

Bildtext: Jan van Elk. Foto: Yad Vashem
Jan van Elk – Gerechte unter den Völkern aus dem KZ Dachau von Klemens Hogen-Ostlender
Der Staat Israel hat 1953 den Ehrentitel „Gerechter unter den Völkern“ für Menschen geschaffen, die unter Einsatz ihres Lebens Juden vor der Verfolgung durch Nationalsozialisten gerettet haben. Die Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem hat auch ehemalige Häftlinge aus dem Konzentrationslager Dachau auf diese Weise ausgezeichnet – nicht nur Männer aus dem Priesterblock, sondern auch Gefangene beiderlei Geschlechts aus der großen Zahl der Laien, die im Lager eingekerkert waren. Geehrte bekommen eine Plakette mit einem hebräischen Zitat. Es lautet in der Übersetzung „Wer immer ein Menschenleben rettet, hat damit gleichsam eine ganze Welt gerettet.“ Gerechte unter den Völkern erhalten in Anerkennung für ihre Taten außerdem die israelische Ehrenbürgerschaft, und wenn sie verstorben sind auch die Staatsangehörigkeit im Gedenken. Bis zum 1. Januar 2024 haben nach der neuesten Statistik 28.707 Menschen aus 51 Ländern diese Ehrung erhalten, darunter 6.137 aus den Niederlanden. Einer von ihnen ist Jan van Elk.
Ein Milchmann im Widerstand
Jan van Elk wurde am 26. November 1906 als Sohn des Milchhändlers und Ladenbesitzers Jan van Elk und seiner Frau Neeltje Lokhorst in dem Ort Woerden zwischen Den Haag und Utrecht geboren. Nach dem Tod seines Vaters im Jahr 1931 übernahm er dessen Konzession als Milchhändler und zog täglich mit einem Karren durch die Straßen der rund 8.000 Einwohner zählenden Kleinstadt um Milch, Joghurt und Butter zu verkaufen.1932 heiratete er Hendrika Maria Spruit. Das Ehepaar bekam zwei Kinder. Während des Krieges kam Van Elk mit dem Architekten Niek van Donkelaar in Kontakt, der Mitglied der Widerstandsgruppe „Oranje Vrijbuiters“ war und die Sektion Woerden leitete. Van Donkelaar berichtete, dass er dringend weitere Unterkünfte für jüdische Untergetauchte und Widerstandskämpfer bräuche. Am 10. März 1943 kaufte Jan Van Elk deshalb das Haus Rijnstraat 75a (damals Rijn 37), um es für Untergetauchte zu nutzen. Woher er die dafür nötigen mehrere zehntausend Gulden hatte, ist unbekannt. Auch an ihrer eigenen Wohnadresse am Kruittorenweg beherbergten Van Elk und seine Frau Untergetauchte. Eine von ihnen war die aus Frankfurt stammende Marion Bienes. Im Sommer 1935 floh die Familie Bienes vor dem aufkommenden Nationalsozialismus nach Amsterdam. Sie besuchte sie die Daltonschule, in der der Schwerpunkt auf der Entscheidungsfreiheit der Schüler, der Zusammenarbeit mit anderen und der Entwicklung von Selbstständigkeit lag. Marion war dort eine Klassenkameradin von Anne Franks Schwester Margot.
