

Bildtexte: In diesem Tunnel in Neckarelz sollte eine unterirdische Rüstungsfabrik von 50.000 Quadratmeter Fläche mit dem Decknamen „Kormoran“ entstehen. Foto: K. Jähne GNU-FDL 1.2; Der zweite Tunnel mit dem Decknamen Brasse war für „nur“ 10.000 Quadratmeter Fläche ausgelegt. Foto: p. Schmelzle GNU-FDL 1.2; Georges Vigoureux. Foto: Yad Vashem
Georges Vigoureux – Gerechte unter den Völkern aus dem KZ Dachau von Klemens Hogen-Ostlender
Der Staat Israel hat 1953 den Ehrentitel „Gerechter unter den Völkern“ für Menschen geschaffen, die unter Einsatz ihres Lebens Juden vor der Verfolgung durch Nationalsozialisten gerettet haben. Die Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem hat auch ehemalige Häftlinge aus dem Konzentrationslager Dachau auf diese Weise ausgezeichnet – nicht nur Männer aus dem Priesterblock, sondern auch Gefangene beiderlei Geschlechts aus der großen Zahl der Laien, die im Lager eingekerkert waren. Geehrte bekommen eine Plakette mit einem hebräischen Zitat. Es lautet in der Übersetzung „Wer immer ein Menschenleben rettet, hat damit gleichsam eine ganze Welt gerettet.“ Gerechte unter den Völkern erhalten in Anerkennung für ihre Taten außerdem die israelische Ehrenbürgerschaft, und wenn sie verstorben sind auch die Staatsangehörigkeit im Gedenken. Bis zum 1. Januar 2024 haben nach der neuesten Statistik 28.707 Menschen aus 51 Ländern diese Ehrung erhalten, darunter 4.303 aus Frankreich. Einer von ihnen ist Georges Vigoureux.
Der erste Widerstand
Nomen es Omen, heißt es – der Name ist ein Zeichen. Auf Georges Vigoureux trifft das voll und ganz zu. Das französische Wort vigoureux bedeutet kraftvoll, stark, energisch. Dass er das war, hat der am 4. Juni 1902 in Calais an der Kanalküste geborene Polizeioffizier bewiesen.Am 11. Dezember 1939 wurde er zum Polizeikommissar in Rosendaël bei Dünkirchen ernannt und nahm im Mai und Juni 1940 an der gescheiterten französischen Offensive gegen die Deutschen Invasoren teil. Nach der Radioansprache General de Gaulles in der BBC am 8. Juni, in der er zum Widerstand gegen den Feind aufrief, schloss sich Vigoureux der Résistance an. Kurze Zeit später wurde in der Region von Calais ein deutscher Soldat getötet. Da dieser Teil Frankreichs zur besetzten Zone gehörte und unter strenger deutscher Militärverwaltung stand, verlangten die deutschen Militärbehörden von der französischen Polizei, Geiseln zu benennen und Beamte für das Exekutionskommando zur Verfügung zu stellen. Kommissar Vigoureux weigerte sich mit der Begründung, die französische Polizei sei nicht dazu da sei, Hinrichtungen für die Wehrmacht durchzuführen. Da es im Frühsommer 1940 noch unklar war, wie genau die Kollaboration zwischen dem neuen Vichy-Regime und den Deutschen sich gestalten sollte, wurde Georges Vigoureux nicht verhaftet, sondern auf Druck der Besatzer von der Vichy-Regierung disziplinarisch in den Süden versetzt.
