

Bild: Das Hauptgebäude auf Ellis Island, das Max, Anna und Jenny Book ohne Marie-Antoinette Castermans nie gesehen hätten. Foto: Dr. Bernd Gross CC-AS 4.0
Marie-Antoinette Castermans- Gerechte unter den Völkern aus dem KZ Dachau von Klemens Hogen-Ostlender
Der Staat Israel hat 1953 den Ehrentitel „Gerechter unter den Völkern“ für Menschen geschaffen, die unter Einsatz ihres Lebens Juden vor der Verfolgung durch Nationalsozialisten gerettet haben. Die Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem hat auch ehemalige Häftlinge aus dem Konzentrationslager Dachau auf diese Weise ausgezeichnet – nicht nur Männer aus dem Priesterblock, sondern auch Gefangene beiderlei Geschlechts aus der großen Zahl der Laien, die im Lager eingekerkert waren. Geehrte bekommen eine Plakette mit einem hebräischen Zitat. Es lautet in der Übersetzung „Wer immer ein Menschenleben rettet, hat damit gleichsam eine ganze Welt gerettet.“ Gerechte unter den Völkern erhalten in Anerkennung für ihre Taten außerdem die israelische Ehrenbürgerschaft, und wenn sie verstorben sind, auch die Staatsangehörigkeit im Gedenken. Bis zum 1. Januar 2024 haben nach der neuesten Statistik 28.707 Menschen aus 51 Ländern diese Ehrung erhalten, darunter 1819 aus Belgien. Eine von ihnen ist Marie-Antoinette Castermans.
Zeit, unterzutauchen
Meilech Buch (später Max Book) lebte 1942 mit seiner Frau Chana und seiner fünfjährigen Tochter Jenny in Antwerpen. Zu Beginn der deutschen Besatzungszeit waren in der Stadt rund 11.250 Menschen im „Judenregister“ verzeichnet. Die vor allem im Diamantenviertel am Hauptbahnhof ansässige Gemeinde war überwiegend orthodox. Eines Nachts im Oktober wurde heftig an die Eingangstür seiner Wohnung geklopft, aber die Deutschen schafften es nicht, die sehr solide Eingangstür aufzubrechen. Es war höchste Zeit, unterzutauchen. Die Familie Buch bewohnte die Wohnung im Erdgeschoss eines Dreifamilienhauses, und der Vermieter hatte ein Schild ausgehängt, dass die beiden oberen Stockwerke zu vermieten seien. Zwei englische Damen kamen, um sich die Wohnungen anzusehen, aber als sie merkten, dass die einzigen verbliebenen Mieter Juden waren, zögerten sie und wollten gehen. Chana Buch bat sie jedoch, Mitleid mit ihrer Familie zu haben und ihnen zu helfen, unterzutauchen. Da es zufällig ein Sonntagmorgen war, gingen die beiden Frauen in die Kirche, und eine von ihnen erzählte dem Priester, was ihnen widerfahren war. Einige Tage später kam eine unbekannte Frau mittleren Alters zu den Buchs. Sie wollte nicht sagen, wer sie geschickt hatte, aber später erfuhren die Buchs, dass es der Priester gewesen war. Ihr Name war Marie-Antoinette Castermans, und als Kinderkrankenschwester war es ihre Aufgabe, die Gesundheit von Neugeborenen zu überprüfen.
Zerbrochene Fenster als Tarnung
Sie war in der Untergrundorganisation F.I. aktiv. Die Front de l'Indépendance (Unabhängigkeitsfront) gab Untergrundzeitungen heraus, plante Anschlägen auf die Infrastruktur der Besatzer und führte sie aus, unterstützte untergetauchten Personen, rief zur Verweigerung von Zwangsarbeit für die Deutschen auf und kontrollierte die Partisans Armés (Bewaffnete Partisanen), die die Wehrmacht und Kollaborateure bekämpften. Marie-Antoinette Castermans sagte den Buchs, sie kenne ein Versteck für sie und brachte sie mit der Straßenbahn dorthin. Von der Endstation mussten alle drei oder vier Kilometer in Richtung Südosten an den Rand des Ballungsraums von Antwerpen laufen, bis sie zu einem sehr alten Haus mit zerbrochenen Fenstern kamen. Es war von hohem Gras umgeben. Es hatte zehn Zimmer und schien eine Villa zu sein, deren Besitzer weggezogen waren. Nur die 60-jährige Haushälterin Lisa de Pouter lebte noch in dem Gebäude. Gelegentlich kamen die Deutschen, die nach Häusern zu suchen, die sie übernehmen konnten. Die alte Villa hatte keine Kanalisation, sondern eine Klärgrube. Jedes Mal, wenn Besatzer kamen, nahm die Haushälterin ein großes Paddel und rührte die Klärgrube um, sodass der Geruch im Haus unerträglich wurde. Die Besucher verließen dann das Haus wegen des üblen Geruchs schnell wieder. Marie-Antoinette Castermans hatte den Eigentümer des weitgehend ungenutzten Hauses gebeten, die Buchs dort wohnen zu lassen und angeboten, sie würden Miete zahlen. Der Mann willigte ein, wollte aber keinen direkten Kontakt zu den jüdischen Bewohnern des Hauses haben. Er vermietete das Haus an Marie-Antoinette Castermans, und die Buchs zahlten dem Besitzer das Geld über sie. Später versteckten sich auch Meilechs Cousin Henry Frankfurt, eine Frau Yakabovitch mit ihrer 14-jährigen Tochter und ein Ingenieur namens Metzker in demselben Haus.
Nach der Verhaftung ins KZ
Die Vorderseite der Villa wurde mit Brettern vernagelt, angeblich zum Schutz vor möglichen Glassplittern bei Bombenangriffen, in Wirklichkeit aber, um Passanten den Blick ins Innere des Hauses zu verwehren. Weil das Nachbarhaus von Deutschen bewohnt war, schärften die Eltern der fünfjährigen Jenny ein, sie dürfe niemals laut sein, auch nicht, wenn sie sich versehentlich verletzte. Marie-Antoinette Castermans versorgte die Juden mit gefälschten Ausweisen und Lebensmittelmarken, und Lisa kaufte die Nahrungsmittel ein. Virginie und Alphonse Claassens, die mit Marie-Antoinette Castermans im Untergrund arbeiteten und die Buchs persönlich kannten, halfen ihnen ebenfalls sehr. Gegen Ende des Krieges verhafteten die Deutschen Marie-Antoinette Castermans, weil sie sie illegaler Aktivitäten verdächtigten. Sie wurde ins Konzentrationslager Dachau deportiert und überlebte die Haft dort. Wegen ihres sehr geschwächten Zustandes wurde sie nach der Befreiung allerdings vom Roten Kreuz zur Genesung in ein Krankenhaus in Schweden geschickt. Als sie im Sommer 1945 nach Belgien zurückkehrte und Meilech Buch traf, lehnte sie jeden Dank ab und betonte, die Tatsache, dass sie bei ihrer Rückkehr ihre Schützlinge lebend vorfand, sei Dank genug sei. Marie-Antoinette Castermans ging später in die damalige belgische Kolonie Kongo und wurde dort während der Unruhen nach der Entlassung des Landes in die Unabhängigkeit Anfang der 1960er Jahre ermordet. Am 12. April 1992 erkannte Yad Vashem sie als Gerechte unter den Völkern an, nachdem Juden, die durch ihren Einsatz gerettet worden waren, darauf aufmerksam gemacht hatten.
Auswanderung in die USA
Dass die Rettungstaten von Menschen wie Marie-Antoinette Castermans bis heute unmittelbare Auswirkungen haben, zeigt die weitere Lebensgeschichte der Familie Buch. Das Ehepaar kehrte mit Tochter Jenny 1947 der alten Heimat, in der alle drei fast ermordet worden wären, den Rücken und überquerte auf einem Passagierschiff den Atlantik. Bei der Einwanderung in die Vereinigten Staaten auf Ellis Island unweit des New Yorker Hafens nahm die Familie den Namen Book an. Als Meilech wurde außerdem Max. Er lebte weitere 42 Jahre und starb im August 1989 in New York. Seine Frau, die sich nun Anna nannte, überlebte ihn und starb im Januar 1994 ebenfalls dort. Einzig Jenny behielt ihren sprachlich passenden Vornamen. Als junge Frau heiratete sie einen anderen Holocaust-Überlebenden, den aus Lodz in Polen stammenden Nusyn Majer Teigman, der bei der Einwanderung den anglisierten Vornamen Jack gewählt hatte. Jenny bekam eine Tochter, Rosalynd, und einen Sohn, Howard, und starb am 20. Juli 1991, drei Jahre vor ihrer Mutter, im Alter von 68 Jahren. All das hätte es nicht gegeben, wenn Marie-Antoinette Castermans nicht den Mut gehabt hätte, zu helfen.
Quelle: https://collections.yadvashem.org/en/righteous/4014251
Biografien weiterer Gerechter unter den Völkern, die Häftlinge im KZ Dachau waren und andere interessante Artikel: Link
Um finanzielle Unterstützung wird gebeten.
Spendenkonto
DE54 7005 1540 0280 8019 29
BYLADEM1DAH
