirchenpolitik und bezog dabei auch die Bekennende Kirche ein. Es war gleichsam ein geistlicher Bußruf. 194 Menschen hörten seine Worte, darunter 35 Männer, wie ein Spitzel der Gestapo akribisch mitzählte.
Zwei Predigten, zwei Verhaftungen
Die Predigten in den Sonntagsgottesdiensten am 23. Mai und am 6. Juni 1943 waren schließlich letzter Anlass für seine Verhaftung nicht nur Helmut Hesses Verhaftung, sondern auch die seines Vaters, der die Gottesdienste mit gestaltet hatte. Ein Gestapo-Beamter stenografierte am 6. Juni Wort für Wort mit, was Helmut Hesse sagte: „Als Christen können wir es nicht länger ertragen, dass die Kirche in Deutschland zur Verfolgung der Juden schweigt. Was uns dazu bewegt, ist das einfache Gebot der Nächstenliebe. Die Judenfrage ist eine protestantische Frage und keine politische. Die Kirche muss jedem Antisemitismus in der Gemeinschaft widerstehen. Gegenüber dem Staat muss die Kirche die Bedeutung Israels in der Heilsgeschichte bezeugen und jedem Versuch widerstehen, das Judentum zu vernichten. Jeder Nicht-Arier, ob Jude oder Christ, ist heute in Deutschland den Mördern zum Opfer gefallen“. In der Nacht zum 31. Mai hatte ein verheerenden Bombenangriff der Royal Air Force Barmen weitgehend zerstört und tausende Bewohner getötet. Der Vater Hermann Albert Hesse bezeichnete ihn als „gewaltiges Gericht Gottes“ und und rief Kirche und Volk zur Buße auf.
Harte Untersuchungshaft für Vater und Sohn
Am 8. Juni 1943 wurden Vater und Sohn von der Wuppertaler Gestapo verhaftet und zunächst in Barmen inhaftiert. Nach Günther van Nordens Worten war das auch die Folge davon, dass die Streichung des Sohns von der Kandidatenliste ihn gleichsam vogelfrei gemacht hatte. Mehr als fünf Monate lang wurden beide unter zermürbenden Haftbedingungen festgehalten. Bei der Hausdurchsuchung fanden die Beamten weiteres belastendes Material. Die Vernehmungsprotokolle aus der Untersuchungshaft lesen sich phasenweise wie theologische Erörterungen zur so genannten „Judenfrage“, bei denen der Sohn nicht müde wurde, die heilsgeschichtliche Erwählung des jüdischen Volkes zu betonen. Bewusst habe Gott mit Jesus einen Juden für das Heil der Welt bestimmt. Bereits bei Helmut Hesses Probepredigt am 28. Februar 1941 und bei einem Visitationsgespräch am Tag vor seiner Ordination war es um das Thema Heil für Israel gegangen. Der junge Vikar hatte damals betont: „Die Christen können das Erbarmen, von dem sie selbst leben, nicht schlimmer verspotten, als wenn sie die Juden verspotten, weil diese von Gott verworfen seien“.
