

Fotos: Ludwig Wörl. Originalfoto: PaulSch Creative Commons Attribution-ShareAlike 4.0 International License; Häftlingskartei des Konzentrationslagers Auschwitz. https://www.yadvashem.org; Das Ehrengrab von Ludwig Wörl auf dem Münchner Waldfriedhof. Originalfoto: PaulSch Creative Commons Attribution-ShareAlike 4.0 International License
Ludwig Wörl - Gerechte unter den Völkern aus dem KZ Dachau von Klemens Hogen-Ostlender
Der Staat Israel hat 1953 den Ehrentitel „Gerechter unter den Völkern“ für Menschen geschaffen, die unter Einsatz ihres Lebens Juden vor der Verfolgung durch Nationalsozialisten gerettet haben. Die Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem hat auch ehemalige Häftlinge aus dem Konzentrationslager Dachau auf diese Weise ausgezeichnet – nicht nur Männer aus dem Priesterblock, sondern auch Gefangene beiderlei Geschlechts aus der großen Zahl der Laien, die im Lager eingekerkert waren. Geehrte bekommen eine Plakette mit einem hebräischen Zitat. Es lautet in der Übersetzung „Wer immer ein Menschenleben rettet, hat damit gleichsam eine ganze Welt gerettet.“ Gerechte unter den Völkern erhalten in Anerkennung für ihre Taten außerdem die israelische Ehrenbürgerschaft, und wenn sie verstorben sind auch die Staatsangehörigkeit im Gedenken. Bis zum 1. Januar 2024 haben nach der neuesten Statistik 28.707 Menschen aus 51 Ländern diese Ehrung erhalten. Einer von ihnen ist der Münchner Ludwig Wörl
Elf Jahre Haft in Konzentrationslagern
Ludwig Wörl wurde 1906 in München geboren. Seine Eltern waren beide katholisch, der Vater Schuhmacher. Seine Kindheit und Jugend verbrachte der Junge in Großhadern in der Nähe der bayerischen Hauptstadt. Nach dem Schulbesuch machte er eine Schreinerlehre und arbeitete nach bestandener Prüfung als Geselle. Er bezeichnete sich selbst als parteipolitisch ungebunden, war aber gleichwohl in der Arbeiterbewegung aktiv und gehörte auch den Naturfreunden an, die sich zum demokratischen Sozialismus bekennen. Drei Jahre nach seiner Eheschließung im Jahre 1928 trat er der Roten Hilfe bei, einem Verein zur Unterstützung linker Aktivisten, die mit dem Gesetz in Konflikt geraten waren. Er leitete dort eine Münchner Ortsgruppe. Nachdem die Nationalsozialisten kurz nach ihrer Machtübernahme die KPD verboten hatten, wurde Wörl in deren Untergrundorganisation aktiv. Er begründete das nach dem Krieg einmal so: „Was die Nazis in unserer Stadt aufführten, die Straßenschlachten und all das, empörte mich“.
Nach Flugblattaktion über das KZ Dachau verhaftet
Wörl arbeitete mit dem Vorsitzenden des Kommunistisches Jugendverbandes zusammen. Nachdem der verhaftet worden war, setzte Ludwig Wörl sich bis zum November 1933 aus München ab. Nach seiner Rückkehr traf der passionierte Bergsteiger und Kajakfahrer Sportfreunde, die aus dem KZ Dachau entlassen worden waren und über die dortige grausame Behandlung der Häftlinge berichteten. Er beteiligte sich an der Flugblattaktion „So ist Dachau“, die auf die unmenschlichen Zustände aufmerksam machen wollte, wurde denunziert und am 5. Mai 1934 von der Gestapo festgenommen. Das machte seine Hoffnung zunichte, die Meisterprüfung als Schreiner ablegen zu können. Zwei Jahre lang hatte er sich darauf in Abendkurse in Fachzeichnen, Holzkunde und Buchführung an der Fachschule in der Liebherrstraße vorbereitet.
Neun Monate in Ketten und Dunkelarrest
Noch am selben Tag kam er selbst ins KZ Dachau und wurde schon beim ersten Verhör misshandelt. Er legte trotzdem kein Geständnis ab, kam daraufhin in den Arrestbau und wurde dort neun Monate lang ununterbrochen in Ketten gelegt, sieben Monate davon im Dunkelarrest. Anschließend leitete er die Lagerschreinerei. Nach Intrigen wurde er aus dieser Position gedrängt und kam als Pfleger in den Häftlingskrankenbau, weil er einschlägige Erfahrungen aus einer Sanitätskolonne des Roten Kreuzes aus dem Gebirgsunfalldienst hatte. Unter anderem hatte er gelernt, wie Brüche geschient werden. Wörl wurde im OP-Raum als Narkotiseur und als Röntgenassistent eingesetzt. Nachdem es ihm gelungen war, sich Fachbücher zu beschaffen, organisierte er sogar Pflegekurse für andere dafür eingesetzte Häftlinge. Wörl behandelte auch den schwer herzkranken späteren SPD-Vorsitzenden Kurt Schumacher mit gestohlenen Medikamenten. Über die Jahreswende 1939/40 wurde er für einige Monate ins KZ Flossenbürg überstellt, weil das Lagergelände in Dachau zur Ausbildung der SS-Totenkopfdivision genutzt und die Häftlinge auf andere Konzentrationslager verteilt wurden.
Lagerältester in Auschwitz
Zwei Jahre später kam er mit 16 anderen Dachauer Häftlingspflegern und Schreibern nach Auschwitz, wo eine Fleckfieber-Epidemie ausgebrochen war. Er baute in Auschwitz-Monowitz, das eigens für Häftlings-Zwangsarbeit in Industrieanlagen gebaut wurde, als Lagerältester die medizinische Versorgung für kranke Häftlinge maßgeblich mit auf. Weil er kein Arzt war, gab es trotz seines großen Engagements auch Probleme bei der Behandlung der Patienten und beim Betrieb des Häftlingskrankenbaus. Ludwig Wörl versteckte Häftlinge und rettete jüdische Ärzte vor dem Tod in der Gaskammer, indem er sie im Häftlingskrankenbau einsetzte. Im März 1943 wurde er als Lagerältester des Häftlingskrankenbaus in das Stammlager des KZ Auschwitz versetzt. Auch dort versuchte er gemeinsam mit anderen, Leben zu retten. Nach seinen Worten sei es ihnen vor allem auf seine Initiative hin gelungen, die „Todesziffer allein im Stammlager mit einer Belegschaft mit 18.000 Häftlingen von 600 bis 700 Toten täglich durchschnittlich auf fünf bis 15 täglich zu senken. Von August bis November 1943 wurde Wörl mit zwei Kameraden für drei Monate in den Bunker gesperrt, weil sie Selektionslisten gefälscht hatten. Sie setzten Namen von schon zuvor gestorbenen Häftlingen in die Todeslisten ein. Das fiel aber bald auf. Mit drei Kameraden aus dem Krankenbau saß er in den Todeszellen, wo sie Zeugen einer großen Zahl von Erschießungen wurden. Nur knapp und mit Unterstützung jüdischer und politischer Häftlinge entgingen sie selbst diesem Schicksal. Im Januar 1944 wurde Wörl Lagerältester des Stammlagers, aber nach Intrigen auch von diesem Posten wieder abgelöst. Als er dann im Juli 1944 Lagerältester im Auschwitzer Außenlager Güntergrube wurde, setzte er sich auch dort für seine Mithäftlinge ein, die eine Schachtanlage für den Kohlebergbau errichten sollten, was bis zum Kriegsende aber nicht gelang. Bei der Räumung des KZ Auschwitz ab Mitte Januar 1945 wurde Wörl in das KZ Mauthausen gebracht und dort im Außenlager Ebensee am 6. Mai 1945 von Angehörigen der US-Armee befreit.
