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Giovanni Palatucci - Gerechte unter den Völkern-2026-53

Bildtexte:Giovanni Palatucci. Foto: Public domain; Stollperstein für Giovanni Palatucci in Triest. Originalfoto: Christian Michelides Creative Commons Attribution-Share 4.0 International license. Die italienische Post gab diese Briefmarke im Gedenken an Giovanni Palatucci heraus. Foto: Archiv Hogen-Ostlender. Im süditalienische Caggiano wurde eine Straße nach Giovanni Palatucci benannt.   Originalfoto: viaggiatore, Creative Commons Attribution-Share 3.0 Unported license.

 

Giovanni Palatucci - Gerechte unter den Völkern aus dem KZ Dachau

von Klemens Hogen-Ostlender

Der Staat Israel hat 1953 den Ehrentitel „Gerechter unter den Völkern“ für Menschen geschaffen, die unter Einsatz ihres Lebens Juden vor der Verfolgung durch Nationalsozialisten gerettet haben. Die Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem hat auch ehemalige Häftlinge aus dem Konzentrationslager Dachau auf diese Weise ausgezeichnet – nicht nur Männer aus dem Priesterblock, sondern auch Gefangene beiderlei Geschlechts aus der großen Zahl der Laien, die im KZ eingekerkert waren. Geehrte bekommen eine Plakette mit einem hebräischen Zitat. Es lautet in der Übersetzung „Wer immer ein Menschenleben rettet, hat damit gleichsam eine ganze Welt gerettet.“ Gerechte unter den Völkern erhalten in Anerkennung für ihre Taten außerdem die israelische Ehrenbürgerschaft, und wenn sie verstorben sind, auch die „Staatsangehörigkeit im Gedenken“. Bis zum Jahr 2025 haben 28486 Menschen aus 51 Ländern diese Ehrung erhalten, darunter 766 Italiener. Dies ist die Geschichte eines von ihnen: des Polizeibeamten Giovanni Palatucci.

Aus Kampanien an die Adria

Giovanni Palatucci wurde am 31. März 1909 in der süditalienischen Gemeinde Montella in Kampanien als Sohn von Felice und Angelina Palatucci geboren. Zwei seiner Onkel waren Provinzobere der Franziskaner in Apulien und Neapel, ein weiterer, Giuseppe Maria Palatucci, Bischof der Diözese Campagna, in der Montella liegt. Nach Schulbesuch und Militärdienst studierte Giovanni in Turin Jura. Er ging 1936 als stellvertretender Kommissar für öffentliche Sicherheit zur Polizei in Genua, wurde aber bereits ein Jahr später als Kommissar und stellvertretenden Polizeichef sowie Leiter des Ausländeramts nach Fiume (heute Rijeka) versetzt. Italien hatte die Stadt und ihre Region, die nach einer wechselvollen Geschichte seit 1920 Freistaat gewesen war, 1924 annektiert. Heute liegt sie in Kroatien. Giovanni Palatucci war ein tiefgläubiger Katholik und nahm auch weiter aktiv am Leben der Kirchengemeinde teil. Obwohl die Mitgliedschaft in der   Nationalfaschistische Partei seit 1933 Vorschrift für Staatsdiener war, zögerte er sie fünf Jahre lang hinaus und distanzierte sich von rassistischen Tendenzen, die die Grundlage der Verfolgung von Juden und anderen Minderheiten bildeten.