Tod nach neun Tagen in Dachau
Den Tatbestand der Heimtücke sahen die Ermittler 1943 als erfüllt an. Das „Heimtückegesetz“ vom 20. Dezember 1934 (eigentlich „Gesetz gegen heimtückische Angriffe auf Staat und Partei und zum Schutz der Parteiuniformen“) war ein wesentliches Instrument des NS-Regimes, um Kritik zu unterdrücken, Meinungsfreiheit einzuschränken und die Opposition einzuschüchtern. Es kriminalisierte durch die Androhung harter Strafen alle kritischen Äußerungen, die angeblich das Wohl des Reiches, das Ansehen der Reichsregierung oder der NSDAP schwer schädigten. Weil die NS-Justiz scheute im Fall der Hesses wie oft auch sonst Aufsehen erregende Prozesse. Manche Verfahren wurden auf Anweisung aus dem Justizministerium oder der Parteikanzlei niedergeschlagen, weil Äußerungen über Euthanasie, Judenverfolgung oder die katastrophale Niederlage von Stalingrad nicht öffentlich erörtert werden sollten. Der Chef des Reichssicherheitshauptamts, Ernst Kaltenbrunner, ordnete im doppelten Fall Hesse deshalb „Schutzhaft“ im KZ an. Am 14. November 1943, einem Sonntag, wurde Hermann Albert Hesse in den Priesterblock des Konzentrationslagers Dachau eingeliefert. Einen Tag später traf dieses Schicksal auch seinen Sohn Helmut. Beide waren durch die lange Untersuchungshaft bereits geschwächt. Vor allem Helmuts Zustand war wegen seines Dauerleidens aber besorgniserregend. Lebenswichtige Medikamente wurden ihm verweigert. Sein Vater wachte nächtelang bei ihm, bis Helmut ins Revier, die Krankenbaracke, verlegt wurde. Er war nicht bei seinem Sohn, als der am 24. November 1943, einem Mittwoch, starb und konnte Helmut nur noch die Augen zudrücken. Mehrere Quellen weisen darauf hin, dass die Niereninsuffizienz möglicherweise auf das Strafstehen im Wasser bei der SA zurückführen war. Als „offizielle“ Todesursache steht in der Sterbeurkunde der Lagerleitung Sepsis post Anginam (Sepsis nach einer Mandelentzündung).
„Die Sache mit Helmut“
Helmut Hesses Lebens- und Leidensgeschichte wurde nicht nur zu Lebzeiten überschattet von etwas, das man vor seinem Tod meist nur „die Sache mit Helmut“ nannte. Bei der Hausdurchsuchung fand die Gestapo einige private Briefe, die auf eine Liebesbeziehung Helmuts zu einer verheirateten Frau mit einem schulpflichtigen Kind hinwiesen, deren Ehemann an der Front kämpfte. Dass es die Affäre mit der namentlich nicht genannten Frau gab, steht außer Frage. Hermann Klugkist Hesse (nicht verwandt mit Hermann Albert und Helmut), ein Pastor aus Elberfeld, versuchte, die Folgen der Entdeckung der Gestapo mit den Gemeindemitgliedern und der Kirchenleitung in Elberfeld sowie mit Helmut selbst zu klären. Gerüchte über die Angelegenheit hatten sich in der reformierten Gemeinde und darüber hinaus schnell verbreitet. Klugkist Hesse berichtete, dass die örtlichen Kirchenführer Helmut während seiner fast sechsmonatigen Tortur in Untersuchungshaft kein einziges Mal besuchten, obwohl sie das Recht dazu hatten. Sein Biograf Manfred Gailus charakterisierte Helmut Hesse aufgrund seiner körperlichen und psychischen Gebrechlichkeit sowie seiner strengen reformierten Erziehung als einen zwar „schwierigen Märtyrer“, aber dennoch als Märtyrer. Trotz seiner Eigenheiten und Schwächen habe er aufgrund seines unglaublich mutigen Eintretens insbesondere für Juden, aber auch für seine Mitstreiter in der Bekennenden Kirche, die es gewagt hatten, sich offen gegen das Regime auszusprechen, einen besonderen Platz im Pantheon der protestantischen Helden und Märtyrer verdient.
Telegramm über das Ableben von Häftling 58162
Am 25. November 1943 ging bei der Gestapo Düsseldorf ein Telegramm aus Dachau betreffs „Ableben des Sch.--Gefg. HESSE, Helmut, geb. 11. 15. 16 ... Gefg.--Nr.58162“ ein: „Es wird gebeten, die Angehörigen (als solche sind hier bekannt) Mutter Martha Hesse, Wuppertal, Adolf Hitlerstr. 34 entspr. dem Erlass des RFSS [Reichsführer SS] vom 21.5.42 ...zu verständigen.“ Wenige Wochen später folgte ein Nachlassbescheid an die Stapoleitstelle Düsseldorf. Helmut Hesses Nachlass bestand demzufolge aus „A). Effekten: 1 Hut, 1 Mantel, 1 Rock, 1 Weste, 1 Hose, 1 Pullover, 5 Hemden, 1 Unterhose, 1 Paar Socken, 2 Paar Schuhe, 1 Paar Hausschuhe, 1 Schlafanzug, 1 Geldbörse, 2 Bücher, 1 Koffer – B). Wertsachen: Keine – C). Bargeld: Keines - . Im Sinne des Erlasses des Herrn Reichsinnenministers wird ersucht, die Anschrift der erbberechtigten Angehörigen bekanntzugeben“. Die SS Dachau bat die Stapoleitstelle also, ihr die Adresse der Mutter mitzuteilen, die sie der Stapo kurz zuvor erst selbst genannt hatte. „Bargeld: Keines“ widersprach außerdem den amtlichen Angaben der Häftlings-Effektenverwaltung. Bei seiner Einlieferung hatte Helmut Hesse danach nämlich 54,30 Reichsmark in Bar bei sich, die auch beim „Abgang“, wie der bewusst herbeigeführte Tod genannt wurde, noch vorhanden waren.
