Infos

Roger Cazala-Gerechter-unter-den-Voelkern-2026-24

Bildtexte:

Dieses Aquarell von Jacques Gotko aus dem Jahr 1942 zeigt ein Tor und im Hintergrund Baracken des Lagers Compiègne-Royallieu. Foto: Public Domain; So sieht die einst von Roger Cazala geführte Apotheke heute aus. Foto: Quoique CC-AS 4.0; Der Eingang zum unterirdischen Rüstungsprojekt, in dem Roger Cazala Zwangsarbeit lesten musste. Foto: Mikmaq CC A 3.0

 

Roger Antoine Félix Cazala - Gerechter unter den Völkern aus dem KZ Dachau von Klemens Hogen-Ostlender

Der Staat Israel hat 1953 den Ehrentitel „Gerechter unter den Völkern“ für Menschen geschaffen, die unter Einsatz ihres Lebens Juden vor der Verfolgung durch Nationalsozialisten gerettet haben. Die Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem hat auch ehemalige Häftlinge aus dem Konzentrationslager Dachau auf diese Weise ausgezeichnet – nicht nur Männer aus dem Priesterblock, sondern auch Gefangene beiderlei Geschlechts aus der großen Zahl der Laien, die im Lager eingekerkert waren. Geehrte bekommen eine Plakette mit einem hebräischen Zitat. Es lautet in der Übersetzung „Wer immer ein Menschenleben rettet, hat damit gleichsam eine ganze Welt gerettet.“ Gerechte unter den Völkern erhalten in Anerkennung für ihre Taten außerdem die israelische Ehrenbürgerschaft, und wenn sie verstorben sind, auch die Staatsangehörigkeit im Gedenken. Bis zum 1. Januar 2024 haben nach der neuesten Statistik 28.707 Menschen aus 51 Ländern diese Ehrung erhalten, darunter 4.303 aus Frankreich. Einer von ihnen ist Roger Antoine Félix Cazala.

Schulbesuch und Studium

Roger Cazala wurde am 26. Mai 1906, im Jahr nach der Hochzeit seiner Eltern Antonin Cazala und Jeanne Zélia Lascaux, im kleinen Ort Beaumont-sur-Sarthe im Nordwesten Frankreichs geboren. Sein Vater leitete eine Apotheke und das „Laboratoire du Vigogénol”, das er 1905 im 250 Kilometer südöstlich gelegenen Châteauroux gegründet hatte. Das dort hergestellte Stärkungsmittel wurde vor allem während der 1920er bis 1950er Jahre mit dem Slogan „Um sich wohlzufühlen, muss man sich ein aktives Leben aufbauen und Vigogénol einnehmen“ beworben als „Der im Moment stärkste Generator für Gesundheit sowie geistige und körperliche Kraft“. Rogers Großvater Gaston Cazala hatte eine leitende Funktion bei der Eisenbahngesellschaft Compagnie des chemins de fer d'Orléans. Der junge Roger Cazala besuchte die Schule in Châteauroux, bevor er nach Paris ging, um Medizin zu studieren. Nach seinem Eintritt in die medizinische Fakultät bestand er die Aufnahmeprüfung für das Krankenhauspraktikum. Er spezialisierte sich auf Biologie und absolvierte eine Ausbildung am Institut Pasteur.

 Gesetze diskriminieren Juden

1928 heiratete Roger Cazala die aus einer Familie von Ärzten stammende Marie-Antoinette Marcelle Cany. Der Ehe entstammten fünf Kinder.1933 zog die Familie nach Châteauroux. Roger Cazala eröffnete dort ein medizinisches Analyselabor in Verbindung mit der Apotheke seines Vaters, die er nach dessen Tod 1942 übernahm. Châteauroux war nach dem Waffenstillstand zwischen Frankreich und Deutschland im Juni 1940 der sogenannten „Freien Zone“ zugeschlagen worden, die von den Deutschen nicht besetzt wurde. Das deutschfreundliche Vichy-Regime erhob dort grundsätzlich den Anspruch, weiterhin für ganz Frankreich einschließlich der Überseegebiete zuständig zu sein. Die Regierung erließ 1940 ein Gesetz, nachdem sowohl französische als auch ausländische Juden ohne Angabe von Gründen interniert werden konnten. Ein „Judenstatut“ sah außerdem eine umfassende „Säuberung“ der Verwaltung sowie der staatlich kontrollierten Berufe in den Bereichen Justiz, Medizin, Bildung und Kultur vor. Im Herbst 1940 empfing Roger Cazala den antinazistischen Schriftsteller Albert Béguin aus der Schweiz, der gekommen war, um zum Widerstand gegen die Politik des Staatschefs Philippe Pétain aufzurufen. Roger Cazala war empört, als sein ältester Sohn Jean François, Schüler der sechsten Klasse am Lycée Jean-Giraudoux, ihm erzählte, dass sein Philosophielehrer Pierre Morhange aufgrund seiner jüdischen Herkunft von der Schule ausgeschlossen worden war.

