

Bildtexte: Jean Sévérain Lemaire 1943; Jean Sévérain Lemaire im Mai 1945; Jean Sévérain Lemaire 1975; Jean Sévérain Lemaire bei der Pflanzung seines Baums in Jerusalem 1976; Schwester Denise Bergon mit einem der in ihrem Internat versteckten Kinder. Alle Fotos: Rechte bei der Gedenkstätte Yad Vashem
Jean Sévérain Lemaire - Gerechte unter den Völkern aus dem KZ Dachau von Klemens Hogen-Ostlender
Der Staat Israel hat 1953 den Ehrentitel „Gerechter unter den Völkern“ für Menschen geschaffen, die unter Einsatz ihres Lebens Juden vor der Verfolgung durch Nationalsozialisten gerettet haben. Die Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem hat auch ehemalige Häftlinge aus dem Konzentrationslager Dachau auf diese Weise ausgezeichnet – nicht nur Männer aus dem Priesterblock, sondern auch Gefangene beiderlei Geschlechts aus der großen Zahl der Laien, die im Lager eingekerkert waren. Geehrte bekommen eine Plakette mit einem hebräischen Zitat. Es lautet in der Übersetzung „Wer immer ein Menschenleben rettet, hat damit gleichsam eine ganze Welt gerettet.“ Gerechte unter den Völkern erhalten in Anerkennung für ihre Taten außerdem die israelische Ehrenbürgerschaft, und wenn sie verstorben sind, auch die Staatsangehörigkeit im Gedenken. Bis zum 1. Januar 2024 haben nach der neuesten Statistik 28.707 Menschen aus 51 Ländern diese Ehrung erhalten, darunter 4.303 aus Frankreich. Einer von ihnen ist Jean Sévérain Lemaire.
Kontakt mit dem Service André
Jean Sévérain Lemaire wurde am 4.Juni 1906 in der französischen Küstenstadt Le Havre an der Seinemündung geboren. In Marseille war er als Dozent für Bibelstudien tätig, ehe er dort 1938 Pastor der Gemeinde der Reformierten Kirche von Frankreich wurde. Als Intellektueller und frommer Christ weigerte er sich, die Verfolgung von Juden in der bis 1942 nicht von den Deutschen besetzten so genannten „Freien Zone“ Frankreichs durch das Regime von Vichy hinzunehmen. Ende 1941 lernte Lemaire Joseph Bass kennen, einen in Russland geborenen Juden. Er war in den Untergrund gegangen und hatte eine Rettungsorganisation namens Service André gegründet (Sein Deckname in der Résistance war (Monsieur André"). Der Pastor erklärte sich bereit, diese Organisation zu unterstützen. Sie tat alles Menschenmögliche um unabhängig von Religion, politischer Überzeugung oder anderen Kriterien Menschen zu retten, die von der Vichy-Regierung oder dem deutschen NS-Regime verfolgt wurden. Unter ihnen waren viele Juden.
Zuflucht in anderen Teilen Frankreichs
Der Service André war in der Umgebung von Marseille und entlang der Mittelmeerküste aktiv. Die Organisation zog Menschen vieler Glaubensrichtungen an, die sich der Risiken bewusst waren, die sie eingingen. Sonntags nach dem Gottesdienst versorgte Pastor Lemaire jüdische Flüchtlinge mit gefälschten Papieren und den Adressen von Menschen, die bereit waren, ihnen Unterschlupf zu gewähren. Jüdischen Erwachsenen half er, die Grenze nach Spanien zu überqueren oder unterzutauchen. Mit seiner Hilfe wurden jüdische Schützlinge unter anderem bei christlichen Familien oder in christlichen Jugendeinrichtungen untergebracht.
Eine seiner Verbündeten war Denise Marie Justine Bergon vom Orden Sœurs de Notre-Dame de l'Immaculée-Conception (Schwestern unserer Lieben Frau von der Unbefleckten Empfängnis). Sie war während der deutschen Besatzung Frankreichs Direktorin des katholischen Internats Notre-Dame de Massip in der Kleinstadt Capdenac im Zentralmassiv, wo sie am 6. April 1912 auch geboren worden war. Ab Dezember 1942 beherbergte sie dort etwa 80 jüdische Kinder, deren Eltern deportiert worden waren oder sich vor dem Vichy-Regime oder der deutschen Besatzungsmacht versteckten. Sie verbarg außerdem elf Erwachsene in der Schule und vermittelte mehreren jüdischen Familien Unterschlupfmöglichkeiten.
5.000 Untergetauchte auf dem Plateau von Chambon-sur-Lignon
Der für Capdenac zuständige Erzbischof von Toulouse, Jules Saliège, unterstützte sie. Die Kinder in Notre-Dame de Massip erhielten falsche Papiere und christliche Identitäten. Nur vier Ordensschwestern waren eingeweiht, dass es sich um Juden handelte. Soweit möglich, half Denise Bergon den Kindern auch beim Aufrechterhalten der Kontakte zu ihren versteckt lebenden Eltern und begleitete sie in deren Verstecke. Der Service André schickte seine Schützlinge auch nach Chambon-sur-Lignon. Von Dezember 1940 bis September 1944 gewährten die rund 5.000 Einwohner dieses Orts und die etwa 24.000 Bewohner des umliegenden Plateaus rund 5.000 Menschen Zuflucht. Schätzungsweise 3.000 bis 500 von ihnen waren Juden, die vor den Vichy-Behörden und den Deutschen geflohen waren. Andere Flüchtlinge schickte der Service André ins Ausland.
Ein „großer Rabbiner mit schwarzem Bart“
1942 besetzte die Wehrmacht auch die „Freie Zone“. Nach der Landung von Amerikanern und Briten in Französisch-Nordafrika, traute Adolf Hitler es dem verbündeten Vichy-Regime nicht zu, die Mittelmeerküste gegen eine mögliche Alliierte Landung zu verteidigen. Am 14. März 1943 wurden Lemaire und Bass verhaftet, nachdem ein Anhänger des Regimes sie bei den Behörden denunziert hatte. Kurz zuvor war es dem Pastor noch gelungen, ein acht Monate altes Kind aus dem Gefängnis zu retten, in dem es mit 13 seiner Angehörigen festgehalten wurde. Joseph Bass gelang die Flucht. Jean Lemaire, der sich nicht verstecken wollte, wurde in derselben Zelle wie die verhafteten Juden im Gefängnis von Saint-Pierre eingesperrt. Er stärkte ihre Moral und betete mit ihnen am Sabbat. Francine Weil war zusammen mit ihren Großeltern, den Abravanels, verhaftet worden und hatte sich mit Keuchhusten angesteckt. Dank Lemaires energischem Eingreifen wurde sie ins Krankenhaus gebracht, von wo aus sie von Widerstandskämpfern befreit wurde. Sie erinnerte sich später an Jean Sévérain Lemaire als einen „großen Rabbiner mit schwarzem Bart“. Francine Weil schützte auch einen Juden, der mit in der Zelle saß und von anderen Häftlingen verdächtigt wurde, ein Informant zu sein.
Nach Mauthausen und Dachau
Zunächst schickte die Gestapo den Pastor nach Norden in das Lager Compiègne-Royallieu nicht weit von Paris. Am 6. April 1944 wurde er mit 1.488 Leidensgenossen in überfüllten Güterwaggons zusammengepfercht im Transportzug in Richtung KZ Mauthausen geschickt. Es herrschten katastrophale hygienische Verhältnisse bei diesem letzten Transport auf dieser Strecke. Die rund 1.000 Kilometer weite Fahrt dauerte zweieinhalb Tage. Nachdem die Neuankömmlinge im KZ registriert waren, wurde Jean Sévérain Lemaire mit rund 1.400 anderen in das etwa 80 Kilometer entfernte Kommando Melk geschickt. Dort wurden alle dem Projekt „Quarz“ zugeteilt. Dabei handelte es sich um den Bau einer riesigen unterirdischen Stollenanlage im Quarzsandstein für eine Fabrik von Steyr-Daimler-Puch zur Produktion von Kugellagern. Die Arbeitsbedingungen in diesen Stollen galten als extrem hart und lebensgefährlich. Am 29. November 1944 musste Jean Sévérain von Melk ins Konzentrationslager Dachau. Zwei Tage lang dauerte die Fahrt über die nicht einmal 350 Kilometer im Chaos der letzten Phase des Krieges. Knapp fünf Monate KZ-Haft hatte der Pastor noch zu überstehen. Berichten zufolge blieb er auch in der Haft seinem Beruf als Seelsorger treu.
„Ich war erschüttert von der Judenverfolgung“
Am 29. April 1945 befreiten amerikanische Truppen das Lager. Am 21 Mai 1945 kehrte Jean Lemaire körperlich stark gezeichnet zunächst nach Paris zurück. In Marseille erfuhr er, dass keiner der dort in der Zelle mit ihm inhaftierten Juden noch am Leben war. Er nahm seine Tätigkeit in der Stadt wieder auf und sagte über das Motiv seiner Taten einmal „Ich war stets gegen die Ideen und Handlungen der damaligen französischen Regierung, die meiner Ansicht nach – prinzipiell und größtenteils aufgrund von Beweisen – den christlichen Werten und den Evangelien widersprachen. Ich war besonders erschüttert von der zunehmenden Judenverfolgung, die mit der Verfolgung ausländischer Juden begann. Ich konnte nicht länger tatenlos zusehen, ohne den Gejagten, deren Zahl stetig wuchs, aktiv zu helfen. Ende 1941 nahm ich Kontakt zu Joseph Bass auf und erfuhr von der von ihm gegründeten Organisation, die den Verfolgten – ob Kinder, wehrfähige Männer oder ältere Menschen – half. Diese Arbeit hielt ich für gerechtfertigt und beschloss, sie nach Kräften zu unterstützen. Wir pflegten zahlreiche Kontakte zu christlichen und jüdischen Organisationen… Wir gründeten in Marseille und im gesamten südlichen Mittelmeerraum eine Organisation, in der Protestanten, Katholiken und Juden verschiedenster Glaubensrichtungen brüderlich zusammenarbeiteten… Wir halfen vielen Menschen, Verhaftung und Deportation zu entgehen, indem wir sie entweder versteckten oder ihre Einreise in die italienische Zone oder ins Ausland organisierten oder sie in vom Maquis kontrollierte Gebiete führten“.
Am 19. Februar 1976 erkannte Yad Vashem Jean Séverin Lemaire als Gerechten unter den Völkern an. Er starb am 20. Dezember 1985 in Marseille.
Biografien weiterer Gerechter unter den Völkern, die Häftlinge im KZ Dachau waren und andere interessante Artikel: Link
Quellen:
https://collections.yadvashem.org/en/righteous/4042873
https://www.ifcj.org/news/fellowship-blog/from-pastor-to-prisoner
https://encyclopedia.ushmm.org/content/fr/article/le-chambon-sur-lignon
https://mvr.asso.fr/lemaire/
https://www.holocaustrescue.org/clergy-who-aided-jews-in-france
https://yadvashem-france.org/dossier/nom/1807/
https://de.wikipedia.org/wiki/Denise_Bergon
https://campmauthausen.org/2024/03/compiegne-6-avril-80eme-anniversaire/
https://www.holocaustrescue.org/quotes-french-rescue-and-relief
https://yadvashem-france.org/dossier/nom/1807/
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