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Calogero Marrone- Gerechter unter den Völkern-2026-45

Bildtexte: Calogero Marrone. Foto: https://www.yadvashem.org/; Calogero Marrone mit seiner Frau Giuseppina und ihren Kindern Filippina, Salvatore, Dina und Domenico. Foto: https://www.yadvashem.org/; Stolperstein für Calogero Marrone in Varese. Originalfoto: Francisco Peralta Tojerón Creative-Commons-Lizenz 4.0 International

 

Gerechte unter den Völkern aus dem KZ Dachau- von Klemens Hogen-Ostlender

Der Staat Israel hat 1953 den Ehrentitel „Gerechter unter den Völkern“ für Menschen geschaffen, die unter Einsatz ihres Lebens Juden vor der Verfolgung durch Nationalsozialisten gerettet haben. Die Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem hat auch ehemalige Häftlinge aus dem Konzentrationslager Dachau auf diese Weise ausgezeichnet – nicht nur Männer aus dem Priesterblock, sondern auch Gefangene beiderlei Geschlechts aus der großen Zahl der Laien, die im KZ eingekerkert waren. Geehrte bekommen eine Plakette mit einem hebräischen Zitat. Es lautet in der Übersetzung „Wer immer ein Menschenleben rettet, hat damit gleichsam eine ganze Welt gerettet.“ Gerechte unter den Völkern erhalten in Anerkennung für ihre Taten außerdem die israelische Ehrenbürgerschaft, und wenn sie verstorben sind, auch die „Staatsangehörigkeit im Gedenken“. Bis zum Jahr 2025 haben 28486 Menschen aus 51 Ländern diese Ehrung erhalten, darunter 794 Italiener. Dies ist die Geschichte eines von ihnen: des Beamten Calogero Marrone.

Gegner des Faschismus

Calogero Marrone wurde am 12. Mai 1889 in der Stadt Favara an der Südküste Siziliens geboren. Er diente im Ersten Weltkrieg in der italienischen Armee und erreichte den Rang eines Sergeanten. Nach dem Krieg war er Sekretär des Veteranenbüros seiner Heimatstadt. Nach dem Erstarken des Faschismus weigerte er sich in den 20er Jahren, der Nationalfaschistischen Partei Mussolinis beizutreten und zog sich deshalb den Zorn der örtlichen Führung zu, die ihn für mehrere Monate inhaftieren ließ. Das erdrückende politische Klima, das die Diktatur Sizilien aufgezwungen hatte, vermochte Marrone kaum ertragen. Da er seine demokratischen Ansichten nie verheimlichte, litt er unter zunehmender sozialer Isolation und befürchtete sogar Repressalien. Obwohl es überall in Italien politisch nicht anders aussah, beschloss das Ehepaar 1931, aus dem italienischen Süden auszuwandern, um wenigstens eine andere Umgebung kennenzulernen, in der das Leben vielleicht doch ein wenig leichter zu ertragen war.

Auswanderung im eigenen Land

Calogero Marrone gewann eine Ausschreibung für eine Stelle im Rathaus der mehr als 1500 Kilometer entfernten Gemeinde Varese in der Lombardei in Norditalien. Das Ehepaar empfand es ein wenig als Auswanderung im eigenen Land. Calogero, seine Frau Giuseppina und ihre vier Kindern Filippina, Salvatore, Dina und Domenico zogen in den Norden. In der Gemeindeverwaltung stieg er dank seiner menschlichen und beruflichen Qualitäten als allseits beliebter Mitarbeiter bald vom einfachen Gemeindebeamten die Karriereleiter hinauf. Er wurde schließlich Chef des städtischen Standesamts, das damals zwölf Angestellte hatte. Am 8. September 1943 besetzten deutsche Truppen nach dem Sturz Mussolinis und dem Waffenstillstand der Italienischen Sozialrepublik mit den bisherigen Kriegsgegnern den nördlichen Teil des Landes. Nun begann auch in Varese eine verstärkte Verfolgung von Partisanen, Dissidenten und Juden. Gegen Anhänger ihres Glaubens hatte es in Italien zwar schon vorher diskriminierende Gesetze gegeben, aber keine Deportationen in Vernichtungslager, wie sie fortan drohten. Als Leiter des Standesamts hatte Marrone aber Möglichkeiten denen, die in Varese Schutz suchten, zu helfen.

Rettung für verfolgte Juden

Der eigentlich zur Treue gegenüber seinen faschistischen Vorgesetzten verpflichtete Staatsdiener war überzeugt von der Wichtigkeit des Widerstands gegen die deutsche Besatzung und schloss sich einer antifaschistischen Zelle in der Stadt an.  Er stellte für Hilfe suchende Juden falsche Ausweise aus und legalisierte falsche Dokumente, die ihm die Flüchtlinge vorlegten. Das ermöglichte es den Menschen, Aufenthaltsgenehmigungen sowie Lebensmittelrationen zu erhalten und den Razzien gegen Juden zu entgehen. Zu den Schutzsuchenden, denen Calogero Marrone half, gehörte das jüdische Ehepaar Rosanna und Renzo Russi, denen es gelang, mit den gefälschten Ausweisen über die Grenze in die Schweiz zu fliehen. Die italienischen Geschwister Laura und Ferruccio Pizzo sowie der gebürtige Pole Szia Amsterdam und seine Frau erhielten neue Identitäten, die es ihnen ermöglichten, bis zum Ende des Krieges unerkannt in kleinen Dörfern der Region zu leben. Aber nicht nur die Juden profitierten von Arbeit Calogero Marrones, auch die Partisanen. Er organisierte beispielsweise eine bedeutende Lieferung von Waffen und Lebensmitteln an die Partisanengruppe „5 Giornate del San Martino” („Fünf Tage von San Martino). Trotzdem wurde die Formation am 16. November 1943 von den Deutschen im Kampf vernichtet.  