Im Befreiungskomitee aktiv

Cazala war mit dem Ingenieur Georges Dreyfus befreundet. Gemeinsam versuchten die beiden Männer, osteuropäischen jüdischen Familien zu helfen, die in die Gegend von Châteauroux geflohen waren. Sie gründeten eine Werkstatt zur Herstellung gefälschter Ausweise und schlossen sich den Amitiés Chrétiennes (Christliche Freundeskreise) von Kardinal Pierre-Marie Gerlier an, die sich ebenfalls um diese Familien kümmerten. Cazala half zahlreichen Juden, die die Demarkationslinie überqueren wollten, in die freie Zone zu kommen. Unter ihnen war der aus Russland stammende bekannte französische Pianist Vlado Perlemuter.  Am 11. November 1942 besetzten die Deutschen auch die bisher „Freie Zone“. Nach der Landung der Alliierten in Marokko und Algerien traute Adolf Hitler dem Vichy-Regime nicht zu, die Mittelmeerküste gegen eine mögliche alliierte Landung in Südfrankreich zu verteidigen. Ab Ende desselben Jahres gehörten die Cazalas zu den nichtjüdischen Familien, die dem geheimen von der Familie Goutmann gegründeten jüdischen Komitee von Châteauroux freundschaftlich verbunden waren und es finanziell unterstützten. Die Goutmanns nutzten ihr in der Nähe des Bahnhofs gelegene Kürschnergeschäft, um mit dem Zug ankommende untergetauchte Juden aufzunehmen. Roger Cazala gehörte im November 1943 außerdem zu den Gründern der „Front national de l'Indre“, der Nationalen Front des Départements Indre,die in seinem Haus ins Leben gerufen wurde. Im März 1944 übernahm er den Vorsitz.1943 trat er außerdem dem Comité départemental de libération (Befreiungskomitee des Départements) bei, dessen erste Sitzung ebenfalls bei ihm zu Hause stattfand.

Im Lager Compiègne-Royallieu

Die Gestapo verhaftete Roger Cazala am 30. Mai 1944 ebenso wie einige andere Mitglieder des lokalen Widerstands, die zivile Führungspositionen innehatten. Darunter waren Robert Masset, Leiter des Büros des Präfekten des Départements, Louis Sirvent, Generalsekretär der Präfektur und Louis Pichené, Oberst der Feuerwehr und Kommandant der passiven Streitkräfte. Das bleib nicht unbemerkt, zumal auch Roger Cazala eine bekannte und von den Einwohnern Châteauroux geschätzte Persönlichkeit war. Er kam ins Lager Compiègne-Royallieu. Das war eine ehemalige französische Militärkaserne. Die Deutschen hatten sie festungsartig ausgebaut. Dort waren ständig 1.200 bis 3.000 Gefangene untergebracht, die jeweils nach etwa einem Monat in Konzentrations- und Vernichtungslager in Deutschland oder in den besetzen Gebieten im Osten deportiert wurden.

Todeszug nach Dachau

Anfang Juli 1944 wurden Roger Cazala und 2.165 Leidensgenosse im Fußmarsch mehrere Kilometer zum Bahnhof von Compiègne geführt. Dort wartete der Güterzug für Transport 7.909, der auch Todeszug genannt wird. Fahrtziel war das KZ Dachau. Die Männer drängten sich zu jeweils hundert in den Waggon. Drei Tage lang waren sie unter entsetzlichen Bedingungen, bei großer Hitze und zunächst ohne jede Verpflegung unterwegs. Viele starben an Hitze, Wassermangel, Erstickungsanfällen und im Gedränge durch Nachbarn, die verzweifelt um ihr eigenes Überleben kämpften. Die deutschen Bewacher weigerten sich trotz aller Hilferufe, die Waggontüren zu öffnen, um für Frischluft zu sorgen. Sie verteilten auch kein Wasser, das Sterbende hätte retten können. Die wenigen Lebensmittel, die am Abend des 3. Juli und am 4. Juli verteilt wurden, kamen zu spät. Bei der Ankunft in Dachau wurden die Leichen aus den Waggons geholt, ohne sie zu zählen. Angaben über die Zahl der Toten schwanken zwischen 536 und 984. Die Leichen wurden zum Krematorium des Lagers Dachau gebracht. Es dauerte vier Tage, sie alle zu verbrennen.