Gefälschte Pässe von der Polizei 
 

Rund 500 Juden aus der Region Fiume waren durch die Rassegesetze staatenlos geworden. Flüchtlinge aus Österreich, der Tschechoslowakei, Ungarn, Polen, Kroatien und anderen Ländern drängten sich zusätzlich zu den mehr als 100.000 Einwohnern des 1.000 Quadratkilometer großen Gebiets. Der neue Chef des Ausländeramts setzte alles daran, den Flüchtlingen zu helfen, die sich in Italien ansiedeln wollten. Da er Juden keine Dokumente mit den tatsächlichen Angaben ausstellen konnte, gab er Transitvisa aus und besorgte gefälschte Pässe. Außerdem versuchte er, die Deportation in italienische Internierungslager zu verhindern. Wenn das scheiterte, schickte er sie in das mehr als 500 Kilometer entfernte Internierungslager von Campagna in der Diözese seines Onkels. Der bemühte sich dort erfolgreich, die Lebensbedingungen zu lindern. Zwei Klöster in Campagna beherbergten hunderte Juden. Als sie später deportiert werden sollten, versteckte der Bischof sie in den Bergen.

Rettung vor der Gestapo

Giovanni Palatucci verließ Fiume nicht, selbst als das Ministerium 1939 seine Versetzung nach Caserta im heimatlichen Kampanien vorschlug. Rodolfo Grani war ein in Fiume lebender Jude, der sich sehr für das Gedenken an den untypischen Polizeibeamten einsetzte. Er erinnerte nach dem Krieg an eine von Palatucci, den er als „edlen jungen Katholiken” bezeichnete, initiierte große Rettungsaktion im März 1939. Der Polizist erfuhr eines Tages, dass 800 gestrandete Flüchtlinge bereits wenige Stunden später der Gestapo übergeben werden sollten. Giovanni Palatucci benachrichtigte sofort Grani, der diese Information seinerseits ohne Zögern an den Bischof der Diözese, Isidoro Sain, weitergab. Der Kirchenmann versteckte die 800 Männer, Frauen und Kinder vorübergehend in dem nicht weit von Fiume entfernten Küstenort Abbazia (heute Opatija) unter seinem Schutz. Rodolfo Grani lobte später auch das Verhalten von Giovannis Onkel im Bischofsamt, über den er 1952 sagte, er habe sich „bei Tausenden und Abertausenden unserer Leute unvergesslich gemacht, indem er uns half, uns mit größter Großzügigkeit tröstete und sich mit uns, den aus dem gesellschaftlichen Leben ausgestoßenen Unglücklichen, fotografieren ließ”. Auch Rechtsanwalt Barone Niel Sachs di Gric, der Kommissar Palatucci als Vertrauensanwalt der Bischofskurie von Fiume kennenlernte, betonte im selben Jahr, wie sehr der Polizist „den Zorn seiner direkten Vorgesetzten, des damaligen Präfekten und des damaligen Polizeichefs“ herausgefordert hatte.

Beförderung zum Polizeipräsidenten

Palatuccis Verhalten blieb von seinen Vorgesetzten nicht unbemerkt. In einem Brief an Verwandte schrieb er 1941: „Sie wissen, dass sie mich brauchen. Es scheint sogar, dass sie ohne mich nicht auskommen. Sie schätzen mich jedenfalls sehr. Sie schätzen meine Fähigkeiten und wie ich arbeite, aber sie wissen auch - Gott sei Dank - dass ich nicht wie sie bin. Ich kann den Menschen etwas Gutes tun, wofür sie mir sehr dankbar sind“. 1943 legte ein vom Ministerium entsandter Inspektor, der seine Arbeit unter die Lupe nahm, einen sehr negativen Bericht vor. Er bezeichnete Palatuccis Vorgehen als in hohem Maße ineffizient. Der Chef des Ausländeramts habe sich nie die Mühe gemacht hat, die Nichtitaliener überprüfen und obendrein nichts oder nur sehr wenig für eine ordnungsgemäße Verwaltung getan. Er besitze nicht nur mangelndes Interesse, sondern kenne auch die für seine Arbeit geltenden Vorschriften kaum. Kurz vor diesem vernichtenden Bericht hatten deutsche Truppen das nördliche Italien besetzt und ein Marionettenregime eingesetzt, weil das Land Italien mit den Alliierten einen Waffenstillstand geschlossen hatte. Weder die Besatzer noch die faschistische „Italienische Sozialrepublik“ konnten eigentlich ein Interesse daran haben, Giovanni Palatucci im Dienst zu belassen. Trotzdem wurde er erstaunlicherweise zum Polizeipräsidenten von Fiume befördert.