Zwangspensionierung „mit den besten Wünschen“
Hermann Albert Hesse wurde nach beharrlichem Drängen seiner Frau, nach langem Zögern auch von der Elberfelder Gemeinde unterstützt, in Anbetracht seiner „besonders gelagerten familiären Verhältnisse“ am 18. April 1944 aus dem KZ Dachau entlassen. Von seinen vier Söhnen waren drei gestorben. Zwei fielen an der Ostfront. Das Konsistorium der rheinischen Kirche hatte den Pfarrer schon zwangsweise in den Ruhestand geschickt, als er noch in Wuppertal Untersuchungshaft saß, und zwar „mit dem Ausdruck bester Wünsche für einen gesegneten Lebensabend“. Nach Kriegsende wurde die Absetzung für rechtswidrig erkannt. Eine Wiedereinsetzung in eine Pfarrstelle gab es trotzdem nicht. Der 68-jährige kehrte nach der Freilassung auch nicht nach Elberfeld zurück, sondern zog zunächst in seine Geburtsstadt Weener in Ostfriesland. Später siedelte er ins 15 Kilometer von Elberfeld entfernte Velbert über. Zeitweise war er danach seelsorgerisch tätig, aber nicht für die seine ehemalige reformierte Gemeinde, sondern für die Niederländisch-Reformierte in Wuppertal. Hermann Albert Hesse starb am 26. Juli 1957. Sein Grab befindet sich in Elberfeld nach seinem Wunsch auf dem Friedhof der Niederländisch-Reformierten Gemeinde.
Jahrelange „subversive“ Hilfe für verfolgte Juden?
Einige Quellen erwähnen fast wörtlich gleichlautend, Helmut Hesse habe nicht nur in seiner Studienzeit in Berlin, sondern auch danach bis zu seiner Verhaftung 1943 für Menschen, die vom Regime verfolgt wurden, Pässe organisiert sowie Lebensmittelkarten und Fahrausweise gefälscht habe. Das geht offenbar auf Informationen aus eine Veranstaltung im Jahr 2006 zurück, die unter anderem von der Citykirche Elberfeld organisiert wurde. Der Historiker Professor Manfred Gailus erwähnt das in seiner ausführlichen Biografie Hesses mit keinem Wort. Angaben darüber, ob Hesse die Papiere selbst gefälscht oder aus Widerstandskreisen beschafft habe, gibt es ebenfalls nicht. Propst Heinrich Grüber, mit dem gemeinsam Helmut Hesse in Berlin Fälschungen beschafft hatte, wurde von der Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem als Gerechter unter den Völkern geehrt. Wenn Hesse dies ebenfalls unter unmittelbarer Lebensgefahr getan hat, hätte diese Ehrung auch ihm zuteil werden können – vorausgesetzt, dass ein durch ihn Geretteter oder ein Zeuge seiner Aktivitäten das nach den Bestimmungen Yad Vashems überprüfbar beantragt hätte. Informationen über einen solchen Antrag gibt es indes nicht.