Razzia in Woerden, Verhaftung in Utrecht
Am 25. August 1943 fand eine Razzia in dem Gebäude an der Rijnstraat statt. Mehr als 25 jüdische Untergetauchte und Widerstandskämpfer wurden festgenommen. Kein einziger von ihnen überlebte den Krieg. Jan van Elk kam gerade in dem Moment von der Woerdener Molkerei zurück um nach den Hausbewohnern zu sehen, als niederländische Polizisten das Gebäude stürmten. Er sah aus der Ferne, was vor sich ging und rannte voller Panik im Rekordtempo nach Hause, wo er noch mehr Untergetauchte versteckt hielt. Er warnte atemlos die dort Versteckten und wollte sofort weiter, um die anderen Mitglieder der Widerstandsgruppe zu warnen. Schon mit dem Türknauf in der Hand rief er seiner Frau Marie zu: „Bis heute Nachmittag!“, ohne zu ahnen, dass er nie wieder zu ihr zurückkehren würde. Voller Unruhe fuhr er mit dem Zug die rund 20 Kilometer nach Utrecht zum Hauptquartier der Oranje Vrijbuiters. Als er dort klingelte, wurde er sofort verhaftet. Der deutsche Sicherheitsdienst war bereits am Abend zuvor in das Gebäude eingedrungen, hatte alle Untergetauchten verhaftet und sämtliche vorgefundenen Unterlagen beschlagnahmt. Möglicherweise hatten die Beamten dabei entdeckt, dass sich in Woerden ein weiteres Haus voller Untergetauchter befand und waren deshalb in die Woerdener Rijnstraat gekommen. Jan van Elk verbrachte mehrere Monate im „Oranjehotel“ in Scheveningen. Dort war auch Marion Bienes gefangen, die sich nach seiner Verhaftung der Polizei gestellt hatte. Sie wurde aus Scheveningen im Februar 1944 ins Konzentrationslager Bergen-Belsen eingeliefert. Jan kam ins KZ Herzogenbusch in den Niederlanden. Es ist nicht bekannt, ob er jemals erfuhr, dass fast alle anderen Oranje Vrijbuiters am 29. Februar 1944 wegen ihrer Widerstandsaktivitäten erschossen wurden. Aus Herzogenbusch wurde van Elk er Anfang Mai für zweieinhalb Wochen ins Außenkommando Breda verlegt. Die Häftlinge mussten dort auf dem deutschen Feldflugplatz Gilze-Rijn beschädigte Jagdflugzeuge, vor allem vom Typ Messerschmitt Bf 109, instandsetzen und reparieren. Kaum im Stammlager zurück, deportierte die SS ihn mit einem Transport per Bahn ins Konzentrationslager Dachau.
Transport nach Dachau
Die niederländische Widerstandskämpferin Valentine Elisabeth „Tineke“ Wibaut-Guilonard überlebte den Krieg, litt nach ihrer Rettung aber viele Jahre lang unter Albträumen und Panikattacken. Sie war ebenfalls in Herzogenbusch inhaftiert und schilderte in ihren Erinnerungen, wie die Zusammenstellung von Jan van der Elks Transport sich abspielte: „Sechs Uhr morgens. Dachau-Transport. Die Männer stellen sich zum Appell auf. Nach dem Zählen werden Nummern aufgerufen. Viele Nummern, rund tausend. Diese Männer müssen die Reihen verlassen und sich an einer anderen Stelle wieder aufstellen. Es scheint kein Ende zu nehmen. Bis 19 Uhr stehen sie dort auf dem Appellplatz. Dann werden sie zu einem bereitstehenden Zug getrieben und natürlich, wie es damals üblich war, zu viele auf einmal in einen Güterwagen gedrängt. Die Stimmung im Männerlager lässt sich erahnen. Große Niedergeschlagenheit, Ohnmacht und die Frage „Wann sind wir dran?“.Weil so viele Häftlinge nach Dachau sollten, kam die Schreibstube an diesem Tag mit ihrer Arbeit nicht nach und musste den Häftlingen ihre Wertsachen in Tüten verpackt später nach Dachau nachschicken. Sie bekam sie natürlich nicht ausgehändigt. Alles wurde wie in Herzogenbusch von der Häftlingseigentumsverwaltung vorschriftsmäßig verwahrt. In Dachau kam Jan van Elk am 26. Mai 1944 an.