Einsatz gegen das Vergessen
Ludwig Wörl kehrte stark abgemagert nach München zurück. Nach seiner elfjährigen Haftzeit war seine Gesundheit aufs Schwerste geschädigt. Vergleicht man Fotos von ihm aus dem Jahr 1945 und 1964, sieht man nicht auf den ersten Blick, dass es sich um denselben Menschen handelt. Seinen erlernten Beruf als Schreiner konnte er aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr ausüben. Er hielt sich mit einem kleinen Lebensmittelladen und mit den im bürokratischen Kleinkrieg erkämpften Entschädigungszahlungen und schließlich mit einer Berufsunfähigkeitsrente mehr schlecht als recht über Wasser. Er pflegte Kontakte zu Auschwitz-Überlebenden. Weil er als ehemaliger Funktionshäftling sehr gut über die Geschehnisse im Lager informiert war, stellte er sich für NS-Prozesse als Zeuge zur Verfügung und half bei der Suche nach Zeugen
„Mit Befehlsnotstand darf man mir nicht kommen“
Über die „Entschuldigung“ vieler Angeklagter, sie hätten nur Befehle ausgeführt, sagte er einmal: „Mit Befehlsnotstand darf man mir nicht kommen, ich bin selbst der Beweis, dass es anders auch ging. Und ich war nicht der Einzige, der so gehandelt hat“. Spätestens ab Frühjahr 1958 leitete er auch die Landesgruppe Bayern des Deutschen Auschwitzkomitees trotz seiner kritischen Haltung gegenüber dieser Organisation. Auf sein Betreiben hin wurde eine Liste von ehemaligen Angehörigen der Lager-SS zusammengestellt, die später Basis für eine Kartei wurde. Als Vorsitzender der Organisation Ehemaliger Auschwitzhäftlinge in Deutschland hielt Wörl die Erinnerung an die Opfer der Konzentrationslager in der deutschen Bevölkerung aufrecht.
Zwischenfall beim Auschwitz-Prozess
Auch im ersten Frankfurter Auschwitz-Prozess sagte er als Zeuge aus. Dabei kam es zu einem Zwischenfall. Nachdem Ludwig Wörl ausgesagt hatte, wie der später zu lebenslangem Zuchthaus verurteilte Angeklagte Oswald Kaduk mit einer Pistole mehrere Kinder zu den Gaskammern getrieben hatte, sprang er plötzlich von seinem Zeugenstuhl auf, wandte sich Kaduk zu und rief „Die Pistole stießt du ihnen in den Rücken!“ Dann demonstrierte er, wie der damalige SS-Unterscharführer die Kinder in den Tod trieb und untermalte das mit den Worten „So! So!“ Nun sprang auch der ehemalige SS-Mann auf und brüllte Wörl mit sich überschlagenden Worten an. Erst als der Oberste Richter rief „Hinsetzen! Schreien Sie nicht den Zeugen an!“ und Polizisten Kaduk wieder in seinen Stuhl zurückdrückten, beruhigte sich die Lage wieder. Nach seiner Zeugenaussage erhielt Ludwig Wörl anonyme Briefe mit Drohungen.
Wertungen
Der Autor Bruno Baum schrieb in seinem Buch „Widerstand in Auschwitz“ über Wörl: „... hat als Lagerältester des Krankenbaus ... viel dazu beitragen, dass die Atmosphäre besser wurde, d.h. eine Reihe krimineller Banditen wurde aus ihren Funktionen entfernt. Auch die furchtbaren sanitären Verhältnisse konnten nun geändert werden. Später, als Lagerältester des Stammlagers ... führte er ebenfalls einen energischen Kampf gegen die Berufsverbrecher... Schließlich wurde er als Lagerältester abgelöst und strafversetzt...“ Wörls KZ-Kamerad Hermann Langbein urteilte wie folgt über ihn: „„Vor seiner Verhaftung hat er in bescheidenen Verhältnissen gelebt, in die er nach der Befreiung zurückkehrte. Im Lager hat er weit größere Macht erhalten, als er jemals besaß. Die SS hatte ihn zum ,Führer´ gemacht und er hatte nicht die Kraft, allen Verlockungen zu widerstehen, welche das Führerprinzip denen anbot, die aus der Masse herausgehoben wurden. Er hat es entschieden abgewehrt, zum Werkzeug der SS herabzusinken, weshalb er sich deren Gunst nicht erhalten konnte. Mitgefangenen gegenüber spielte er jedoch auch dann die Autorität seiner Funktion aus, sobald er sich von ihnen nicht gebührend anerkannt fühlte, wenn diese keineswegs böswillig waren, aber in irgendeiner Frage nicht seine Meinung teilten.
… und Ehrungen
Ludwig Wörl wurde 1963 von der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem als Gerechter unter den Völkern geehrt. 1966 erhielt er den vom Zentralrat der Juden in Deutschland den Leo-Baeck-Preis verliehenen für seinen Einsatz für die jüdische Gemeinschaft und weil es ihm gelungen sei, aus den dunklen Kapiteln deutscher Geschichte Lehren für die Zukunft zu ziehen. Wörl habe versucht zusammen mit anderen, Leben zu retten. So sei es ihnen vor allem auf seine Initiative hin gelungen, die Todesziffern zu senken. Im selben Jahr wurde er mit der Medaille „München leuchtet“ in Gold ausgezeichnet und erhielt das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse. Ludwig Wörl starb am 27. August 1967. Er wurde auf dem Münchner Waldfriedhof beigesetzt. Ihm zu Ehren gibt es seit 1995 im Stadtteil Neuhadern den Ludwig-Wörl-Weg.
Biografien weiterer Gerechter unter den Völkern, die Häftlinge im KZ Dachau waren und andere interessante Artikel: Link
Foto: Privatbesitz Familie Sylten; Gedenkplakette für Werner Sylten. Originalfoto Felix O, Creative Commons Attribution-Share Alike 2.0 Generic licence
Werner Sylten- Gerechte unter den Völkern aus dem KZ Dachau
Von Klemens Hogen-Ostlender
Der Staat Israel hat 1953 den Ehrentitel „Gerechter unter den Völkern“ für Menschen geschaffen, die unter Einsatz ihres Lebens Juden vor der Verfolgung durch Nationalsozialisten gerettet haben. Die Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem hat auch ehemalige Häftlinge aus dem Konzentrationslager Dachau auf diese Weise ausgezeichnet – nicht nur Männer aus dem Priesterblock, sondern auch Gefangene beiderlei Geschlechts aus der großen Zahl der Laien, die im KZ eingekerkert waren. Geehrte bekommen eine Plakette mit einem hebräischen Zitat. Es lautet in der Übersetzung „Wer immer ein Menschenleben rettet, hat damit gleichsam eine ganze Welt gerettet.“ Gerechte unter den Völkern erhalten in Anerkennung für ihre Taten außerdem die israelische Ehrenbürgerschaft und wenn sie verstorben sind, auch die Staatsangehörigkeit im Gedenken. Bis zum Jahr 2025 haben 28.486 Menschen aus 51 Ländern diese Ehrung erhalten, darunter 659 Deutsche und 115 Österreicher. Dies ist die Geschichte von Werner Sylten.
Juden unter Einsatz des Lebens gerettet
Schon die Art seiner Einstufung lässt erkennen, in welch zerrissenen Zeiten Werner Sylten lebte. Meist wird er heute als „evangelischer Theologe jüdischer Abstammung“ bezeichnet. Die Nationalsozialisten verfolgten ihn als „Halbjuden“, kerkerten ihn im KZ Dachau ein und ermordeten ihn schließlich in der Gaskammer der Tötungsanstalt Schloss Hartheim. Die israelische Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem hat ihn hingegen als Gerechten unter den Völkern geehrt, weil er Juden unter Einsatz des eigenen Lebens vor Ermordung durch die Nationalsozialisten gerettet hat, ohne selbst Jude zu sein. Nach dem mosaischen Gesetz wird der Glaube nämlich nur über die Mutter weitergegeben. Werner Sylten wurde am 9. August 1893 als erstes von fünf Kindern seiner Eltern im schweizerischen Hergiswyl geboren. Sein Vater, ursprünglich Dr. Alfred Silberstein, entstammte einer jüdischen Familie aus Königsberg, trat aber vor der Hochzeit mit der aus dem Elsass stammenden Protestantin Emma Bertrand zu deren Glauben über und änderte seinen Namen in Sylten. Mehrmals zog die Familie aus beruflichen Gründen um. Werner verbrachte seine Schulzeit zunächst in Berlin, dann in Niederschlesien und schließlich auf dem Gymnasium in Lohr am Main. Dort legte er auch sein Abitur ab. Es war wohl der Einfluss des Religionslehrers, der den jungen Mann dazu brachte, nach dem Abitur ein Studium der evangelischen Theologie in Marburg aufzunehmen. Nach dem ersten Semester kämpfte er als Freiwilliger im Ersten Weltkrieg und setzte danach das Studium fort.
Kritik an „Deutschen Christen“
Wegen seines Interesses an sozialen Fragen studierte er nach dem Ersten Theologischen Examen ein Semester Volkswirtschaft und Sozialpädagogik und war in Berliner Arbeitervierteln praktisch tätig. Sein Vikariat absolvierte er in der hannoverschen Landeskirche mit dem Schwerpunkt auf Jugendarbeit. Nach dem Zweiten Theologischen Examen war die Tätigkeit als Hilfsgeistlicher am Frauenseminar in Himmelsthür bei Hildesheim seine erste Einsatzstelle. Anschließend wurde er Pfarrer und Leiter am Thüringer Frauenasyl in Bad Köstritz, einer Fürsorgeeinrichtung für Mädchen. Er heiratete 1925 die Lehrerin und Erzieherin Hildegard Witting. Als 1929 weltweit wirtschaftlich schwierige Zeiten anbrachen, unterstützte Werner Sylten Arbeitslose und Bedürftige ohne Ansehen von deren religiöser und politischer Orientierung. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten machte er kein Hehl aus seiner Kritik an deren Ideologie und geriet deshalb schnell in Konflikt mit der „deutschchristlichen“ Thüringer Kirchenleitung. Die „Deutschen Christen“ waren am Führerprinzip orientiert und führte neben dem Kreuz auch das Hakenkreuz in ihrem Erkennungszeichen. Sylten schloss sich deshalb dem Pfarrernotbund und der Lutherischen Bekenntnisgemeinschaft Thüringen an.
Gehorsam aufgekündigt
Nach einem Verhör durch die Thüringer Kirchenleitung kündigte er ihr wie die ganze Bekenntnisgemeinschaft den Gehorsam in geistlichen Dingen auf. Noch verdächtiger wurde er den „Deutschen Christen“ durch seine Nähe zu der Vereinigung Religiösen Sozialisten. Überdies war seine Leitung des Thüringer Mädchenheims, wie die Einrichtung nun auf seine Anregung hin hieß, nicht nur der Kirche, sondern auch den neuen Herren in Deutschland ein Dorn im Auge. Zu sehr unterschieden sich Syltens Erziehungskonzept von den Vorstellungen der NSDSAP. Immer stärkere offen zutage tretende Gegensätze machten Hildegard Sylten 1935 schwer zu schaffen. Aber auch Werner Sylten spürte eine unheimliche Bedrohung. Niemand kannte die jüdische Abstammung seines Vaters.