Ehrungen, aber kein Straßenname
Die Evangelische Kirchengemeinde Elberfeld hat 2008 in der Friedhofskirche ein Fenster gestalten lassen, das mit einem Zitat aus der Bergpredigt an Helmut Hesse erinnert: „Selig sind, die um Gerechtigkeit willen verfolgt werden“. Es zeigt aber weder ein Bild des Märtyrers noch eine thematische Darstellung seines Leidensweges. Hesses „Spuren und Wege“ soll der Betrachter ohne bildliche Darstellung selbst ergründen. Am 75. Todestag Helmut Hesses wurde außerdem vor der Kirche eine Gedenktafel für den Ermordeten aufgestellt. Die Diakonie Wuppertal hat eine Einrichtung für Menschen, die aufgrund psychischer Erkrankungen eine geschützte Umgebung mit professioneller Betreuung brauchen, nach Helmut Hesse benannt. Der Verein zur Erforschung der Sozialen Bewegungen im Wuppertal hat 2017 in der Bezirksvertretung den Antrag gestellt, die namenlose knapp 200 Meter lange baumbestandene schmale Grünfläche zwischen der Brunnenstraße und der Schreinerstraße, durch die ein Fußweg führt, offiziell „Helmut-Hesse-Park“ zu nennen. Die Wuppertaler Kommission „Kultur des Erinnerns“ lehnte das ab, weil der Platz „den Verdiensten von Hesse nicht angemessen" sei. Vom zeitweise geplanten Antrag auf Umbenennung eines Teils der Hochstraße oder der Alemannenstraße in unmittelbarer Nachbarschaft des ehemals Hesseschen Pfarrhauses hat der Verein abgesehen, weil dies mit Aufwand für die Anwohner verbunden gewesen wäre. Bliebe noch der bislang namenlose ebenfalls parkähnliche Vorplatz der Friedhofskirche Ecke Hochstraße/Alemannenstraße. Eine Mitarbeiterin der Wuppertaler Liegenschaftsverwaltung hatte der evangelischen Kirchengemeinde Elberfeld-Nord bereits 2018 vorgeschlagen, ihm den offiziellen Straßennamen Helmut-Hesse-Platz zu geben. Das ist bis heute aber nicht geschehen.
Biografien weiterer Gerechter unter den Völkern, die Häftlinge im KZ Dachau waren und andere interessante Artikel: Link
Quellen:
https://de.wikipedia.org/wiki/Deutsche_Christen
https://praesesblog.ekir.de/helmut-hesse-ein-mutiger-der-erinnerung-verdient/
https://www.wz.de/nrw/wuppertal/gedenken-an-einen-helden-mit-makeln_aid-34708047
https://de.wikipedia.org/wiki/Heimtückegesetz
https://www.tagesspiegel.de/wissen/ein-leben-gegen-die-nazis-4624306.html
Helmut Hesse, Evangelische Kreuzkirche München-Schwabing, Markus Springer, abgerufen am 18.4.2026
https://www.njuuz.de/home/politik/fuer-einen-helmut-hesse-park-in-der-elberfelder-nordstadt/
https://collections.arolsen-archives.org/de/search/topic/1-1-6-2_01010602-073-214?s=helmut%20hesse
https://de.wikipedia.org/wiki/Hermann_Albert_Hesse
https://de.evangelischer-widerstand.de/html/view.php?type=kurzbiografie&id=57&l=de
https://zwingliusredivivus.wordpress.com/2025/07/26/the-anniversary-of-hesses-death/
Eberhard Röhrig: Widerstand und Theologie, Märtyrer Hesse, Wuppertaler Theologe. Veranstaltung der Else-Lasker-Schüler Gesellschaft, der City-Kirche Elberfeld und der Gewerkschaft ver.di am 1. April 2004
Fotos:
Das so genannte Oranjehotel in Scheveningen, das erste Gefängnis, in dem Elisabeth Hermsen inhaftiert war. Foto: Public Domain
Im Agfa-Kommando, einem Außenlager des KZ Dachau, mussten Frauen Zünder für Flakgranaten und Teile von V-Waffen herstellen. Foto: Public Domain.
In diesem Gebäude in der Münchner Weißenseestraße wohnten die Frauen des Agfa-Kommandos“. Foto: Public Domain.