Zwangsarbeit im Elsass
Am 20. Juli wurde er erneut „überstellt“, wie es in der Sprache der KZ-Bürokratie hieß, diesmal in das Konzentrationslager Natzweiler im Elsass an. Am Ziel musste er umgehend allerdings gleich wieder weiter ins Außenlager Markirch (Sainte-Marie-aux-Mines). Dort mussten die Häftlinge einen fast sieben Kilometer langen ehemaligen Eisenbahntunnel zu einer bombengeshützten Produktionsstätte von BMW-Flugzeugmotoren umbauen. Das Projekt wurde nie fertig, weil die Alliierten sich nach ihrer Landung in der Normandie der Gegend überraschend schnell näherten. Der Häftling Willem Helmstrijd, ein Landsmann van Elks, berichtete nach dem Krieg über die Behandlung in Markirch. Er sprach von sehr langen Tagen mit langem Stehen und schlechtem Essen. Die Appelle dauerten furchtbar lange und waren sehr unangenehm. Helmstrijd erinnerte sich daran, dass sämtliche Häftlinge mitunter bis zu 30 Mal am Tag gezählt wurden. Seinen Angaben zufolge gab es einen Lagerältesten, der so furchtbar schlug, dass er die Menschen fast zu Tode prügelte. Ein Rapportführer der Luftwaffe sorgte bei der Antrittsmeldung für viele blutige Nasen. Auch die Kapos schlugen munter drauf los und waren nicht selten betrunken. Die SS räumte das Barackenlager in der Nähe des Tunneleingangs im September/Oktober 1944. Für Jan van Elk hieß es wie für viele Kameraden zurück ins KZ Dachau.
„Tod durch Abgang“
Am 4. Oktober 1944 war wieder dort zurück, durch die brutale Arbeit im Elsass mehr tot als lebendig. Aber auch im KZ Dachau blieb er nicht. Er kam in den nur wenige Kilometer entfernten Außenlagerkomplex Allach. Die meisten Häftlinge waren dort Zwangsarbeiter in der Flugmotorenfabrik von BMW, die eigentlich nach Markirch hätte verlagert werden sollen. Van Elk traf einen befreundeten Mitgefangenen aus den Niederlanden wieder, Willem van Dijl, der in seinen Kriegserinnerungen später schrieb: „Jan van Elk kam an jenem Tag zu mir, eingefallen, geschwächt, verzweifelt. Ich konnte ihm damals zufällig ein großes Stück Brot besorgen, aber es hat ihm letztlich nichts genützt. Er brach Anfang 1945 zusammen. Nach diesem Abend habe ich ihn nicht mehr gesehen. Er versank im Sumpf des Elends, das damals eigentlich erst richtig begann“. Jan Van Elk wurde in Allach so krank, dass er am 26. Februar 1945 zurück nach Dachau ins „Revier“ gebracht wurde. Er starb schon am Dienstag, den 27. Februar 1945 im Alter von 39 Jahren um 8.05 Uhr morgens, wie ein SS-Lagerarzt auf dem in jener Zeit ihm wohlbekannten Formular KL/37/4.43500000 unter der Überschrift „Abgang durch Tod!“ eintrug. Als Ursache notierte er „Versagen von Herz u. Kreislauf bei Gehirnblutung“, dass dies nicht der Wahrheit entsprach ist anzunehmen. Der Leichnam wurde zusammen mit denen vieler anderer in einem Massengrab auf dem Leitenberg, etwa zwei Kilometer vom Lager entfernt, verscharrt. Jan van Elks Frau Marie war nach dem Verschwinden ihres Mannes nicht verhaftet wurden. Lange Zeit wussten sie und die beiden Kinder nicht, was mit Jan geschehen war. Erst eines Tages nach dem Krieg stand ein Mann vom Roten Kreuz vor der Tür mit Jans Geldbörse, seinem Ehering und der Todesnachricht.
Ehrungen
Eine Gedenktafel an der Fassade des Gebäudes in der Rijnstraat in Woerden erinnert heute an Jan van Elk und die Razzia. Sie wurde 2018 vom israelischen Botschafter Aviv Shir-On und dem Bürgermeister von Woerden, Victor Molkenboer, enthüllt. Die Inschrift auf der Tafel lautet: „In dem Gebäude Rijnstraat 75a beherbergte Jan van Elk zwischen dem 8. März 1943 und dem 25. August 1943 jüdische Untergetauchte. Durch Verrat wurden die Untergetauchten und Widerstandskämpfer am 25. August 1943 während einer Razzia verhaftet. Nach seiner Verhaftung starb Jan van Elk am 27. Februar 1945 in deutscher Gefangenschaft in Dachau.“ Jan van Elks Name ist in der Ehrenliste der niederländischen militärischen und zivilen Kriegstoten 1940–1945, die im Parlamentsgebäude in Den Haag ausliegt, genauso eingetragen wie auf dem digitalen Denkmal „Oranjehotel“ und in Woerden auf dem Denkmal für die Kriegsopfer aus dem Ort Van Elk wurde 2004 außerdem als zehnter Niederländer posthum mit dem Legion of Honour Award der Chapel of Four Chaplains ausgezeichnet. Das ist eine Ehrung für außergewöhnliche Verdienste um Mitmenschlichkeit und uneigennützige Hilfe. Die Stiftung wurde gegründet, um vier Militärgeistliche zu ehren, die 1943 beim Untergang des Truppentransportschiffs SS Dorchester ihre eigenen Schwimmwesten an andere Soldaten gaben und deshalb selbst betend starben. Die Kapelle befindet sich auf dem Gelände amerikanischen Marinestützpunkts in Philadelphia. Im Jahr 2018 wurde dem Ehepaar Van Elk posthum von Yad-Vashem die Auszeichnung als Gerechte unter den Völkern verliehen. Marion Bienes überlebte Bergen-Belsen. Nach dem Krieg zog sie nach New York, wo sie Gesangsunterricht nahm. Sie wurde bekannt als Tierschützerin, Operettensängerin, Model und Kabarettistin und starb am 7. September 2014 im Alter von 89 Jahren in Den Haag
Biografien weiterer Gerechter unter den Völkern, die Häftlinge im KZ Dachau waren und andere interessante Artikel: Link
Quellen:
https://collections.yadvashem.org/en/righteous/12785359
https://magazines.defensie.nl/defensiekrant/2020/23/07_oorlog-mensen_23
https://nl.wikipedia.org/wiki/Jan_van_Elk#:~:text=Jan%20van%20Elk%20(Woerden%2C%2026,verzetsstrijder%20tijdens%20de%20Tweede%20Wereldoorlog.
https://devanelkjes.nl/wp-content/uploads/2022/11/pdf-boekje-Jan-van-Elk.pdf
https://stevemorse.org/dachau/details.php?lastname=VAN%20ELK&firstname=Jan&title=&birthday=26&birthmonth=Nov&birthyear=1906&birthplace=Woerden&from=&town=Woerden&street=Bruitoerenweg&number=69299&DateOfArrival=Zug.%2026%20May%201944%20Hert.&disposition=üb.%2020%20Jul%201944%20Na.%20rü.%20am%2004%20Oct%201944%20gest.%2027%20Feb%201945&comments=Check%20E,%20F%20/%20G&category=Sch.%20Holl.&ID=63906&page=1282/Su&disc=2&image=731
https://de.wikipedia.org/wiki/Tineke_Wibaut-Guilonard
Biografien weiterer Gerechter unter den Völkern, die Häftlinge im KZ Dachau waren und andere interessante Artikel: Link
Foto: Jan Albert van der Heide. Foto: Yad Vashem
Jan Albert van der Heide – Gerechte unter den Völkern aus dem KZ Dachau
Der Staat Israel hat 1953 den Ehrentitel „Gerechter unter den Völkern“ für Menschen geschaffen, die unter Einsatz ihres Lebens Juden vor der Verfolgung durch Nationalsozialisten gerettet haben. Die Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem hat auch ehemalige Häftlinge aus dem Konzentrationslager Dachau auf diese Weise ausgezeichnet – nicht nur Männer aus dem Priesterblock, sondern auch Gefangene beiderlei Geschlechts aus der großen Zahl der Laien, die im Lager eingekerkert waren. Geehrte bekommen eine Plakette mit einem hebräischen Zitat. Es lautet in der Übersetzung „Wer immer ein Menschenleben rettet, hat damit gleichsam eine ganze Welt gerettet.“ Gerechte unter den Völkern erhalten in Anerkennung für ihre Taten außerdem die israelische Ehrenbürgerschaft, und wenn sie verstorben sind auch die Staatsangehörigkeit im Gedenken. Bis zum 1. Januar 2024 haben nach der neuesten Statistik 28.707 Menschen aus 51 Ländern diese Ehrung erhalten, darunter 6.137 aus den Niederlanden. Einer von ihnen ist Jan Albert van der Heide.
Deckname: de Hollander
Jan Albert van der Heide wurde am 2. April 1913 im Norden des Landes, ostwärts de Ijsselmeers in dem langgestreckten Straßendorf Nijensleek geboren. Seine Eltern betrieben ein Baustoffgeschäft. Nach dem Tod seines Vaters, der ebenfalls Jan hieß, übernahm die Mutter, Aaltje Berkenbosch, 1935 die Leitung, und der Sohn arbeitete weiterhin im Familienbetrieb. Drei Jahre später heiratete er Hennie Weij, und sie zogen in das Haus neben dem Geschäft. Nachdem die deutsche Wehrmacht die Niederlande im Mai 1940 besetzt hatte, gab es zahlreiche Menschen, die sich vor den neuen Herren im Land verstecken mussten. Juden wurden von Beginn an mehr und mehr ausgegrenzt und entrechtet. Im Januar 1942 begannen die Besatzer damit, jüdische Niederländer zum Umzug nach Amsterdam zu zwingen. Das sollte die Deportationen, die im Sommer desselben Jahres begannen, einfacher machen. Jan Albert van der Heide hatte sich wegen seiner Gegnerschaft zum Nationalsozialismus längst entschlossen, in der Widerstandsorganisation LO (Landelijke Organisatie voor Hulp aan Onderduikers, Landesweite Organisation zur Hilfe für Untergetauchte) aktiv mitzuarbeiten. Er benutzte bei seiner lebensgefährlichen Tätigkeit den Decknamen „de Hollander“ (Der Holländer), obwohl er weder in Süd- noch in Nordholland lebte, sondern in einer ganz anderen Provinz der Niederlande, Drenthe.
Verstecke in Wäldern und Mooren
Das war eine der wichtigsten Regionen im ganzen Land für das „Onderduiken“ (Untertauchen). Da sie dünn besiedelt und schwer zugänglich war, wurden dort tausende Menschen versteckt: Weil das Durchgangslager Westerbork mitten in Drenthe lag, versuchten lokale Gruppen, Entflohene in dessen Umgebung unterzubringen. Auch viele junge Niederländer, die zur Zwangsarbeit nach Deutschland geschickt werden sollten, fanden in den Bauernhöfen der Region Unterschlupf. Oft wurden provisorische Unterkünfte tief in den Wäldern oder Mooren errichtet. Durch Überfälle auf Verteilungsstellen beschaffte der Widerstand Tausende von Lebensmittelkarten, um die im Untergrund lebenden Menschen zu ernähren. Es gab spezialisierte Zellen, die Ausweise fälschten, um unbehelligt Kontrollen der Besatzer überstehen zu können. Der kleine Ort Nieuwlande war ein ganz besonderer Fall. Yad Vashem verlieh allen 117 Einwohnern des Dorfs 1988 die kollektive Auszeichnung Gerechte unter den Völkern.
Erkennungszeichen: Blume im Knopfloch
Jan van der Heide holte oft Menschen, die auf der Flucht vor den Deutschen oder den mit ihnen Kollaborierenden niederländischen Behörden waren, an den Bahnhöfen der Ortschaften Meppel oder Steenwijk ab. Als Erkennungszeichen trug er dabei stets eine Blume im Knopfloch. Manchmal handelte es sich bei den Schutzbedürftigen auch um Kinder aus Ballungsräumen, die aus Sicherheitsgründen auf dem Land untergebracht werden sollten. Unter ihnen waren oft auch jüdische Jungen und Mädchen. Da sie nicht allein mit dem Zug fahren konnten, wurden sie mit dem Lastwagen des Baustoffhandels abgeholt, der wegen der Treibstoffknappheit im Krieg auf einen Holzgasgenerator umgerüstet war. Arnold Roffelsen, ein Angestellter der Firma Van der Heide, fuhr den Lkw dann jeweils. Auf der Hinfahrt transportierte er Lebensmittel für Menschen im Untergrund, auf der Rückfahrt zwischen der üblichen Ladung von Baumaterialien, die Kinder. Die Familie Van der Heide nahm alle bei sich auf, bevor feststand, was ihre endgültigen Bestimmungsorte sein würden.
Ein Ehepaar muss weg aus Amsterdam
Im Juli 1943, ein Jahr nach Beginn der Deportationen, lebte das jüdische Ehepaar Hijman und Henriette Sarlui-De Haas immer noch in einem Unterschlupf in Amsterdam. Als das zu gefährlich wurde, brachten Mitgliedern der Widerstandsbewegung beide in ein Hotel in der Gemeinde Zaltbommel bei Rotterdam, um einer möglichen Verhaftung zuvorzukommen. Nach drei Tagen musste das Paar sich aber vorübergehend trennen. Henriette wurde in das nicht allzu weit entfernten Zeist bei Utrecht gebracht, wo sie für dreieinhalb Monate unterkommen konnte. Drei Wochen später erhielt Hijman, der noch immer im Hotel in Zaltbommel wohnte, die Anweisung, mit dem Zug nach Steenwijk im Norden ostwärts des Ijsselmeers zu fahren und sich bei seiner Ankunft am Bahnhof eine Blume ins Knopfloch zu stecken. Dort angekommen, begrüßte ihn Jan Albert van der Heide. Nach einigen Tagen bei ihm und seiner Familie brachten andere Widerstandskämpfer Hijman auf den Bauernhof von Sjoerd und Anne (Antje) Berg im nahegelegenen Wapserveen bei Drenthe.
Unterschlupf bis zur Befreiung
Sieben Wochen später holte Jan Henriette Sarlui-De Haas aus Zeist ab. Sie blieb einige Tage bei ihm, bevor er sie zu ihrem Mann auf dem Bauernhof der Bergs brachte, wo das Paar endlich wieder vereint war. All diese Ortswechsel waren ein Beispiel dafür, welchen Aufwand der Widerstand manchmal treiben musste, um untergetauchte Juden vor dem Zugriff ihrer Feinde zu schützen. Die beiden „Gäste“ wurden liebevoll aufgenommen. Sjoerd und Anne wollten unter keinen Umständen Geld von den Flüchtlingen annehmen. Vorsichtshalber und um die anderen zu schützen erzählten die Bergs ihren Verwandten nicht, dass sie jüdische Gäste auf ihrem Bauernhof hatten. Stattdessen war die offizielle Erklärung, dass Hijman zum Arbeitseinsatz nach Deutschland eingezogen werden sollte, sich aber nun bei ihnen verstecke, weil er sich der Aufforderung entziehen wolle. Immer wenn Gefahr drohte, versteckten sich Hijman und Henriette in einem eigens dafür errichteten Versteck. Beide blieben bis nach der Befreiung bei den Bergs. In den vielen Monaten, die die beiden Paare zusammenlebten, wurden sie sehr enge Freunde. Auch nach dem Krieg hielten sie Kontakt und betrachteten sich weiterhin als eine Familie.
