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Fotos: Gerard Fleischeuer in der Paradeuniform der Eliteeinheit Grenadiers en Jagers während des 1. Weltkriegs. Foto: Koninklijke Schutterij St. Lambertus Oirsbeek; Gerrard Fleischeuer als General der Schützengilde von Oirsbeek. Foto: Koninklijke Schutterij St. Lambertus Oirsbeek;  Gerard Fleischeuer in der Zeit nach 1945. Foto: Koninklijke Schutterij St. Lambertus Oirsbeek

 

Adéle Jan Gerard Fleischeuer - Gerechte unter den Völkern aus dem KZ Dachau von Klemens Hogen-Ostlender

Der Staat Israel hat 1953 den Ehrentitel „Gerechter unter den Völkern“ für Menschen geschaffen, die unter Einsatz ihres Lebens Juden vor der Verfolgung durch Nationalsozialisten gerettet haben. Die Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem hat auch ehemalige Häftlinge aus dem Konzentrationslager Dachau auf diese Weise ausgezeichnet – nicht nur Männer aus dem Priesterblock, sondern auch Gefangene beiderlei Geschlechts aus der großen Zahl der Laien, die im Lager eingekerkert waren. Geehrte bekommen eine Plakette mit einem hebräischen Zitat. Es lautet in der Übersetzung „Wer immer ein Menschenleben rettet, hat damit gleichsam eine ganze Welt gerettet.“ Gerechte unter den Völkern erhalten in Anerkennung für ihre Taten außerdem die israelische Ehrenbürgerschaft, und wenn sie verstorben sind auch die Staatsangehörigkeit im Gedenken. Bis zum 1. Januar 2024 haben nach der neuesten Statistik 28.707 Menschen aus 51 Ländern diese Ehrung erhalten, darunter 6.137 aus den Niederlanden. Einer von ihnen ist Adéle Jan Gerard Fleischeuer.

Schützengilde und Wehrdienst 

Adéle Jan Gerard Fleischeuer wurde am 25. Februar 1889 in Oppeven-Oirsbeek als Sohn des Gerbers Frans Lambert Willibrordus Fleischeuer und seiner Frau Félicité America geboren. Nach der Grundschule besuchte er das Gymnasium am St. Joseph’s Episcopal College im fast zehn Kilometer entfernten Sittard. Da er den Schulweg zu Fuß zurücklegte, musste er bereits um fünf Uhr morgens aufstehen. Nach dem Schulabschluss machte Gerard eine Ausbildung zum Gerber. 1906 trat er der Oirsbeeker Schützengilde bei und blieb ihr sein Leben lang treu. Schnell erreichte er den Offiziersrang und wurde 1914 sogar zum ersten General seit Jahrzehnten ernannt. Gerard Fleischeuer war später Vorsitzender des Schützenvereins St. Lambertus in Oirsbeek einer der Gründer und ein wichtiger Förderer des neuen Schützenvereins R.K. Limburgsche Schuttersbond, der 1932 gegründet wurde. Beim Beginn des Ersten Weltkriegs 1914 wurde der 25-Jährige als Wehrpflichtiger eingezogen und diente im einzigen Grenadierregiment der niederländischen Armee, der Eliteeinheit Grenadiers ein Jagers (Grenadiere und Jäger), die im Machtzentrum Den Haar stationiert war. Da die kaiserlichen deutschen Streitkräfte im Gegensatz zu 1940 die Niederlande nicht besetzten, waren deren knapp 250.000 Mann starken Streitkräfte nicht in Kampfhandlungen verwickelt, sondern standen bis 1918 in Bereitschaft, um die Neutralität des Landes notfalls zu schützen.

 Bürgerwacht und Politik

1919 trat Gerard Fleischeuer der Bürgerwacht in Oirsbeek bei und diente zweieinhalb Jahre als Infanterist. Die niederländischen Bürgerwachten entstanden vor allem  Ende 1918 und 1919 nach dem Sturz der Zarenherrschaft in Russland und revolutionären Umtrieben im Deutschen Reich als Reaktion auf einen gescheiterten Umsturzversuch auch im Königreich der Niederlande. Sie sollten die öffentliche Ordnung als Unterstützer der Polizei verteidigen und hatten einen paramilitärischen Charakter. Gerard Fleischeuer engagierte sich auch intensiv in der Kommunalpolitik. Er wurde zunächst in zwei politische Ämter gewählt, zum Gemeinderat und Beigeordneten von Oirsbeek. Der 24jährige Gerard Fleischeuer heiratete am 25. Juli 1923 in Oirsbeek seine Verlobte Philomèna Catharina Bettonville, eine Belgierin und Tochter eines Landwirts. Der Ehe entstammten fünf Kinder. Philomèna unterrichtete von 1922 bis 1924 an der Grundschule in Oirsbeek. Gerards Ernennung zum Gemeindesekretär machte den jungen Ehemann 1925 zum Chef der  Gemeindeverwaltung und wichtigsten Berater des Bürgermeisters und der Beigeordneten.

 Die Deportationen beginnen

Im Laufe der Jahre war er in weiteren Funktionen tätig, unter anderem als Vorsitzender der Bürgerwacht, Kirchenvorsteher der katholischen Pfarrei St. Lambertus und Standesbeamter von Oirsbeek. Vom Beginn des NS-Regimes in Deutschland 1933 an empfand er eine tiefe Abneigung gegen den Nationalsozialismus und schloss sich unmittelbar nach dem deutschen Einmarsch in sein Heimatland dem Widerstand an. Im Sommer 1942 begannen Deportationen von Juden im ganzen Land im großen Stil. Am 15. Februar 1943 nahmen Gerard und Philomèna Fleischeuer einige jüdische Flüchtlinge in ihrem Haus auf. Im Laufe des Jahres versteckten sich dort Esther Poons und ihr Sohn Herman aus Amsterdam; Max Wolff, seine Frau Regina und ihre Tochter Dini aus Sittard, Nannie de Keizer aus Utrecht, Yvonne Goedhart und ihre Mutter Rosa Goedhart-Hanau aus Roermond sowie Henri Schepp und seine verwitwete Tochter Esther aus den nahen Maastricht. Die meisten dieser Menschen konnten kaum zu ihrem Lebensunterhalt beitragen, doch es gelang den Fleischeuers, allen zu helfen. Ein in die Widerstandsgruppe eingeschleuster Spitzel verriet aber die geheime Tätigkeit des Ehepaars an die Behörden.

Nach der Festnahme ins Konzentrationslager

Gerard Fleischeuer wurde im August 1943 von der deutschen Sicherheitspolizei (SiPo) verhaftet, die aus Gestapo und Kripo bestand und mit der einzig noch in den Niederlanden erlaubten Partei NSB, (Nationaal-Socialistische Beweging in Nederland) eng zusammenarbeitete. Er kam zunächst in das berüchtigte „Hotel Oranje“-Gefängnis in Scheveningen  Die bei ihm entdeckten Juden wurden am 17. November ins niederländische Durchgangslager Westerbork abtransportiert und von dort in deutsche Vernichtungslager im Osten deportiert und ermordet. Gerard Fleischeuer kam um Weihnachten 1943 ohne Gerichtsverfahren in das deutsche Konzentrationslager Herzogenbusch und von dort mit Hunderten seiner Landsleute ins KZ Dachau, das älteste aller nationalsozialistischen Konzentrationslager, das er am 26. Mai 1943 errichte. Bei der Aufnahme wurden ihm sofort wie üblich jeglicher persönliche Besitz einschließlich aller Kleidungsstücke, die er am Leib trug, weggenommen. Das Effektenverzeichnis der Gefangenen-Eigentumsverwaltung vom 17. August umfasst einen Hut, ein Paar Schuhe, einen Mantel, ein Jackett, zwei Hosen, ein Weste, zwei Hemden, einen Schlafanzug, eine Krawatte, einen Ausweis, eine Geldbörse, eine Taschenuhr mit Kette, einen Ehering und einen Holzkoffer.

Der Lagerarzt füllt ein Routineformular aus

Wohl aufgrund seiner Erfahrung als Beamter und wegen seines organisatorischen Talents wurde er nach Berichten von anderen Häftlingen gezwungen, in der Lagerverwaltung zu arbeiten. Später wurde er in das Dachauer Außenlager Allach bei Dachau verlegt, wo die Häftlinge meist in einem großen Rüstungsbetrieb eingesetzt wurden, im dem sie für BMW hauptsächlich Flugzeugmotoren herstellen mussten. Während seiner Zeit dort war das Lager völlig überfüllt und eine Flecktyphus-Epidemie brach aus. Gerard Fleischeuer kam am 19.März 1945 zurück in das KZ Dachau ins Revier. Er starb, laut einem Formular, das die Überschrift „Abgang durch Tod!“ trug am 29. März 1945 um 22.30 Uhr. Exakt einen Monat später erreichte die US-Armee Dachau und befreite die überlebenden Häftlinge. Bei der Leichenschau am 31. März trug der Lagerarzt, SS-Hauptsturmfürer Dr. med. Rudolf Brachtel, als offizielle Todesursache in das dafür vorgesehene Formular KL/37/4.43 500.000 „Versagen von Herz und Kreislauf bei Pneumonia“ ein. Brachtel wurde nach dem Krieg im Rahmen der Dachauer Prozesse wegen des Vorwurfs der Beteiligung an Selektionen und medizinischen Versuchen angeklagt, jedoch im November 1947 freigesprochen, da die Beweislage für eine individuelle strafrechtliche Schuld im Sinne der Anklage den Richtern nicht ausreichte. Er war danach als niedergelassener Arzt im Raum Gießen tätig.Beisetzung in Maastricht m 4. Dezember 1965

Normalerweise wurden die Toten in den Konzentrationslagern eingeäschert. Wegen Brennstoffmangel wurden Leichen aus dem KZ Dachau in der Endphase des Krieges in Massengräbern auf dem nahegelegenen Leitenberg beigesetzt. Es wurden darüber genaue Aufzeichnungen geführt, eine spätere Wiederauffindung und Identifizierung war so möglich.1959 begannen Ermittlungen mit Unterstützung des Gräberamtes des Verteidigungsministeriums. Nachdem Fleischeuers Tochter Felicie (Fé) mehrmals nach Dachau gereist war, um ihren Vater zu identifizieren, wurde eine Umbettung in die Niederlande möglich. Die Überreste wurden nach Maastricht überführt und am 4. Dezember 1965 auf dem Ehrenfeld des Friedhofs beigesetzt. Im März 1982 wurde Gerard Fleischeuer posthum mit dem Widerstandskreuz ausgezeichnet. Eine Straße in Schinnen/Oirsbeek trägt heute außerdem seinen Namen. Yad Vashem würdigte Adéle Jan Gerard Fleischeuer und seine Frau Philomène Catharine am 12.  Februar 1990 als Gerechte unter den Völkern.

Biografien weiterer Gerechter unter den Völkern, die Häftlinge im KZ Dachau waren und andere interessante Artikel: Link

Quellen:

https://collections.yadvashem.org/en/righteous/4039042

https://www.genealogieonline.nl/de/genealogie-lemmens/I12041.php

https://schutterij-oirsbeek.nl/index.php/schutterij-kroniek/31-gerard-fleischeuer-deel-1

https://www.schutterij-oirsbeek.nl/index.php/schutterij-kroniek/32-gerard-fleischeuer-deel-2

https://de.wikipedia.org/wiki/KZ-Außenlagerkomplex_München-Allach_(BMW)

https://stevemorse.org/dachau/details.php?lastname=FLEISCHEUER&firstname=Adele%20Jan%20Gerard&title=&birthday=25&birthmonth=Feb&birthyear=1889&birthplace=Oirsbeck&from=&town=Oirsbeck&street=Wijk%20161&number=69035&DateOfArrival=26%20May%201944%20Herth.&disposition=gest.%2031%20Mar%201945&comments=&category=Sch.Hol.&ID=28571&page=1458/Ky.&disc=2&image=556

https://de.wikipedia.org/wiki/Rudolf_Brachtel

 

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