Vom Dienst suspendiert 

Ende 1943 wurde Calogero Marrone an die Behörden von Varese verraten. Die Umstände deuten darauf hin, dass einer der Kollegen aus dem Rathaus der Denunziant war. Am Silvestertag suspendierte der faschistische Bürgermeister ihn vom Dienst. Der Vorwurf lautete, zwei Wochen zuvor unrechtmäßig zwei Ausweise ausgestellt zu haben die auf die Namen Natalina Rosati und Pietro Del Giudice lauteten und höchstwahrscheinlich für Juden aus Mailand bestimmt waren. Es war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Vier Tage nach der Entlassung Marrones erschien Don Luigi Locatelli, ein Kanoniker der Vareser Basilika San Viktor, in Marrones ganz in der Nähe des Rathauses gelegenen Wohnung. Der Kirchenmann warnte ihn, dass seine Verhaftung unmittelbar bevorstehe und forderte ihn auf, sofort in die Schweiz zu fliehen. Calogero Marrone beschloss aber nach einem langen Gespräch mit dem Priester und anschließend mit seiner Ehefrau, zu bleiben. Einerseits hatte er dem Bürgermeister sein Ehrenwort gegeben, ihm für die Ermittlungen zur Verfügung zu stehen. Andererseits musste er verhindern, dass im Falle einer Flucht grausame Repressalien der Nationalsozialisten und der Faschisten seine Familie treffen würde.

Neun Monate harte Haft ... 

Am 7. Januar 1944 wurde Calogero Marrone von zwei SS-Offizieren wegen Kollaboration mit der Widerstandsbewegung, der Beihilfe zur Flucht von Juden und der Verletzung seiner Amtspflichten verhaftet. Auf alle drei Tatbestände stand die Todesstrafe durch Erschießen. Über Gefängnisse in Varese, Como und Mailand kam er zum Internierungslager in Bozen. Neun Monate harter Haft mit immer neuen langen Verhören waren zermürbend. Der Häftling wurde in Varese fast jeden Tag im Morgengrauen aus seiner Zelle geholt und zum Quartier der SS gebracht. Er widerstand den hartnäckigen Versuchen, ihn zum Verrat des dichten Netzes der Widerstandskämpfer und der Namen der Hunderten von Menschen zu bringen, die von ihm gefälschte Dokumente für die Flucht erhalten hatten. Obwohl Partisanen versuchten, die zahlreichen Transporte des Gefangenen auf einer Entfernung von etwa einem Kilometer innerhalb des Stadtzentrums auf ständig wechselnden Routen auszukundschaften, gelang es nicht, ihn zu befreien. Er wurde im Gefängnis unter strengster Bewachung gehalten, isoliert von den anderen Häftlingen. Seiner Frau Giuseppina und abwechselnd dreien seiner vier Kinder wurden einige wenige Genehmigungen für kurze Gespräche erteilt. Salvatore war in die Schweiz geflohen. In einem der vielen Briefe, die er seiner Frau schreiben durfte, stand „Welches Schicksal erwartet uns? Begeben wir uns in die Hände und den Schutz der Madonna. Wenn du Neuigkeiten hast, lass es mich wissen.“ 

...und der Tod im KZ Dachau

In einem dramatischen Brief an seine Frau und seine Kinder kommentierte der Familienvater seine Zukunftsaussichten einmal so: „Es scheint wirklich ein Kreuzweg zu sein. Hoffen wir, dass wir nicht bis Golgatha kommen.“ Aus Bozen wurde er am 9. Oktober 1944 in einem Zug aus Viehwaggons in das Konzentrationslager Dachau deportiert und erhielt dort die Häftlingsnummer 113393. Der Kapuzinerpater Franco Giannantonio, ein Mithäftling aus Mailand, kam später ebenfalls später nach Dachau sah Marrone dort aber selbst nicht. Er erfuhr nur, dass der Kamerad sich wegen einer Quarantäne in einer geschlossenen Baracke befand. Der KZ-Kamerad berichtete: „Einige Tage später [am 15. Februar 1945] erhielt ich die traurige Nachricht, dass Marrone an Typhus gestorben war. Sicherlich ist er einen heiligen Tod gestorben. Sein Opfer wird Segen und Gnade für seine Familie und sein Vaterland bringen.“ 

Nach dem Krieg

 Der erste Bürgermeister von Varese nach der Befreiung, der Kommunist Enrico Bonfanti, unterzeichnete am 20. März 1946 das offizielle Dokument, mit dem das Leiden von Calogero Marrone als „Antifaschist und glühender Patriot, Mitstreiter im Untergrundkampf gegen die deutschen Besatzer“ politisch bescheinigt wurde. Vor dem Standesamt in Varese befindet sich heute eine Gedenktafel für Calogero Marrone. Am 21. Oktober 2012 zeichnete Yad Vashem Calogero Marrone mit dem Ehrentitel Gerechter unter den Völkern aus. Sein Sohn Domenico hat die Briefe, die sein Vater ihm aus der Haft geschrieben hatte, aufbewahrt und an Franco Giannantonio weitergegeben, der die Geschichte von Calogero Marrone bekannt machte. Die Familie Marrone hat das Gedenken an ihn bewahrt. Calogero Marrones Schwiegertochter, die Ehefrau seines Sohnes Domenico, war bei einer Zeremonie zur Ehrung Marrones anwesend.

 

 

Biografien weiterer Gerechter unter den Völkern, die Häftlinge im KZ Dachau waren und andere interessante Artikel: Link

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