Geheimcode aus dem Römerbrief
Als Anfang November 1943 ein Mitglied einer anderen Widerstandsgruppe verhaftet wurde, ahnte Jan van der Heide, dass dieses Schicksal bald auch ihn treffen könne. Er vertraute das auch seiner Familie und Bekannten an. Wenige Tage später, am 12. November 1943, wurden zwei Unbekannte in der Nähe des Heideschen Wohnhauses gesichtet. In der folgenden Nacht traf ein Einsatzkommando ein. Die Männer hatten zuvor die Telefonleitungen gekappt, damit ihr Opfer von niemand gewarnt werden konnte. Sehr wahrscheinlich nahm eine gemischte Einheit aus deutschen Führungskräften des SD und niederländischen Helfern Jan van der Heide fest. Er kam zuerst in Arnheim ins Gefängnis und konnte seiner Frau von dort tatsächlich eine kurze Nachricht zukommen lassen. Dann wurde Jan ins „Oranjehotel“ in Scheveningen verlegt. Es gelang Hennie, dort ein letztes Mal kurz mit ihm zu sprechen. Am 20. Mai 1944 wurde Jan ins deutsche Konzentrationslager Herzogenbusch, das in den Niederlanden lag, verlegt. Vier Tage später fuhr sein Transportzug von dort direkt nach Dachau. Er brachte auch hunderte von Jans Landsleuten mit. Gelegentlich konnte Jan van der Heide kurze Nachrichten nach Hause schicken, die den strengen Vorschriften der Lagerverwaltung entsprachen. Geschickt verwandte er eine Art Code, den die Zensoren der SS nicht erkannten, der den Verwandten zuhause aber begreiflich machte, wie die Verhältnisse im KZ waren. Der gläubige Christ Jan verwendete Stellen aus dem Römerbrief.
Eine Ladung Steine und die Todesnachricht
Sein letzter Brief vom Dezember 1944 traf erst nach der Befreiung zuhause ein. Da war Jans van der Heide schon seit vielen Wochen nicht mehr am Leben. Er starb am 30. Januar 1945, einem Dienstag, im Block 11. Der diente im Winter 1944/45 zeitweise als Teil des ausgeweiteten Reviers beziehungsweise als Isolierblock für Schwerkranke und Patienten mit Infektionskrankheiten. Als offizielle Todesursache wurde Enteritis (Darmentzündung) notiert. Das könnte darauf hindeuten, dass auch dieser Häftling ein Opfer der weit verbreiteten Flecktyphus-Epidemie wurde, da Auszehrungskatarrhe oft eine Begleiterscheinung von Flecktyphus waren. Die Lagerärzte gaben aber oft auch erfundene allgemeine Diagnosen an, um die tatsächlichen Bedingungen wie systematisch herbeigeführten Hunger, Erschöpfung oder Folgen von Misshandlungen zu verschleiern. Drei Monate später wurde der Fahrer Arnold Roffelsen auf eine 350-Kilometer-Fahrt in die Provinz Limburg im Südosten des Landes an der deutschen Grenze geschickt, um eine Steinlieferung abzuholen. Am Bestimmungsort traf er mehrere Männer, die ihm erzählten, sie seien in Dachau gewesen. Auf die Frage, ob sie Jan van der Heide kennen würden, bejahten sie das, bedauerten aber sagen zu müssen, dass er im Winter gestorben war. Sie gaben dem Fahrer Jans Rasierzeug mit, den einzigen Besitz, den man ihm im Lager offenbar gelassen hatte, und sagten ihm, sie hätten es der Familie später bringen wollen. Die lange Rückfahrt fiel Arnold Roffelsen umso schwerer, je näher er Nijensleek kam, hofften Hennie und die übrige Familie zuhause doch noch auf die sichere Rückkehr Jans. Zwei Jahre sollte es noch dauern, bis sie das genaue Datum seines Todes erfuhren. Und erst am 3. Mai 1950 war es wirklich amtlich, nachdem ein Beamter des Sonderstandesamtes Arolsen das Dienstsiegel auf die vom Internationalen Suchdienst beantragte Sterbeurkunde drückte.
Am 25. Oktober 1978 wurden Jan Albert van der Heide, Sjoerd Berg und seine Frau Anne Berg-Postma von Yad Vashem als Gerechte unter den Völkern geehrt.
Quellen:
https://collections.yadvashem.org/en/righteous/4043221https://www.openarchieven.nl/tkr:8cd4a2c2-05f1-f1b3-8823-424547db4796/de
https://t-fledderkerspel.nl/personen-javanderheide/
https://www.erelijst.nl/jan-albert-van-der-heide
https://de.wikipedia.org/wiki/Arolsen_Archives
Biografien weiterer Gerechter unter den Völkern, die Häftlinge im KZ Dachau waren und andere interessante Artikel: Link
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