Am Ende seiner Kräfte

Am 25. August 1944 wurde Roger Cazala vom KZ Dachau zum Kommando Hersbruck geschickt, dem drittgrößte KZ in Süddeutschland nach Dachau und Flossenbürg, dessen Außenlager es war. Angeleitet von deutschen Bergleuten musste er mit seinen Kameraden dort für eine geplante Rüstungsfabrik unter schwersten Arbeitsbedingungen Stollen in einem Berg vorantreiben. Die beteiligten Firmen zahlten der SS pro Häftling eine sogenannte Leihgebühr. Bis zur Auflösung des Lagers entstand ein Stollensystem mit einer Gesamtlänge von 3,5 Kilometern aus acht riesigen Längs- und Quergängen bis zu einer Breite von zehn und einer Höhe von sechs Metern. In der Anlage, die nie fertig wurde, sollten Flugzeugmotoren von BMW montiert werden. Die Häftlinge arbeiteten in permanentem Staub ohne Atemschutz, was innerhalb weniger Wochen zu schweren Lungenschäden führte. Cazala kannte als Apotheker die medizinischen Folgen und war durch diese Arbeit bald am Ende seiner Kräfte. Nach relativ kurzer Zeit wurde er in den Krankenbau verlegt.  Dort war er für die Verteilung der minimalen Medikamentenbestände zuständig. In Berichten wird erwähnt, dass er versuchte, durch „Placebos“ oder psychologischen Zuspruch den Sterbenden in den letzten Stunden Würde zu verleihen. Echte Medizin wie Sulfonamide war fast ausschließlich für das Wachpersonal reserviert. Die SS beutete Cazala in einer kurzen Phase der „Nützlichkeit“ als medizinischer Helfer im Massensterben, bis er selbst am 13.10.1944 entkräftet einer Infektion erlag. Er wurde posthum zum Ritter der Ehrenlegion erhoben und mit der Medaille der französischen Résistance ausgezeichnet.

Familientradition

Marie-Antoinette Cazala blieb allein mit sechs teils noch kleinen Kindern zurück. Sie beschloss, das Abitur zu machen um in Limesbogen Pharmazie zu studieren. 1953 wurde sie promoviert. Da ein Doktorat in Pharmazie nicht ausreichte, um ein Analyselabor zu leiten, erwarb sie Zertifikate in Serologie, Bakteriologie und Immunologie. Das ermöglichte es ihr, die von ihrem Schwiegervater gegründete Apotheke und das von ihrem Mann betriebene Labor zu behalten. Ihr ältester Sohn, der Arzt und Biologe Jean-François Cazala, übernahm 1960 nach seinem Studium der Medizin in Paris das Labor. Der zweite Sohn, Élie Cazala, erwarb in Paris ein Apothekerdiplom und führte ab 1965 die Familienapotheke. Sie wird heute unter dem Firmennamen „Nouvelle Pharmacie Cazala“ (Neue Apotheke Cazala) geführt und befindet sich nach wie an der historischen Adresse, im Haus Nr. 33 in der früheren Rue de l´Echo, die heute Rue Roger Cazala heißt. Nach dem Krieg berichtete Estelle Goutman, die Witwe des Oberhaupts der jüdischen Gemeinde von Châteauroux, dass Roger Cazala von 1940 bis zu seiner Verhaftung 1944 unzähligen Juden ohne Gegenleistung und unter großem Risiko das Leben gerettet hatte. Am 14. Dezember 1992 wurde er von Yad Vashem als Gerechter unter den Völkern geehrt.

Quellen:

https://fr.wikipedia.org/wiki/Roger_Cazala

https://de.wikipedia.org/wiki/KZ_Royallieu

https://dachau.fr/produit/train-de-la-mort-convoi-7909-2-juillet-1944-de-compiegne-royallieu-a-dachau/

 

 

Biografien weiterer Gerechter unter den Völkern, die Häftlinge im KZ Dachau waren und andere interessante Artikel: Link

Related Articles

Abbé Jules Jost

Abbé Jules Jost

Termine 2026

Termine 2026

Verein Selige Märtyrer von Dachau e. V.

 



Um finanzielle Unterstützung wird gebeten.

Spendenkonto
DE54 7005 1540 0280 8019 29
BYLADEM1DAH

Gefördert durch: