

Bildtexte: Jubelnde Häftlinge des Konzentrationslagers Dachau am 29. April 1945 nach Ihrer Befreiung. Foto: Public Domain; Die Freiheitsstatue neben dem KZ-Wachturm: Plakat vom ersten Jahrestag der Befreiung. Foto: Public Domain; Die Kriegsberichterstatterin Marguerite Higgins. Foto: Public Domain; Dieses Bild zeigt die Hinrichtung von SS-Männern durch amerikanische Soldaten im Kohlenhof des KZ Dachau. Foto: Public Domain (20); Getötete SS-Männer am Wachturm B. Foto: Public Domain.
Zum Jahrestag der Befreiung des KZ Dachau am 29.04.1945 von Klemens Hogen-Ostlender
„Annuntio vobis gaudium magnum“
Die Welt blickt nach Rom, wenn der Kardinalprotodiakon von der Mittelloggia des Petersdoms mit den Worten „Annuntio vobis gaudium magnum“ verkündet, dass ein neuer Papst gewählt wurde. Zuletzt hatte Camilla Caccia Dominioni das am 2. März 1939 getan. Nun sprach Josef Plojhar, Pfarradministrator der Ortschaft Rudolfstadt bei Böhmisch Budweis, diese Worte am 29. April 1945 nach einem sonntäglichen Choralamt in der Kapelle des Priesterblocks im KZ Dachau. Seit fünfeinhalb Jahren war er in KZ-Haft. Plojhar fuhr aber nicht mit der gewohnten Formel „Habemus Papam“ fort. Stattdessen sagte auf Latein „SS hat das Lager verlassen, auf dem Haupttor des Lagers weht die weiße Fahne“.(1) So hat es Johann Steinbock, Kooperator aus Steyr in Oberösterreich, erlebt. Dieser Artikel will die Ereignisse aus der Sicht der Männer beleuchten, denen der 29. April jenes Jahres die Freiheit brachte. Am längsten von allen noch Lebenden Geistlichen im KZ Dachau, hatte der katholische Geistliche Georg Schelling, Redakteur des katholischen Vorarlberger Volksblatts aus Feldkirch auf diesen Tag gewartet. Seit dem 31. Mai 1938. Die SS hatte ihn allerdings in Erwartung des nahenden Endes ihrer Macht bereits am 10. April 1945 entlassen.(2)
Falscher Alarm
Als die gefangenen polnischen Priester im April 1945 erfuhren, dass die übriggebliebenen Dachauer KZ-Insassen ermordet werden sollten, gaben sie sich in die Obhut des heiligen Josef, der verehrt wird im Heiligtum in Kalisz, Polen, und beteten zu ihm eine Novene. An ihrem neunten und letzten Tag, unmittelbar vor der geplanten Mordaktion, wurde das Lager auf wundersame Weise befreit. Die polnischen Priester waren überzeugt, dass die Intervention des heiligen Josef ihnen das Leben gerettet hatte“.(3) Am 26. April war einer Gruppe von Häftlingen die Flucht aus dem KZ gelungen. Einer von ihnen, der Nürnberger Kommunist Karl Riemer, schlug sich zu Fuß bis ins bereits befreite Pfaffenhofen durch und bat dort die Amerikaner, das Lager möglichst schnell zu befreien.(4) Am 28. April schien die Stunde der Freiheit schon geschlagen zu haben: „Die Spannung im Lager stieg. Ein lang vermisstes Lächeln erschien auf den Gesichtern der Häftlinge.“ Gegen Mittag ertönt der Schrei „Amerikaner“. Häftlinge erklettern die Dächer, werfen sich gegenseitig in die Arme, küssen sich und weinen – für fünf Minuten. Dann herrscht Stille. Die Amerikaner waren doch noch nicht da. (5)
Schüsse kommen näher
Der polnische Kapuziner P. Melchior Fryszkiewicz sagte über diesen Moment „Die Begeisterung, die große Aufregung und Schreie waren so groß, dass die Bevölkerung in der Stadt Dachau dachte, dass im Lager ein Häftlingsaufstand ausgebrochen wäre.“ Sein Eindruck über die Situation im KZ Dachau vor der Befreiung: „Sonntag, der Tag des Herrn. Der Tag der Auferstehung. Das Lager in Dachau – obwohl es schmutzig war und nach Verwesung roch, schien heute anders. In der Erwartung großer Dinge bekamen die Menschen einen feierlichen Anstrich der Seele, des Herzens, des Gesichtes. Die Gesunden, die Kranken und die Sterbenden [?] plapperten fröhlich vor sich hin, lächelten wie Vögel auf frischen Zweigen... Nach der Messe ging ich auf die Lagerstraße hinaus. Der Verkehr war derselbe wie sonst und die Menschen waren auch die gleichen: nur gingen sie schneller und redeten lauter und fröhlicher.“ Man hörte in der Ferne Schüsse, die näherkamen.“ (6) Die SS war verschwunden und hatte nur eine von jeweils von zwei auf acht bis zehn Mann verstärkte Wacheinheit auf den Türmen hinterlassen. Maschinengewehre zielten ständig ins Lager. Kein Kommando rückte zur Arbeit aus. Für Verpflegung wurde nichts unternommen, die Küche war nicht in Betrieb. Das bedeutete Hunger.