Tod im Konzentrationslager

1943 besetzten die Nationalsozialisten Fiume aus strategischen Gründen. Das militärische Kommando ging an die SS über. Obwohl Palatucci vor der Gefahr für ihn persönlich gewarnt wurde, beschloss er, auf seinem Posten zu bleiben und vernichtete die Archive mit Informationen über die Juden von Fiume. In der Nacht zum 13. September wurde der noch amtierende Polizeipräsident auf Befehl des später wegen Kriegsverbrechen zu lebenslanger Haft verurteilten SS-Obersturmbannführers Herbert Kappler wegen Kollaboration mit dem Feind verhaftet. Wie die Geheimpolizei des Partisanenführers Tito feststellte, verlor er seine Freiheit, weil er versucht hatte oder plante, eine weitere Gruppe von Juden zu retten, weil er für Israeliten besondere Sympathien hegte. Palatucci wurde gefoltert, nannte aber keine Namen von anderen Regimegegnern. Nach der Verhandlung vor einem Kriegsgericht wurde er nach Triest überstellt und kam am 18. Oktober 1944 ins Konzentrationslager Dachau. Mehrere andere Häftlinge haben später bezeugt, ihm dort begegnet zu sein. Einer sah ihn auf der Krankenstation. Am 10. Februar 1945 starb Giovanni Palatucci während einer Typhusepidemie, die allerdings in seiner Baracke nicht aufgetreten war. Das könnte bedeuten, dass er nicht am Typhus zugrunde ging, sondern mit einer tödlichen Injektion ermordet wurde, wie es in der Krankenstation immer wieder vorkam. Seine Eltern erfuhren erst drei Jahre später von seinem Tod. Der oft als „Oskar Schindler Italiens“ bezeichnete Märtyrer ist auf dem Friedhof auf dem Leitenberg in der Nähe der heutigen Gedenkstätte des Konzentrationslagers Dachau begraben. Eine Gedenktafel an der Friedhofsmauer erinnert an ihn. 

Ehrungen

1990 wurde Giovanni Palatucci von der der israelischen Holocaustgedenkstätte Yad Vashem in das Verzeichnis der Gerechten unter den Völkern aufgenommen. Fünf Jahre später zeichnete der italienische Staatspräsident Oscar Luigi Scalfaro ihn mit der zivilen Verdienstmedaille in Gold aus. Die Städte Ramat Gan in Israel und Caggiano in Kampanien benannten Straßen nach ihm, die Union der italienischen jüdischen Gemeinden verlieh als Zeichen der Dankbarkeit eine Goldmedaille. Amos Luzzatto, Präsident der Union der Jüdischen Gemeinden Italiens, sagte über ihn: „Es gibt zwei Arten von Heldentum. Die eine, die aus einer unerwarteten Notwendigkeit entsteht, und die von Palatucci, ein täglicher Heldenmut, der wiederholt und bestätigt wird, selbst angesichts der Gewissheit der Gefahr. Er handelte weiter im Wissen, dass er auf sein eigenes Opfer zusteuerte. Für ihn war es eine Pflicht, sein Leben zu geben, selbst für einen einzigen Mann.“ Im Jahr 2000 wurde schließlich ein Seligsprechungsprozess für Giovanni Palatucci eröffnet. 2004 wurde er zum ehrwürdigen Diener Gottes erhoben.

Auf dieser Internetseite wurde ein weiterer Artikel zu Giovanni Palatucci veröffentlicht, der sich mit Kritik an seiner Person und seinem Handeln auseinandersetzt: Link 

Biografien weiterer Gerechter unter den Völkern, die Häftlinge im KZ Dachau waren und andere interessante Artikel: Link

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