

Fotos: Hendrik Simon Wilhelm Nijhof im Jahr 1940. Foto: Yad Vashem; Teil der Sterbeurkunde für Hendrik Nijhof. Foto: Oorlogsbronnen
Hendrik Simon Wilhelm Nijhof – Gerechte unter den Völkern aus dem KZ Dachau von Klemens Hogen-Ostlender
Der Staat Israel hat 1953 den Ehrentitel „Gerechter unter den Völkern“ für Menschen geschaffen, die unter Einsatz ihres Lebens Juden vor der Verfolgung durch Nationalsozialisten gerettet haben. Die Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem hat auch ehemalige Häftlinge aus dem Konzentrationslager Dachau auf diese Weise ausgezeichnet – nicht nur Männer aus dem Priesterblock, sondern auch Gefangene beiderlei Geschlechts aus der großen Zahl der Laien, die im Lager eingekerkert waren. Geehrte bekommen eine Plakette mit einem hebräischen Zitat. Es lautet in der Übersetzung „Wer immer ein Menschenleben rettet, hat damit gleichsam eine ganze Welt gerettet.“ Gerechte unter den Völkern erhalten in Anerkennung für ihre Taten außerdem die israelische Ehrenbürgerschaft, und wenn sie verstorben sind auch die Staatsangehörigkeit im Gedenken. Bis zum 1. Januar 2024 haben nach der neuesten Statistik 28.707 Menschen aus 51 Ländern diese Ehrung erhalten, darunter 6.137 aus den Niederlanden. Einer von ihnen ist Hendrik Simon Wilhelm Nijhof.
1934: Hendrik Nijhof heiratet Theodora Hes
Hendrik Simon Wilhelm Nijhof, ein junger Mann in seinen Zwanzigern, lebte in dem alten Festungsstädtchen Naarden in der niederländischen Provinz Nordholland nur wenige Kilometer von Amsterdam entfernt. Er hatte am 17. Oktober 1907 in Enschede, das unmittelbar an Deutschland angrenzt, am anderen Ende des Landes das Licht der Welt erblickt und war seit dem 15. September 1934 mit der drei Monate jüngeren Jüdin Theodora Hes verheiratet. Zum Zeitpunkt der Trauung waren die Nationalsozialisten in Deutschland längst an der Macht. Aber wohl niemand konnte damals absehen, wie das das Leben des jungen Ehepaars keine sechs Jahre später beeinflussen würde. So erlebten die Nijhofs die zunehmenden antijüdischen Maßnahmen der Besatzer, die ihr Land im Mai 1940 erobert hatten, hautnah mit. Hendrik beschloss bewusst, den verfolgten Landsleuten zu helfen, wo immer er konnte. In der ersten Hälfte des Jahres 1942 wurde Aaron Waas, der damals arbeitslose Ehemann von Theodoras Schwester, in eines der niederländischen Arbeitslager für Juden deportiert. Später im selben Jahr wurden die Häftlinge dieser Lager in das niederländische Durchgangslager Westerbork gebracht, von wo aus sie in die Vernichtungslager im deutsch beherrschten Osten Europas deportiert wurden. So geschah es mit Theodoras Schwester, Mina, Waas, und ihrem jüngsten Sohn, dem zweijährigen Leo. Alle drei wurden in Auschwitz ermordet.
Das Utrechste Kinderkomité
Hendrik hatte seine Schwägerin aber davon überzeugen können, wenigstens für ihre beiden anderen Kinder, die neunjährige Sara und ihren siebenjährigen Bruder Harry, Verstecke zu organisieren. Mit der Hilfe von Schülern des Utrechts Kinderkomittees wurden auch geeignete Örtlichkeiten gefunden. Das „Utrechtse Kindercomité“ war eine der effektivsten studentischen Widerstandsgruppen in den Niederlanden. Die Mitglieder retteten zwischen 1942 und 1945 etwa 350 bis 400 jüdische Kinder. Die Organisation beruhte auf Mut, Täuschung und präziser Planung. Ausgangspunkt war die Crèche (Krippe) in Amsterdam, ein Kindergarten direkt gegenüber dem Theater, das als Sammelplatz der Deutschen für die Deportationen diente. Während die Eltern auf ihren Abtransport warteten, wurden ihre Kinder in der Crèche untergebracht. Die deutschen Bewacher führten erstaunlicherweise keine exakten Listen darüber, welches Kind wann dorthin kam. Das Personal des Kindergartens arbeitete mit dem Widerstand zusammen. Studenten aus Utrecht entwickelten kreative Wege, die Kinder unbemerkt wegzubringen. Säuglinge und Kleinkinder wurden in Wäschekörben, Milchkannen oder Kartoffelsäcken hinausgetragen. Man wartete, bis die Straßenbahn zwischen dem Theater und der Crèche hielt. Wenn die Sicht der deutschen Wachen kurzzeitig blockiert war, schlüpften Helfer mit Kindern im Arm aus dem Gebäude. Die Mädchen und Jungen erhielten sofort neue, nichtjüdische Namen. Die Studenten achteten bei der Vermittlung genau auf das Aussehen. Kinder mit blonden Haaren und blauen Augen wurden bevorzugt in streng protestantische Bauernfamilien in den Norden der Niederlande, nach Friesland, geschickt. Kinder mit dunklerem Teint wurden oft im katholischen Süden, in Limburg) untergebracht, weil dort ein leicht „mediterraner“ Typ weniger auffiel. Das Komitee suchte im ganzen Land nach „Pleeggezinnen“ (Pflegefamilien). Die Studenten reisten oft als vermeintliche Eltern oder Geschwister mit den Kindern mit der Eisenbahn quer durch die Niederlande. Sie führten verschlüsselte Karteien, um nach dem Krieg die Kinder hoffentlich wieder mit ihren echten Eltern zusammenzuführen, was aber nur in etwa einem Drittel der Fälle gelang, da die Eltern meist in den Vernichtungslagern ermordet wurden.