Oberstleutnant Felix Laurence Sparks, Bataillonskommandeur im 157. Infanterieregiment der 45. US-Infanteriedivision, hatte morgens Befehl erhalten, das Lager zu befreien. Auch eine Einheit der 42. Division war darauf angesetzt. Eine einzige Kompanie von Bataillonskommandeur, Felix L. Sparks und ein bloßer Aufklärungstrupp der 42. Division mit ein paar Jeeps entdeckten gegen 15 Uhr als erste den „Todeszug aus Buchenwald“, der in der Nacht zuvor eingetroffen war. Noch lebende Häftlinge waren zuvor ins Lager gebracht worden, die amerikanischen Soldaten fanden einen Zug voller zahllosen Leichen in schlimmen Zustand auf dem Abstellgleis in der Nähe des Lagers. Zweieinhalb Stunden später kam der erste amerikanische Soldat durch das Haupttor ins KZ. (7)
Ein blondes junges Mädchen im Jeep
Der Häftling Joseph Rovan, ein deutscher Jude, war nach Frankreich geflohen und hatte sich dort dem Widerstand angeschlossen. Nach seiner Verhaftung kam er nach Dachau. Er beobachtete, wie Menschen in amerikanischer Uniform aus dem Wagen kletterten: „Sie konnten sich kaum der wogenden Masse erwehren, die ihnen entgegenbrandete: ein sehr großer Schwarzer, der Fahrer, zwei Weiße und … eine Frau. Sie hatte ihre Mütze abgenommen. Und wir sahen ihre kurzgeschnittenen, dunkelbraunen Locken“.(8) Nicht nur der polnische Vikar Leon Stepniak war erstaunt über das „junge Mädchen“.(9) Es war die 24-jährige amerikanische Kriegsberichterstatterin Marguerite Higgins, die durch ihren Bericht über die Befreiung des Konzentrationslagers berühmt wurde und später auch aus dem Koreakrieg und Vietnam berichtete.(10) Stepniak hatte mit seinen Landsleuten bei schönem, sonnigem Wetter gerade gebetet, als die Amerikaner eintrafen. Er berichtete: „Wir fühlten uns frei. Wir hielten in der Kapelle des Blocks 26 den Gottesdienst, 10.000 Polen nahmen an der Messe teil. [So viele Menschen passten bei weitem nicht in die kleine Kapelle. Stepniak meint wahrscheinlich eine Messe vor dem Altar, der vor den Priesterblocks aufgestellt wurde, oder sogar die Messe auf dem Appellplatz einige Tage später]. Wir sangen das Te Deum laudamus“. (11)
„Kann es sei, dass die Freiheit gekommen ist?“
P. Melchior Fryszkiewicz, der polnische Kapuziner konnte es kaum glauben: „Kann es sein, dass die Freiheit gekommen ist? Hier, im Todeslager, in diesem letzten Raum hinter den Drähten? Wie kommt das? Die Freiheit ist so stark, dass sie sich nicht scheut, hier zwischen die Leichen zu gehen? Sie hat keine Angst vor der Pest, den Wunden, dem Schmutz und all den Schrecken, die sich hier seit Jahren eingenistet haben?“ Der französische Häftling Edmond Michelet, später Minister in Frankreich und Miterbauer der deutsch-französischen Freundschaft, war beeindruckt von einem amerikanischen Militärseelsorger, der vom oberen Fenster des Jourhauses zu den befreiten Häftlingen sprach: „Mit ergreifender Stimme fordert er uns auf, der Vorsehung zu danken, dass sie uns bis zu diesem Tage erhalten habe, dass sie uns den Klauen des Drachen entrissen habe. Dann lädt er die herbeigeeilten Kameraden ein, auf dem großen Platz zusammenzukommen, um dem ersten Dankgebet, das er dort oben verrichten will, beizuwohnen. … In weiter Bewegung gibt er das Zeichen des Segens über die brüllende Menge, die aus den Blocks zusammenströmt. Aber plötzlich hört man Kugeln pfeifen, alles wirft sich zu Boden. Erst nach einem letzten Kugelwechsel mit den fanatischen SS-Leuten wird das Sternenbanner am Mast gehisst, wo gestern noch die rote Fahne mit dem Hakenkreuz wehte. Unerschütterlich aber betet der amerikanische Priester von seiner Höhe herab unter einem zerbeulten Stahlhelm das „Vater unser“. So wurde uns – sozusagen im Wildwest-Stil – die Freiheit wiedergegeben. (12)
[Ob der Militärgeistliche katholisch oder protestantisch war, auf Deutsch oder auf Englisch sprach, da widersprechen sich die Erinnerungen. An das gemeinsame „Vater unser“ erinnern sich alle der Zeugnisse überlebender Geistlicher aus dem KZ Dachau]
Lynchjustiz
Aber es herrschte nicht nur Freude. Verhasste Spitzel, der Lagerälteste und Funktionshäftlinge wurden aus Verstecken geholt und entweder gelyncht oder den Amerikanern übergeben. Die Angaben, wie viele SS-Männer bei der Lagerbefreiung getötet wurden, widersprechen sich. Der polnische Jesuit P. Adam Kozlowiecki, der 1998 in das Kardinalskollegium aufgenommen wurde, kritisierte: „Manche Häftlinge stürzten sich in die Türme, um die sich ergebenden und widerstandslosen SS-Männer zu entwaffnen. Sie schlugen, traten, stießen die SS-Männer, die mit erhobenen Händen dastanden. Ich bin entschieden gegen eine solche Behandlung. Wir fordern Gerechtigkeit, nicht bestialische Rache“. Es gibt ein Foto, dass SS-Männer mit erhobenen Händen zeigt, die im Kohlenhof das Lagers vor amerikanischen Soldaten stehen. Zwischen den SS-Angehörigen liegen zahlreiche offensichtlich Erschossene. In der offiziellen Dokumentation des Dachauer Konzentrationslagers werden die Exekutionen wie folgt dargestellt: „Einige amerikanische Soldaten waren durch den Anblick des Todeszuges so außer sich geraten, dass sie eigenmächtig begannen, gefangengenommene SS-Leute hinzurichten. Als der Bataillonskommandeur, Felix L. Sparks, beobachtete, was vor sich ging, stoppte er die Exekution sofort. Insgesamt wurden etwa 50 SS-Angehörige während der Befreiung getötet“.(13)
Ein kurzer Augenblick der Gnade
Joseph Rovan beobachtete, wie amerikanischen Soldaten bei der Inspektion der Blöcke erschüttert waren durch Szenen, deren Anblick die Häftlinge zu lange schon gewöhnt waren, um sich noch darüber zu wundern. Sie verteilten mit vollen Händen Zigaretten, Schokolade, Lebensmittelrationen, Bleistifte, Füller und sogar Geld. Diejenigen, die sich mit Häftlingen verständigen konnten, ließen sich erklären, was sie sahen und nicht begreifen konnten. Befreite Gefangene boten sich als Führer an, um mit ihren Rettern durch das Lager zu gehen. In den Stuben kamen Tauschgeschäfte zustande. Rovan schilderte sein Gefühlsleben in diesen Stunden so: „Jetzt, wo alle Gefahr vorüber war, … jetzt, da es keinen Grund mehr gab, Angst zu haben, spürte ich eine große Leere in mir, eine abgrundtiefe Erschöpfung, aus der ich, wie mir schien, nie mehr würde auftauchen können. Ich ließ den Lärm, die Freudenschreie, den Trubel, das Stöhnen der Kranken und das Röcheln der Sterbenden hinter mir, begab mich in die Kapelle und ließ mich in der Dunkelheit nieder, die mir im Licht einiger weniger Kerzen noch undurchdringlicher erschien. Ich setzte mich und atmete langsam durch, um meinen Herzschlag zu beruhigen. Ich glaube nicht, dass ich wirklich gebetet habe, ich habe auch an nichts Bestimmtes gedacht. Ich lauschte einfach in die Stille hinein, die nach und nach die Leere durchdrang. Es war wie ein kurzer Augenblick der Gnade“ (14)
Die Freiheit hatte ihren Preis
Donnerstag, der 3. Mai, war polnischer Nationalfeiertag. Er wurde, wie P. Melchior berichtete, so festlich wie möglich begangen. Inmitten der geschmückten Wohnblocks und Straßen zog eine Prozession zum Appellplatz, wo der älteste polnische Priester am Fuße eines riesigen Kreuzes eine feierliche Messe mit einer feierlichen Predigt zelebrierte. Das ganze Lager nahm teil, angeführt von Delegationen verschiedener Nationalitäten. Der Platz war voller bunter Fahnen. (15) Einen Tag später wurde am selben Ort eine Messe für die ermordeten und toten Häftlinge und die gefallenen amerikanischen Soldaten gefeiert.
Das befreite Lager wurde zu einer Art Besucher-Wallfahrtsort. Es wimmelte von Menschen. Alle wollten den berühmten Ort sehen: ausländischen Gäste, Pressevertreter, Kameraleute, Kriegsberichterstatter, Diplomaten, Offiziere... P. Melchior erlebte es: „Sie besichtigen die Blocks im Detail, filmten, fotografierten, interviewten, machten Notizen.“ 2.000 Leichen vor dem Krematorium lösten Erschütterung aus. Am Sonntag acht Tage nach der Befreiung registrierte er einen geselligen Abend. „Auf Straßen und Plätzen Lagerfeuer, Picknick im Freien. Dazwischen überlebende Häftlinge, kaum Ähnlichkeit mit Menschen. Haut und Knochen. „Die Freiheit gab ihnen Kraft. Wo sie bisher litten, kochen sie nun ihr eigenes Essen über dem Feuer, Essen aus dem geplündertem SS-Lager. Laufen, freudige Rufe, Geplapper, Gesang. Erst jetzt wissen sie, dass sie leben. Es hat gedauert, bis sie die Gewissheit hatten, dass die Freiheit keine Illusion ist“. Die Freiheit hatte jedoch ihren Preis, nicht alle erlebten sie. Von 200.000 Häftlingen, so P. Melchior, waren im Stammlager 33.000 gestorben, darunter 15.000 Polen. (16)
Im Lager errichteten die ehemaligen Häftlinge ein mächtiges Kreuz. Die polnischen Priester bauten vor dem Block einen großen Feldaltar auf und täglich wurde dort der Messopfer unter großer Anteilnahme, hauptsächlich von Polen, gefeiert. Der amerikanische Militärrabbiner David Max Eichhorn hielt am Freitag, dem 4. Mai, eine Nachmittagsandacht in der Frauenbaracke. Ein amerikanischer Colonel der Nachrichtentruppe George Stevens, wollte den nächsten Gottesdienst am Sabbat filmen. Weil Polnische Häftlingen drohten, die Feier zu sprengen, wenn sie auf dem Appellplatz stattfinde, wurde sie in die Lagerwäscherei verlegt. Dort war nur für 80 Personen Platz. Viele Juden konnten nicht teilnehmen. Auf Befehl das amerikanischen Lagerkommandanten wurde der Gottesdienst am nächsten Tag auf dem Appellplatz wiederholt, so dass alle mitfeiern konnten, die das wollten. (17)
Der erste Jahrestag
Am ersten Jahrestag der Befreiung, dem 29. April 1946, wurde in der Dachauer Stadtpfarrkirche St. Jakob eine Gedenkmesse gefeiert. Der Dominikanerpater Leo Roth, selbst ein ehemaliger Häftling, sagte in der Predigt: „Es drängt uns, dem zu danken, dem wir letztlich unsere Befreiung verdanken: dem allgütigen Gott, der alles zu unseren Besten gefügt hat ... Alle Menschen, die Gutes tun, sind nur Werkzeuge des guten Gottes. Dieser Gottglaube beseelt uns und er beglückt uns heute so groß: Er wollte, dass wir befreit würden, und so wurden wir befreit.“ Roth bekräftigte allerdings auch dies: „Befreit haben aber auch wir uns selber. In all den Jahren unserer Inhaftierung haben wir Häftlinge im Lager eine energische Selbsthilfe geschaffen. Wie viele von uns verdanken wie vielen von uns ihr Leben! Befreit haben uns außerdem alle die guten Menschen, die uns in den Jahren unserer KZ-Haft tatkräftig mit Lebensmitteln und mit Gebet unterstützt haben“. Der Dominikanerpater würdigte auch die Unterstützung durch Familienangehörige und hob auch die Verdienste „aller der guten Leuten aus der Dachauer Bevölkerung, die zu unserer Lebensrettung beigetragen haben“, hervor: „Manch einer von uns wäre im KZ liegen geblieben, hätten uns nicht mitleidige und opferstarke Leute der Dachauer Bevölkerung geholfen. Es wurde viel geschmuggelt und es wurde von manchen viel zu unserer Rettung gewagt“.
Unendlich kostbare Werteerfahrung
Leo Roth sagte auch: Der Aufenthalt im Konzentrationslager bedeutete für uns eine Schulung zu unendlich kostbarer Werteerfahrung. Gerade dadurch sind wir heute mehr als früher befähigt, Baumeister einer neuen sieghaften Weltkultur zu sein, und unser Dank gegen Gott besteht eben darin, dass wir diese neue sieghafte Weltkultur schaffen...“ Das Konzentrationslager war nach seinen Worten „wie eine Zusammenballung aller Nationen der Erde, aller Stände der Gesellschaft, aller Ideologien der Menschheit auf engsten Raum. Das war eine Erziehung zum über-nationalen, zum über-ständischen und zum überkonfessionellen Denken. ... Wer da mit lebendigem Geist die Jahre des Konzentrationslagers verlebte, der wurde in seiner nationalen Seele weltweit. Er lernte die nationale Art des anderen hochschätzen. Er wurde da ganz von selbst übernational“ Leo Roth wies zum Schluss auf die über dem Tabernakel in der Kirche, in der er predigte brennende KZ-Kerze: „Sie ist das Symbol des Lebens derer, die im KZ ihr Leben verloren haben. Es ist ihre Lebensflamme, die sich verzehrt hat. Wir gedenken ihrer in tiefer Ehrfurcht und Verehrung. Aber diese KZ-Kerze ist mehr noch ein Symbol unseres neuentzündeten Lebens... Das ist ein großes Symbol: unser Leben, das wir wieder gewonnen haben, als wir befreit wurden, ist Leben aus Christus: Er ist die Weltverbrüderung und aus seinem Leben geschieht nach seinem Geist die Weltweihe zur neuen Gesellschaftsordnung des Rechtes und der Liebe. Er ist unser Ideal: Er, unter dessen Herrschaft es nie mehr ein Konzentrationslager geben wird: Er führt uns in die neue Gesellschaftsordnung der Liebe und der Gerechtigkeit; Er, den alle Gutgewillten anerkennen: Jesus Christus!“ (19)
Quellen:
(2) Weiler, S. 582
(3) www.karel-art.de/Dachau_2009
(4) Karl Riemer im Bericht vom 11.05.1945, Archiv EDMuF, CB054,298
(5) Erzbischof Kazimierz Majdanski 1999. In GOGOLA Zdzislaw OFMConv, Auschwitz macht frei, Krakau 2023, S. 293
(6) GOGOLA Zdzislaw OFMConv, Auschwitz macht frei, Krakau 2023, S. 439
(7) Zamecnik, S. 392 f
(8) Rovan, Joseph, Geschichten aus Dachau, München 1992, S. 282Ff
(9) Gogola, S. 442f
(10) https://www.munzinger.de/register/portrait/biographien/Marguerite+Higgins/00/4619
(11) Gogola, S. 442f
(12) Michelet Edmond, die Freiheitsstraße, Stuttgart 1955, S. 261
(13) Comité Internationale de Dachau, Barbara Distel Konzentrationslager Dachau 1933 bis 1944, Edition Lipp 2005, S. 202f
(14) Rovan, Joseph, Geschichten aus Dachau, München 1992, S. 282Ff
(15) Gogola, S. 446
(16) Gogola, S. 446
(17) Dachauer Hefte 1, Die Befreiung, Dachau 1993, S. 207 ff
(18) Dachauer Hefte 1, Die Befreiung, Dachau 1993, S. 207 ff
(19) Gedenkpredigt P. Leo Roth, 29.04.1946, Archiv der Erzdiözese München und Freising: CB054, 345
(20) https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Dachau_execution_coalyard_1945-04-29.jpg
Bildtexte: Herbert Herden, Bild: Yad Vashem; Herbert Herden mit seiner Verlobten Felicia; Bild: Yad Vashem; Das Tor zum Ghetto von Krakau. Bild: public domain
Herbert Herden - Gerechte unter den Völkern aus dem KZ Dachau
Von Klemens Hogen-Ostlender
Der Staat Israel hat 1953 den Ehrentitel „Gerechter unter den Völkern“ für Menschen geschaffen, die unter Einsatz ihres Lebens Juden vor der Verfolgung durch Nationalsozialisten gerettet haben. Die Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem hat auch ehemalige Häftlinge aus dem Konzentrationslager Dachau auf diese Weise ausgezeichnet – nicht nur Männer aus dem Priesterblock, sondern auch Gefangene beiderlei Geschlechts aus der großen Zahl der Laien, die im KZ eingekerkert waren. Geehrte bekommen eine Plakette mit einem hebräischen Zitat. Es lautet in der Übersetzung „Wer immer ein Menschenleben rettet, hat damit gleichsam eine ganze Welt gerettet.“ Gerechte unter den Völkern erhalten in Anerkennung für ihre Taten außerdem die israelische Ehrenbürgerschaft und wenn sie verstorben sind, auch die Staatsangehörigkeit im Gedenken. Bis zum Jahr 2025 haben 28486 Menschen aus 51 Ländern diese Ehrung erhalten, darunter 659 Deutsche und 115 Österreicher. Dies ist die Geschichte von Herbert Herden.
„Ich handelte als Christ“
Herbert Herden erblickt am 8. Januar 1915 in Aylsdorf, 50 Kilometer südwestlich von Leipzig, das Licht der Welt. Spärlich sind Angaben über seine Kindheit und Jugend. Als junger Mann entscheidet er sich, zur Polizei zu gehen und lebt jetzt in Hohenmölsen, näher an der Großstadt Leipzig. Im Winter 1939/40, kurz nach dem Sieg der deutschen Wehrmacht über Polen, wird er zur Nachrichtenabteilung der Polizei in Krakau versetzt und ist dort für die Koordinierung der Versorgung mit Lebensmitteln und anderen Gütern zuständig. Kann es sein, dass jemand an diesem Ort zu dieser Zeit nicht zum Täter wird? Herbert Herden gelingt das aus seiner tiefen christlichen Überzeugung heraus. Die deutsche Besatzungsverwaltung weist ihm eine Dienstwohnung zu. Dort wohnen allerdings eigentlich die 16-jährige Felicia Lieber und ihre Mutter. Herden erlaubte den beiden Jüdinnen, in der Wohnung zu bleiben und nimmt sie später in eine ihm neu zugewiesene Unterkunft mit. Er versteckt obendrein den Vater und die Großmutter Felicias.
Rettung vor dem Ghetto
Schon damit begibt er sich in Lebensgefahr. Erst recht, als er seinen Schützlingen gefälschte „arische“ Papiere besorgt, damit sie nicht in das Ghetto umziehen müssen, in das immer mehr Juden gezwungen werden. März 1941 wird es abgeriegelt. Nach und nach werden die dort eingepferchten 15000 Juden erschossen oder in Vernichtungslager deportiert, bis das Ghetto zwei Jahre später aufgelöst wird. Herbert Herden hat sich in Felicia verliebt und will sie heiraten. Bei einem Heimaturlaub soll sie seine Frau werden. Im Dezember 1941 bringt er seine Verlobte, die fließend Deutsch spricht, in das Haus seiner Eltern in der Lindenstraße 31 in Hohenmölsen, in einer Wohngegend am Rand der Stadt. Das junge Paar plant, gemeinsam durch die Schweiz nach England zu fliehen. Daraus wird aber nichts, weil Felicia ihre Mutter nicht im Stich lassen will. Herbert Herden kehrt mit ihr nach Krakau zurück, wo die Situation der jüdischen Bevölkerung immer verzweifelter wurde.
Vom Nachbarn denunziert
Der deutsche Polizeibeamte tut wirklich alles in seiner Macht stehende, um Felicia und ihre Verwandten zu schützen. Ihrem Bruder Ignacy Lieber in Przemyśl besorgte er Lebensmittel und Geld. Als er erfährt, dass Ignacy verhaftet ist hingerichtet werden sollte, eilte er nach Przemyśl, um vom Leiter des dortigen Ghettos, Oberscharführer Josef Schramberger, seine Freilassung zu erreichen. Ignacy Lieber kommt statt in Freiheit nach Auschwitz. Der SS-Männer wird nach 1945 als Kriegsverbrecher zu lebenslanger Haft verurteilt und verbüßt sie wegen der Schwere seiner Schuld auch bis zu seinem Tod 2004. In Krakau geschieht die Katastrophe. Im Sommer 1944 werden Felicia und ihre Mutter denunziert und verhaftet. Ein polnischer Nachbar hat sie offenbar auf der Straße erkannt. Felicia wird nach Auschwitz-Birkenau deportiert und stirbt später auf dem Transport zum Lager Stuhlfauth bei Danzig. Ihre Mutter kommt in das heute aus dem Film „Schindlers Liste“ bekannte Lager Płaszów und wird sofort bei ihrer Ankunft erschossen. Die Gestapo verhaftet Herbert Herden und deportiert ihn im Juli 1944 ins Konzentrationslager Dachau.
Vergebliche Suche
Als er in den letzten Kriegsmonaten an die Front geschickt werden soll, gelingt ihm die Flucht. Er taucht bis zum Zusammenbruch des nationalsozialistischen Deutschlands unter. Ignacy Lieber überlebt Auschwitz. Nach dem Krieg arbeitete er zwei Jahre lang für jüdische Hilfsorganisationen im bayerischen Landsberg. Er lädt Herbert Herden zu sich ein, und beide veröffentlichten gemeinsam eine Suchanzeige, die 1.000 Mark Belohnung für Informationen über das Schicksal Felicias verspricht – ein Betrag, der dem Lohn eines Arbeiters von vielen Monaten entspricht. Aber alles ist vergebens. Ignacy Lieber emigriert in den neu gegründeten Staat Israel. Der Kontakt mit Herden, der in die alte Heimat gezogen ist, reißt ab. Hohenmölsen liegt jetzt hinter dem Eisernen Vorhang in der sowjetischen Besatzungszone. Dort gerät er bald mit der Staatsmacht in Konflikt und flieht in den Westen. Mit Inge, die inzwischen seine Ehefrau ist, siedelt er sich im oberpfälzischen an Flossenbürg an.
Späte Ehrung
Außerhalb seiner Familie spricht er kaum über seine Vergangenheit. Sie wäre vielleicht nie bekannt geworden, hätte es in Flossenbürg von 1938 bis 1945 nicht auch ein Konzentrationslager gegeben, in dem mehr als 30 000 Menschen umgebracht wurden. Bei einem Überlebenden treffen kommt Herden mit einem Juden zusammen, der den Holocaust überlebt hat. Die beiden kommen ins Gespräch, erzählen sich ihr Leben. Der andere gibt Yad Vashem einen Hinweis. Nachforschungen führen zu Ignaz Lieber, der kurz vor seinem Tod alles bestätigt. Herbert Herden wird nach einer intensiven Prüfung die Auszeichnung „Gerechter unter den Völkern“ zuerkannt, die höchste, die Israel an Nicht-Juden vergibt. Ein Vertreter der israelischen Botschaft in Berlin überreicht Herden am 4. November 2004 im Rathaus von Flossenbürg Medaille und Urkunde. Als Beweggrund für sein Handeln gibt der Geehrte seine tiefe Verwurzelung im Glauben an: „Ich handelte als Christ. Es war für mich eine aus dem Glauben resultierende Verpflichtung, Menschen zu helfen.“ Herbert Herden stirbt am 11. Februar 2009 in Flossenbürg.
Biografien weiterer Gerechter unter den Völkern, die Häftlinge im KZ Dachau waren und andere interessante Artikel: Link
Quellen:
https://grokipedia.com/page/herbert_herden
https://collections.yadvashem.org/en/righteous/4406012
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