Chef in Bagnères-de-Bigorre
Die deutschen Behörden glaubten wohl, ihn dort „aus dem Weg“ zu haben. Das Gegenteil war der Fall. Der Strafversetzte Vigoureux nutzte seine neue Position als Chef in Bagnères-de-Bigorre sofort, um ein Widerstandsnetzwerk aufzubauen. In der Umgebung der Stadt und der gesamten Grenzregion versammelten sich jüdische Flüchtlinge und politische Flüchtlinge in der Hoffnung, über die Pyrenäen nach Spanien zu gelangen. Die Deutschen überwachten die Stadt aber intensiv. Häufig organisierten sie selbst Razzien und verhafteten Juden, da sie der örtlichen französischen Gendarmerie nicht vertrauten. Die Gegend gehörte bis zum November 1942 in der so genannten „freien Zone“, die formell vom kollaborierenden Vichy-Regime allein verwaltet wurde. Gestapo und Sicherheitsdienst waren dort trotzdem aktiv. Sobald Georges Vigoureux von geplanten Razzien und Verhaftungen erfuhr, gab er diese Information an die Betroffenen weiter, sodass sie rechtzeitig fliehen konnten. Ende 1942 schickte der Polizeioffizier regelmäßig seinen 15-jährigen Sohn Jacques los, um von der Deportation bedrohte Juden zu warnen. Zu den auf diese Weise Geretteten gehörten der 18-jährige André Pariente, die Familie Kopf und der Orchesterdirigent Werner Blumann.
Warnung für verfolgte Juden
André Pariente war einer der vielen französischen Juden, die vor dem Zugriff der Besatzer aus der Hauptstadt Paris in den Süden des Landes geflohen waren. Siegfried Kopf, seine Frau Paula und der damals fünfjährige Sohn Hans waren schon 1933 aus Frankfurt am Main nach Frankreich geflüchtet. Die französischen Behörden hatten den Familienvater samt seinen Angehörigen nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, wie viele andere deutsche Exilanten, als „unerwünschte Ausländer“ im Lager Le Vernet im Südosten des Landes interniert. Offiziell geschah das aus humanitären Gründen, um Familien nicht zu trennen. Tatsächlich diente es jedoch dazu, die jüdische Bevölkerung vollständig zu beseitigen. Nach ihrer Entlassung lebten die Kopfs unter prekären Bedingungen in Bagnères-de-Bigorre. 1942 nahm die Gefahr für Juden durch Razzien dort überdies massiv zu. Der ebenfalls gewarnte Werner Blumann stammte aus Magdeburg. Alle flohen nach dem Hinweis Georges Vigoureux´ sofort aus Bagnères, versteckten sich in den Bergen, bis die Gefahr vorüber war und überlebten so die Besatzungszeit. Das war nur eine von Vigoureux’ Aktionen im lokalen Widerstand. Er versorgte hunderte von Juden mit falschen Papieren. Nachdem die Deutschen im November 1942 auch die bis dahin Freie Zone besetzt hatte, informierte Vigoureux die Résistance, zu der er gute Kontakte unterhielt, auch über deutsche Truppenbewegungen und andere Pläne der Besatzer.
Transport nach Deutschland
Kommissar Georges Vigoureux wurde am 6. Mai 1944 von der deutschen Sicherheitspolizei wegen „Handels mit Ausweispapieren“ in Tarbes unweit seines Dienstorts verhaftet. Er wurde zunächst im Militärgefängnis dieser Stadt und später im Gefängnis Saint-Michel in Toulouse inhaftiert, wo er gefoltert wurde. Er schwieg zu den Vorwürfen und beantwortete auch keine Fragen. Im Juni transportierten die Deutschen ihn in das berüchtigte Lager Compiègne-Royallieu (Frontstalag 122) bei Paris. Das war das Standardverfahren der Besatzer für „politische“ Häftlinge und Widerstandskämpfer. Schon dieser Transport fand wegen der durch alliierte Bombenangriffe stark beschädigten Bahnstrecken unter elenden Bedingungen statt und dauerte mehr als einen ganzen Tag. Am Sonntag, dem 2. Juli um 9.15 Uhr morgens, startete in Compiegne dann der „Todeszug“ mit 2.152 Gefangenen. Am ersten Abend erreichte er die französische Grenze unmittelbar vor der damals deutschen Stadt Metz. Dort machte der Transport am nächsten Morgen von 7.30 bis 10.10 Uhr Station. In Saarburg folgte gegen Mittag ein weiterer dreistündiger dem Zustand des Verkehrsnetzes geschuldeter Halt. Die zusammengepferchten Häftlinge litten in der Sommerhitze nicht nur unter der Überbelegung, sondern auch unter lebensbedrohlichem Wassermangel. Am dritten Tag wurde morgens Stuttgart erreicht. Über Ulm und Augsburg ging es nach München, und um 16.30 Uhr war der Transport um 6.30 Uhr nach mehr als 54 Stunden schließlich am Ziel. Es gibt unterschiedliche Angaben darüber, wie viele Insassen da noch lebten. Je nach Quelle werden 530 bis 1.114 Tote genannt. Das entspricht einer „Verlustrate“ zwischen 25 und 50 Prozent. Vigoureux´ Sohn Jacques war dem Transport zum Glück entkommen, weil er kurz nach der Verhaftung fliehen konnte. Er schloss sich für die restliche Dauer des Krieges dem Widerstand an.
Zwangsarbeit unter der Erde
Im KZ Dachau wurde Georges Vigoureux unter der Häftlingsnummer 77505 aufgenommen und schon 15 Tage später zum Konzentrationslagerkomplex Natzweiler weitergeschickt. Von dort aus wurden oft Dachauer Häftlinge als Arbeitskräfte angefordert. Natzweiler bestand außer dem Hauptlager Im Elsass aus mindestens 50 Außenlagern auf beiden Seiten des Rheins. Nur etwa ein Drittel der insgesamt rund 52.000 Häftlinge aus über 30 Nationen hat das Stammlager im Laufe seiner Existenz betreten. Die meisten waren ausschließlich in Außenlagern inhaftiert. Neue wurden oft eingerichtet, wenn staatliche oder militärische Einrichtungen, aber auch „kriegswichtige“ Industriebetriebe bis hin zu Kleinunternehmen sowie Bauernhöfe Arbeitskräfte anforderten, für deren Einsatz die SS bezahlt wurde. Georges Vigoureux kam in die die Außenlager in Neckarelz In der Nähe von Mannheim. Eins war in der geschlossenen Grundschule des 1000-Seelen-Dorfs untergebracht, ein zweites in der Nähe des Bahnhofs. In beiden gemeinsam hausten fast dreimal so viele Häftlinge wie der Ort Dorf Einwohner hatte. Fast alle arbeiteten auf den Baustellen des Bergwerks Obrigheim. Ein anderer Häftling aus Frankreich sagte später über die Unterkunftsbaracke am Bahnhof: „Die Stube 3 war ein widerliches Elendsquartier, wo sich die Sträflinge in der Nacht zum Schlafen übereinanderlegen mussten. Die Pritschen standen in drei Reihen unter einem Dach aus Teerpappe, durch welches Kondenswasser tropfte.“ Die unterirdische Produktionsfläche von 50.000 Quadratmetern im Stollen Goldfisch und die 9.000 Quadratmeter im Stollen Brasse der im Handelsregister von Mosbach eingetragenen Goldfisch GmbH entsprach der Große von mehr als acht Fußballfeldern nach heutigem Erstligastandard. Durch die unmenschlichen Bedingungen wurden viele Häftlinge krank und starben. Der teilweise Einsturz eines der Stollen im September 1944 forderte zusätzlich 20 Menschenleben. Im Herbst 1944 führte eine Typhus-Epidemie zu weiteren Todesfällen. „Goldfisch“ war eine der bedeutendsten Untertageverlagerungen der deutschen Rüstungsindustrie, eine riesige Fabrik der Daimler-Benz AG für Flugmotoren des Typs DB 605, der in vieler Jagdflugzeuge eingebaut wurde. Die Gefangenen waren im Dorfbild täglich präsent, da viele täglich aus der Schule zu Fuß über die Neckarbrücke und am anderen Außenlager vorbei zu den Gipsstollen in Obrigheim marschieren mussten. Als amerikanische Truppen sich der Gegend näherten, wurden die rund 2.400 gehfähigen Häftlinge in Marschgruppen nach Schwäbisch Hall geschickt. Die etwa 850 bis 900 gehunfähigen, unter ihnen Georges Vigoureux, wurden in einen Zug verladen, der ebenfalls nach Dachau fahren sollte, aber am 31. März nach 30 Kilometern schon in der Nähe von Osterburken abgestellt wurde, weil die Weiterfahrt nicht möglich war. Am 4. April wurden sie nach vier Tagen fast ohne Versorgung von den Amerikanern befreit.
Wieder in Frankreich
Georges Vigoureux kam direkt in Osterburken in medizinische Behandlung. Da die kleine Stadt von der Menge der Neuankömmlinge völlig überfordert war, wurden umgehend Notlazarette in öffentlichen Gebäuden eingerichtet. Anschließend kam Vigoureux in ein größeres US-Militärhospital bzw. Lazarett, um seine schwere Entkräftung und die Infektionen zu behandeln, bevor er transportfähig für die Rückkehr nach Frankreich war. Er kehrte, nachdem einigermaßen genesen war, im Frühsommer 1945 nach Paris zurück. Im Lauf des Jahres 1946 wurde er in den Dienst der dortigen Polizeipräfektur eingegliedert. Aufgrund seiner Verdienste und als Ausgleich für die erlittene Deportation beförderte man ihn zum Hauptkommissar (Commissaire Principal). Sein Arbeitsbereich konzentrierte sich in den folgenden Jahren vor allem auf die Identifizierung und Verhaftung von Kriegsverbrechern, darunter in erster Linie ehemalige Gestapo-Mitarbeiter aus seiner Zeit in Südfrankreich. Die medizinische Versorgung in der Hauptstadt war für Vigoureux langwierige Erholung nach der Typhuserkrankung und der Zwangsarbeit im Stollen von Neckarelz besser geeignet als eine Rückversetzung in die Provinz.
Tod mit nur 58 Jahren
1946 wurde dem Rückkehrer die Résistance-Medaille verliehen. Seine Auszeichnung als Gerechter unter den Völkern am 22. Mai 1994 gemeinsam mit seinem Sohn Jaques ging zurück auf eine gemeinsame Initiative des inzwischen renommierten Dirigenten Werner Blumann, der unter dem Künstlernamen Eddie Warner eine bemerkenswerte Karriere in Frankreich machte. Die Holocaust-Gedenkstätte ehrte auf diese Weise insgesamt 54 französische Polizisten und Gendarmen. Georges Vigoureux starb am 12. Juli 1960 im Alte von nur 58 Jahren, bedingt durch die Folgen der KZ-Haft. Seine Enkelin, die französische Autorin Marie Theulot hat nach dem Krieg die Erinnerung an ihren Großvater Georges Vigoureuz und ihren Vater Jacques wachgehalten. Bei einem Vortrag in Deutschland sagte sie einmal, es sei wichtig, Erinnerungen aus dieser Zeit an die Jugend von heute diesseits wie jenseits des Rheines weiterzugeben. Sie fügte aber hinzu, das Schreiben habe sie auch verändert: „Ich bin froh, erst als Großmutter damit angefangen zu haben. Vorher hätte ich es nicht ausgehalten.“
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Quellen:
https://grokipedia.com/page/Eddie_Warner
https://stevemorse.org/dachau/details.php?lastname=VIGOUREUX&firstname=Georges&title=&birthday=04&birthmonth=Jun&birthyear=1902&birthplace=Calais&from=&town=Bagneros&street=de%20Rigorre&number=77505&DateOfArrival=zug.%2005%20Jul%201944&disposition=22%20Jul%201944%20Natzw.&comments=Check%20D,%20F%20/%20G&category=Sch.%20Frz.&ID=294422&page=6276/Bg.&disc=5&image=1533
https://www.holocaustrescue.org/french-individuals-who-aided-jews-not-recognized
https://pupille-orphelin.fr/wp-content/uploads/2020/04/ph2.pdf
https://yadvashem-france.org/dossier/nom/6120/
https://yadvashem-france.org/wp-content/uploads/2020/08/Discours-MARIE-THEULOT-Vel-dHiv-2012.pdf
https://www.ajpn.org/juste-Georges-Vigoureux-2786.html
https://www.tarbes.fr/wp-content/uploads/2023/12/CNRD_2023_2024_broch_pedag.pdf
https://collections.arolsen-archives.org/en/archive/1-1-6-2_01010602-214-239
http://www.bddm.org/liv/details.php?id=I.240.
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