Acht weitere Menschen vor dem Tod gerettet
Kurz nach ihrer Ankunft an ihrem Versteck schien Saras Schicksal besiegelt zu sein. Sie wurde verraten und in ein Kinderheim gebracht, von wo aus sie nach Westerbork transportiert werden sollte. Als Hendrik Nijhof von ihrem Schicksal erfuhr, eilte er ihr zu Hilfe, befreite sie aus dem Heim und versteckte sie erneut. Zur Sicherheit brachte Hendrik auch Harry in ein neues Versteck. Aber es gab schon wieder ein Problem. Zum zweiten Mal wurde Sara verraten. Diesmal warnte ein Polizist Hendrik, und erneut gelang es ihm, das Mädchen in Sicherheit zu bringen. Er fand ein neues Versteck, wo Sara bis zu ihrer Befreiung 1945 unbehelligt blieb. Darüber hinaus gelang es ihm, die Verstecke von acht weiteren Verwandten seiner Frau ausfindig zu machen, darunter das seiner seiner Schwägerin Reina Pach, ihres Mannes David und deren Tochter Elly, einer weiteren Schwägerin, Betsy Metzger, ihres Mannes Julius, seines Schwagers Philip Hes sowie das Versteck von Hans Polak, eines Nachbarn, dessen Frau Sophia Adelsberg und seines Freundes Bep Davids. Sie alle überlebten.
Hendriks Weg nach Dachau
Hendrik, der auch in anderen Untergrundaktivitäten aktiv war, wurde jedoch am 14. Oktober 1943 verhaftet. Er war wie viele andere Widerständler von Landsleuten verraten worden. Hendrik Nijhofs Leidensweg durch die Konzentrationslager verlief über mehrere Stationen. Nach seiner Festnahme wurde er zunächst in das Gefängnis von Arnheim gebracht. Er wurde bei seinen Verhören gefoltert, gab aber keine Informationen über den Aufenthaltsort der Untergetauchten preis und wurde von dort in das Konzentrationslager Herzogenbusch noch in den Niederlanden überstellt. Im Zuge der Evakuierung der dortigen Lager beim Herannahen der Alliierten wurde er nach Deutschland in das KZ Sachsenhausen deportiert. Am 14. Oktober 1944, exakt ein Jahr nach seiner Verhaftung, kam Hendrik Nijhof im Konzentrationslager Dachau an. Er erhielt dort die Häftlingsnummer 116518. Nach dreieinhalb Monaten geschah etwas, das der langjährige Gemeindesekretär von Naarden, Jan Hendrik Maas, fast sechs Jahre später, am 8. September 1950, in seinem Büro beurkundete: Hendrik Simon Wilhelm Nijhof starb am 29. Januar 1945. Maas strich die vorgedruckten Worte „in dieser Gemeinde“ säuberlich mit Hilfe eines Lineals ebenso durch wie die für „normale“ Todesfälle gedachten Worte „In Übereinstimmung mit dem Geet vorgelesen“ und fügte für den Ort das Todes „in Dachau in Deutschland“ ein. Am 10. September 2002 wurde Hendrik Simon Wilhelm Nijhof von Yad Vashem als Gerechter unter den Völkern geehrt.
Quellen:
https://collections.yadvashem.org/en/righteous/search-results/nijhof?page=1
https://nl.wikipedia.org/wiki/Utrechts_Kindercomité
https://www.verzetsmuseum.org/dachau/hendrik-simon-wilhellm-nijhof
https://www.oorlogsbronnen.nl/tijdlijn/Hendrik-Simon-Wilhelm-Nijhof/02/111385
arolsen: https://www.openarchieven.nl/nha:53bcc579-5540-4df1-b3f0-9d11c4d0fb3f/de
Biografien weiterer Gerechter unter den Völkern, die Häftlinge im KZ Dachau waren und andere interessante Artikel: Link
Um finanzielle Unterstützung wird gebeten.
Spendenkonto
DE54 7005 1540 0280 8019 29
BYLADEM1DAH