Bedrohung wegen Zeitungsartikel
Ein Artikel in der Hauszeitschrift des Mädchenheims im September 1935 löste die Katastrophe für Werner Sylten aus. Der Text war in einer anderen evangelischen Kirchenzeitschrift unbeanstandet von der NS-Zensurbehörde Reichspressekammer erschienen. Sylten hatte ihn auch gar nicht geschrieben. Die Parteizeitung Völkischer Beobachter stieß sich jedoch vor allem an diesem Satz: „Der Gott, von dem wir dort [im Alten Testament] lesen, Jahwe, der Gott des Volkes Israel – das ist eben der wahre Gott, der sich diesem Volk kundtut, um durch das Zeugnis dieses Volkes den anderen Völkern und Rassen bekannt zu werden“. Das Kampfblatt der NSDAP bezeichnete dies als Bekenntnis zum Talmud, das ausgerechnet im Monat des „Parteitages der Freiheit“ deutschen Mädchen zugemutet worden sei. Der Reichsparteitag hatte mit den Nürnberger Rassegesetzen jegliche Gemeinschaft zwischen Deutschen und Juden verboten. Juden waren danach gar keine Deutschen mehr. Deshalb waren fanatischen National-Sozialisten christliche Nächstenliebe und der „Judengott Jahwe“ das sprichwörtliche rote Tuch. Der Völkische Beobachter kritisierte den Leiter des Mädchenheims unter Nennung seines Namens auch persönlich. Die Thüringer Kirchenleitung kuschte vor der Macht der NSDAP. Anstatt sich schützend vor Werner Sylten zu stellen, machte sie gemeinsame Sache mit dem einflussreichen „Landesführer“ der Inneren Mission, Gerhard Phieler, und dem Thüringer Innenministerium, um Sylten durch Intrigen loszuwerden.
Das Ziel: weg aus Thüringen
Werner Sylten verstärkte nun seine Bemühungen um eine Pfarrstelle außerhalb Thüringens. Möglichkeiten waren die Landeskirchen von Hannover, Bayern und Württemberg, die zur Bekennenden Kirche gehörten. Die Lutherische Bekenntnisgemeinschaft in Thüringen unterstützte ihn, legte aber auch die bisher unbekannte Abstammung von Syltens Vater offen. Damit trat die Einstufung des Sohnes als „Halbjude“ in Kraft. Die drei Kirchen sahen sich wegen der Nürnberger Gesetze deshalb nicht mehr in der Lage, den stellungslosen Theologen zu übernehmen. In München scheiterten die Bemühungen beispielsweise an der nötigen Zustimmung der Staatsregierung für die Einstellung „außerbayerischer“ Seelsorger.
Von der Kirchenleitung denunziert
Trotz Unterstützung durch den Evangelischen Reichserziehungsverband wurde Werner Sylten als Leiter des Mädchenheims entlassen und bekam auch keine andere Stelle in Thüringen mehr. Die regimehörige Kirchenleitung vereitelte das, weil seine Abstimmung auch ihr bekannt geworden war. Auch eine Solidaritätsaktion von Mitarbeiterinnen des Mädchenheims verhinderte das nicht. Sylten musste nicht nur Bad Köstritz verlassen, sondern sich auch von seinen beiden Söhnen trennen. Der Kirchenleitung war aber auch das noch nicht genug. Sie denunzierte ihn beim Wehrbezirkskommando in Gotha 1938 als „Nichtarier“. Nachdem es der Lutherischen Bekenntnisgemeinschaft in Thüringen nicht gelungen war, Werner Sylten eine reguläre Pfarrstelle zu verschaffen, machte sie ihn 1936 zum Chef ihres illegalen Büros in Gotha. Sylten arbeitete dort mit Helmut Gollwitzer zusammen, bis der 1937 von der Gestapo Redeverbot bekam und Thüringen verlassen musste. 1938 schloss die Gestapo das Büro, und auch Werner Sylten wurde ausgewiesen. Seinem Plan, die frühere Mitarbeiterin Brunhilde Lehder aus dem Mädchenheim zu heiraten, wurde die nach Nürnberger Gesetzen nötige Ausnahmegenehmigung verweigert.
Arbeit im Büro Grüber
Ab Ende 1938 arbeitete Werner Sylten beim Büro Pfarrer Grübers in Berlin, einer evangelischen Hilfsstelle für zum Christentum konvertierte Juden. Als Heinrich Grüber sich wieder mehr seiner Pfarrei widmete, leitete Sylten das Büro faktisch. Wie er waren die meisten anderen Mitarbeiter selbst von den Nürnberger Gesetzen betroffen und verzichteten auf die eigene Rettung, um andere in Sicherheit zu bringen. Auch Sylten schlug ein Visum aus, das ihm die Ausreise nach England ermöglicht hätte. Im März 1940 mietete er ein Haus und wohnte dort mit seinen Söhnen sowie Brunhilde Lehder. Ende 1940 wurde Heinrich Grüber verhaftet. Die Gestapo beauftragte Sylten mit der Abwicklung des Büros, bis er wegen angeblicher Mitarbeit an einem anonymen Flugblatt über das Elend christlicher ehemaliger Juden ebenfalls verhaftet wurde.
Nach Polizeihaft in Dachau
Nach drei Monaten in Berliner Polizeihaft kam er am 30. Mai 1941 in den Priesterblock im Konzentrationslager Dachau. Das war ohne Urteil oder irgendeine Ermittlung möglich. Der von den Nationalsozialisten für solche Fälle erfundene „Schutzhaftbefehl“ reichte völlig aus. Vier Monate später wurde Heinrich Grüber ebenfalls nach Dachau eingewiesen. Werner Sylten kam in ein Arbeitskommando auf der berüchtigten „Plantage“. Dort mussten die Häftlinge bei Wind und Wetter Moorland urbar machen. Die SS wollte mit der Plantage unter anderem die Unabhängigkeit Deutschlands von Importen durch Projekte wie die Züchtung „deutschen Pfeffers“ erreichen. Bis fast zuletzt schickte Werner Sylten seiner Familie daheim Briefe. Sie wurden stark zensiert. Bemerkungen über die Zustände im KZ waren verboten. Mehr als 15 Zeilen pro Seite eines Briefbogens waren ebenfalls untersagt wie auch Paketempfang, weil die Häftlinge angeblich “im Lager alles kaufen“ konnten. Angehörigen wurde per Aufdruck mitgeteilt, dass Entlassungsgesuche zwecklos seien und Besuche grundsätzlich nicht gestattet würden.
Für Angehörige
List man heute Werner Syltens Brief, wird deutlich, dass er sich bemühte, statt Klagen über das eigene Schicksal den Lieben daheim Trost zu spenden und ihren Glauben zu stärken. Das letzte Lebenszeichen ist datiert vom 2. August 1942. Mit einem starken Sonnenbrand wurde er kurz darauf in die primitive Krankenstation des Konzentrationslagers eingewiesen. Das bedeutete indirekt sein Todesurteil. Er geriet in die Maschinerie der „Aktion 14f13“. Dabei wurden „nicht mehr arbeitsfähige“ KZ-Insassen ermordet. Werner Sylten kam mit einem der gefürchteten Dachauer Invalidentransporte in die Tötungsanstalt Schloss Hartheim bei Linz in Österreich. Seine Familie erhielt schriftlich die Mitteilung, er sei am 26. August 1942 an den Folgen einer Hirnhautentzündung gestorben. Ob die heimgeschickte Urne, die im November 1942 in Köpenick beigesetzt wurde, wirklich seine Asche enthielt, ist unbekannt und kann bezweifelt werden. Nach seinem Tod wurde das Sorgerecht für die beiden Söhne durch Vermittlung von Freunden einem Mitglied des Köpenicker Gemeindekirchenrats übertragen. Der Betreffende überließ die Betreuung der Kinder umgehend Brunhilde Lehder. Ihre verweigerte Ehe mit Werner Sylten wurde nach dem Krieg legitimiert, und sie erhielt von der Thüringer Kirchenleitung Witwenrente. In Köstritz und Berlin wurden Straßen nach Sylten benannt, in Eisenach und Köpenick Einrichtungen der evangelischen Kirche. In Bad Köstritz, Köpenick und Gotha erinnern Stolpersteine des Künstlers Gunter Demnig an ihn.
Weitere bisher veröffentlichte Biografien von Gerechten unter den Völkern, die Häftlinge im KZ Dachau waren: Link
Biografien weiterer Gerechter unter den Völkern, die Häftlinge im KZ Dachau waren und andere interessante Artikel: Link
Um finanzielle Unterstützung wird gebeten.
Spendenkonto
DE54 7005 1540 0280 8019 29
BYLADEM1DAH