Elisabeth Hermsen in jungen Jahren. Foto: Yad Vashem
Zwei Glückwunschkarten zu Elisabeth Hermsens 50. Geburtstag in KZ-Haft. Foto: Yad Vashem
Glückwunschkarte zu Elisabeth Hermsens 50. Geburtstag von Hubert Kraemer. Foto: Yad Vashem
Glückwunschkarte zu Elisabeth Hermsens 50. Geburtstag von einer nicht identifizierten Mitgefangenen. Foto: Yad Vashem
Elisabeth Jacoba Hermsen, Gerechte unter den Völkern aus dem KZ Dachau von Klemens Hogen-Ostlender
Der Staat Israel hat 1953 den Ehrentitel „Gerechter unter den Völkern“ für Menschen geschaffen, die unter Einsatz ihres Lebens Juden vor der Verfolgung durch Nationalsozialisten gerettet haben. Die Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem hat auch ehemalige Häftlinge aus dem Konzentrationslager Dachau auf diese Weise ausgezeichnet – nicht nur Männer aus dem Priesterblock, sondern auch Gefangene beiderlei Geschlechts aus der großen Zahl der Laien, die im Lager eingekerkert waren. Geehrte bekommen eine Plakette mit einem hebräischen Zitat. Es lautet in der Übersetzung „Wer immer ein Menschenleben rettet, hat damit gleichsam eine ganze Welt gerettet.“ Gerechte unter den Völkern erhalten in Anerkennung für ihre Taten außerdem die israelische Ehrenbürgerschaft, und wenn sie verstorben sind, auch die Staatsangehörigkeit im Gedenken. Bis zum 1. Januar 2024 haben nach der neuesten Statistik 28.707 Menschen aus 51 Ländern diese Ehrung erhalten, darunter 6.137 aus den Niederlanden. Eine von ihnen ist Elisabeth Jacoba Hermsen.
Der Weg in den Untergrund
„Liesbeth“ Hermsen wurde am 16. April 1895, einen Tag nach Ostermontag, in der Kleinstadt Muiden bei Amsterdam geboren. Sie war das jüngste von zehn Kindern ihrer Eltern. Ihre Mutter starb, als das Mädchen fünf Jahre alt war. Der Vater heiratete erneut und hatte mit seiner zweiten Frau noch einen Sohn. Liesbeth kam zunächst in ein Kinderheim und später zu einer Familie im nahegelegenen Hilversum. Mit 18 Jahren zog sie nach Den Haag, absolvierte eine Ausbildung zur Krankenschwester und eröffnete ein Altenheim im nicht weit entfernten Duinoord an der Küste. Während des Zweiten Weltkriegs war sie Mitglied der Scheveninger Abteilung der LO (Landelijk Organisatie voor Hulp aan Onderduikers, Landesweite Organisation für Hilfe für Untergetauchte). Sie war nicht nur Kurierin, sondern nahm auch Menschen, die sich vor den deutschen Besatzern verstecken mussten, in ihrem Haus auf. Anfang 1943 lebten in ihrem Altenheim beispielsweise heimlich sechs Juden und die nichtjüdische Patientin Rie Polak-Mair.
Über Ravensbrück nach Dachau
Am 16. Februar 1944 wurde in Amsterdam ein Jude festgenommen, der davon wusste. Bei seiner Vernehmung gab er auch Unterbringungsadressen preis. Zwei Tage später wurden mehrere Menschen verhaftet, und am 24. Februar folgte eine Razzia der niederländischen Polizei in Liesbeth Hermsens Altenheim. Sie selbst, Rie Polak-Mair und die sechs Jüdinnen wurden verhaftet und in das „Oranjehotel“ in Scheveningen gebracht. Der Name bezog sich auf das Haus Oranien-Nassau, das niederländische Königshaus. Da das Tragen von Symbolen oder das Zeigen der Nationalfarben unter der Besatzung verboten war, wurde „Oranje“ zum Synonym für den Widerstand und die Loyalität zur Königin im Exil. Die verhafteten Jüdinnen kamen über das niederländische Lager Westerbork nach Auschwitz und wurden dort in der Gaskammer ermordet. Liesbeth Hermsen und Rie Polak-Mair mussten zunächst im Konzentrationslager Herzogenbusch Zwangsarbeit für die Philips-Werke leisten und kamen im September 1944 ins Frauen-KZ Ravensbrück. Einen Monat später wurden sie mit 250 meist anderen Niederländerinnen ins so genannte Agfakommando, einem Außenkommando des Konzentrationslagers Dachau in München-Giesing, abtransportiert. Ausschließlich Frauen mussten dort im Auftrag der AGFA-Werke Zeitzünder für Flugabwehrgranaten zusammensetzen und Teile für die „Vergeltungswaffen“ V1 und V2 herstellen. Sie waren im einem noch nicht fertiggestellten neuen Wohnblock in der Weißenseestraße 7–15 in Giesing untergebracht, der aber bereits bei einem Bombenangriff beschädigt worden war. Ein Stacheldrahtzaun und Wachtürme umgaben das Gebäude. Der Fußweg zum Agfa-Werk dauerte etwa 20 Minuten.
Kameradschaft im Agfa-Kommando
Die Neuankömmlinge aus Ravensbrück lösten die gleiche Zahl von überwiegend polnischen Frauen ab, die dorthin zurückgeschickt wurden. An den Fließbändern in Giesing arbeiteten auch deutsche Zivilistinnen. Die Niederländerinnen hatten einen starken Zusammenhalt, bastelten in ihrer knappen Freizeit gemeinsam, schrieben Gedichte und veranstalteten Gottesdienste. Das Wachpersonal in der Fabrik klagte oft über Sabotage bei der Produktion von Bauteilen und an Maschinen. Noch vor der Jahreswende brach im Agfa-Kommando Tuberkulose aus. Deshalb richtete die SS im Stammlager Dachau ein kleines Frauenkrankenhaus ein. Im Februar 1945 kam Liesbeth Hermsen als dessen Leiterin[1] dorthin, obwohl sie selbst krank war. Zwei Monate später, am 26. April, wurde das Agfa-Kommando geräumt und die meisten Häftlinge zu Fuß evakuiert. Am 28. April 1945 wurden sie in Wolfratshausen ostwärts des Starnberger Sees von den Amerikanern befreit. Etwa zehn kranke Niederländerinnen blieben im Stammlager Dachau zurück. Liesbeth Hermsen und ihre Kameradin Jo Goos versorgten sie, bis amerikanische Truppen am 29. April auch das KZ Dachau erreichten und befreiten. Da Hermsen immer noch an Flecktyphus[2] litt, konnte sie nicht sofort in ihre Heimat zurückkehren, sondern blieb bis zum 27. Mai 1945 in Dachau. Auch nach ihrer Rückkehr in die Niederlande musste sie noch monatelang in einem Krankenhaus gepflegt werden.
50. Geburtstag im KZ
Die beispielhafte Solidarität der Niederländerinnen, die meist zu sechst in einem Zimmer des Wohnblocks untergebracht waren, wird aus erhalten gebliebenen Souvenirs deutlich, die sie anfertigten. Eine Bastelarbeit lässt die religiöse Basis, die manchen Kraft gab, ihr Los auszuhalten, erkennen: „Was auch immer die Zukunft bringen mag, die Hand des Herrn wird mich leiten“. Und zum Jahreswechsel 1944/45 schrieb eine Gefangene auf ein anderes Werkstück: „ Alles Gute, aber vor allem eine schnelle Heimkehr und ein Wiedersehen mit meinen Lieben“. Erhalten ist auch ein Geschenk an eine gewisse Anna Els mit der Inschrift „In Erinnerung an jene Zeit, als du in München unsere Blockälteste warst und ja, du hast oft über uns gemeckert, aber du wolltest uns nie schaden“. Anna Els wurde am 1. April 1899 (wahrscheinlich in Düsseldorf) geboren, kam im September 1944 als politische Gefangene mit den niederländischen Frauen ins Agfa-Kommando und wurde von der SS als Blockälteste eingesetzt, die für die Ordnung und Organisation innerhalb der Baracken zuständig war. Während Kapos und oft für ihre Grausamkeit gegenüber Mitgefangenen berüchtigt waren, nutzte Liesbeth ihre Position, um die inhaftierten Frauen zu schützen. Anna Els unterstützte sie bei Sabotageakten und half dabei, den internen Zusammenhalt zu wahren. Nach dem Krieg war sie eine wichtige Zeugin für die Zustände im Lager.
Ein außergewöhnliches Zeugnis der Menschlichkeit unter extremen Bedingungen sind in den Akten von Yad Vashem zwei ebenfalls erhaltene Glückwunschkarten zu Elisabeth Hermsens 50. Geburtstag, 13 Tage vor der Befreiung des Lagers. Zu diesem Zeitpunkt starben in Dachau täglich hunderte Menschen an Typhus und Entkräftung. Dass ein Häftling die Mühe und Gefahr auf sich nahm, Papier zu stehlen, um der Krankenschwester zum Geburtstag zu gratulieren, unterstreicht die enge Solidarität innerhalb des internationalen Lagerwiderstandes kurz vor dem Zusammenbruch des NS-Regimes. Die Karte zeigt einen liebevoll gezeichneten Blumenstrauß und auf einem Schriftband die Inschrift „Warteliste gelukgewenst door Hubert Kraemer“ („Herzlichen Glückwunsch von Hubert Kraemer“). Darunter stehen die Worte „16. April 1945 Dachau Frauenrevier“.
Es gab einen Funktionshäftling dieses Namens (oft auch Krämer geschrieben), Hubert Kraemer mit der Häftlingsnummer 119 560. Er war luxemburgischer Staatsangehöriger und stammte aus dem Ort Merch nördlich der Hauptstadt Luxemburg. Kraemer war am 25. März 1942 als politischer „Schutzhäftling" ins KZ gekommen. Er wurde wie die Adressatin der Karte am 29. April 1945 von den ankommenden Amerikanern befreit und konnte neun Tage später seinen eigenen 25. Geburtstag in Freiheit feiern. Seine Funktion gab ihm möglicherweise Kontakt zum Frauenblock, zum Beispiel in der Verwaltung der Krankenakten oder in der Medikamentenbeschaffung. Nur solche Häftlinge mit einer gewissen Bewegungsfreiheit innerhalb des Lagers hatten Zugriff auf Papier und die Möglichkeit, Nachrichten zwischen dem Männer- und dem Frauenbereich schmuggeln zu lassen. Auf der anderen Karte steht unter dem ebenfalls gezeichneten Bild einer Glucke mit Rotkreuzhaube, die auf vier Küken sitzt, „Liebe Schwester Liesbeth, Wenn ich dich inmitten der Frauenschar wie eine fürsorgliche Mutter sehe, wünsche ich dir, dass du bald nach Hause gehen kannst.“
Leben nach dem Krieg
Nach dem Krieg lebte Elisabeth Hermsen unter anderem in Den Haag Die gesundheitlichen Belastungen belasteten sie noch jahrelang massiv. Wie viele Überlebende sprach sie gegenüber ihrer Familie kaum über die traumatischen Erlebnisse in den Lagern. Sie arbeitete aber wieder in ihrem Beruf als Krankenschwester. Berichten zufolge war sie eine kraftvolle und fürsorgliche Frau, die sich zeitlebens um andere kümmerte. In den 1970er Jahren, also bereits im fortgeschrittenen Alter, nahm sie Klavierunterricht bei der Komponistin Marjo Tal, einer Jüdin, die auch Widerstandskämpferin gewesen war. Zwischen den beiden Frauen entwickelte sich eine tiefe Freundschaft. Elisabeth Hermsen überlebte den Zweiten Weltkrieg um 35 Jahre. Sie starb am 8. Dezember 1980. Jüdinnen, die durch ihre Hilfe den Krieg überlebt hatten sowie ihre eigene Familie, vor allem ihre Nichte, reichten Jahrzehnte nach ihrem Tod eine Dokumentation bei Yad Vashem ein, um sicherzustellen, dass ihre Zivilcourage offiziell anerkannt wird. Yad Vashem vollzog die Ehrung von Elisabeth Hermsen schließlich 2018.
Quellen: https://de.wikipedia.org/wiki/KZ-Außenlager_München_(Agfa_Kamerawerke)
https://www.verzetsmuseum.org/dachau/elisabeth-jacoba-hermsen
https://nl.wikipedia.org/wiki/Liesbeth_Hermsen
Biografien weiterer Gerechter unter den Völkern, die Häftlinge im KZ Dachau waren und andere interessante Artikel: Link
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