

Foto: Johan Hendrik Boeltjes. Foto: Yad Vashem
Johan Hendrik Boeltjes – Gerechte unter den Völkern aus dem KZ Dachau von Klemens Hogen-Ostlender
Der Staat Israel hat 1953 den Ehrentitel „Gerechter unter den Völkern“ für Menschen geschaffen, die unter Einsatz ihres Lebens Juden vor der Verfolgung durch Nationalsozialisten gerettet haben. Die Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem hat auch ehemalige Häftlinge aus dem Konzentrationslager Dachau auf diese Weise ausgezeichnet – nicht nur Männer aus dem Priesterblock, sondern auch Gefangene beiderlei Geschlechts aus der großen Zahl der Laien, die im Lager eingekerkert waren. Geehrte bekommen eine Plakette mit einem hebräischen Zitat. Es lautet in der Übersetzung „Wer immer ein Menschenleben rettet, hat damit gleichsam eine ganze Welt gerettet.“ Gerechte unter den Völkern erhalten in Anerkennung für ihre Taten außerdem die israelische Ehrenbürgerschaft, und wenn sie verstorben sind auch die Staatsangehörigkeit im Gedenken. Bis zum 1. Januar 2024 haben nach der neuesten Statistik 28.707 Menschen aus 51 Ländern diese Ehrung erhalten, darunter 6.137 aus den Niederlanden. Einer von ihnen ist Johan Hendrik Boeltjes.
Ein Finanzbeamter im Widerstand
Johan Hendrik Boeltjes wurde am 7. Juni 1888 im kleinen Ort Sluis im äußersten Südwesten der Niederlande unmittelbar an der belgischen Grenze geboren. Er lebte mit seiner Frau Johanna Suzanna Leviena Boeltjes-de Smit und ihrem Sohn Hans im Jahr 1940, als die deutsche Wehrmacht die Niederlande besetzte, in der fast 150.000 Einwohner zählenden Stadt Haarlem an der Küste bei Amsterdam. Johan arbeitete beim Finanzamt. Angesichts der zunehmenden Unterdrückung der Bevölkerung durch die deutschen Behörden und der immer mehr verschärften antijüdischen Maßnahmen sah er sich zum Handeln gezwungen. Die Familie engagierte sich im Widerstand und versteckte ab dem Sommer 1942, als umfangreiche Deportationen von Juden begannen, untergetauchte Menschen in ihrem Haus. Für den Fall etwaiger Durchsuchungen richtete das Ehepaar ein spezielles Versteck ein.
Unterkunft für untergetauchte Juden
Im Januar 1943 wurde Albert Holtz, der unter dem Decknamen van Houten lebte, von Jan Frederik Hoekstra, einem Widerstandskurier und engen Vertrauten von Boeltjes, ins Haus der Boeltjes gebracht. Sie kümmerten sich um ihn. Ende April 1943 war seine Anwesenheit bei den Boeltjes jedoch bekannt geworden, und er musste dringend in ein neues Versteck gebracht werden. Frederik Hoekstra brachte Holtz zu seiner Schwester und seinem Schwager Greet und Remmert Aten ins ebenfalls bei Amsterdam gelegene Zaandam, wo er bis zur Befreiung im Mai 1945 blieb. Im September 1943 fand ein weiterer Jude, Frans Zuecker, Zuflucht im Haus in Haarlem. Er war ein gebürtiger Deutscher und von Beruf Physiotherapeut. Auch er musste, wie zuvor Holtz, ständig im Haus bleiben und durfte sich nicht sehen lassen.
Auschwitz und Dachau
Am 14. Februar 1944 drangen zwei Mitglieder der deutschen Sicherheitspolizei gewaltsam bei Johan und Johanna Boeltjes ein. Sie hatten von einem Denunzianten den Hinweis bekommen, dass jemand im Haus versteckt war. Sie entdeckten Frans Zuecker und verhafteten ihn sowie Johan Boeltjes. Bevor sie das Haus verließen, zerstörten sie alles darin. Zuecker kam ins Lager Westerbork und wurde am 3.März 1944 mit einem Bahntransport in das Ghetto Theresienstadt deportiert. Mit einem Zug, der die Stadt am 28. September 1944 erließ, wurde er von dort in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau transportiert. Noch am Tag der Ankunft, dem 30. September 1944, wurde er dort ermordet. Johan Boeltjes wurde wurde zunächst in Haarlem und Amsterdam inhaftiert. Über das berüchtigte „Oranjehotel“ in Scheveningen schickten die Deutschen ihn in das Konzentrationslager Herzogenbusch („Camp Vught“). Mit der Häftlingsnummer 68953 wurde er am 26. Mai 1944 im KZ Dachau registriert. Er starb am 2. April 1945 als Opfer der Typhusepidemie, die dort grassierte. Ein Jahr und einen Tag später trug ein Standesbeamter in Haarlem den Sterbefall ins amtliche Register ein. Am 10. März 2003 wurde Johan Hendrik Boeltjes und Johanna Suzanna Leviena Boeltjes-de Smit von Yad Vashem als Gerechte unter den Völkern anerkannt.
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Quellen:
https://www.openarchieven.nl/nha:da0f41e3-42a8-4cbd-b5ae-05d7d8a6ba72/nl
https://www.ushmm.org/online/hsv/person_advance_search.php?sourceid=20803&sort=name_primary_sort&MaxPageDocs=25&start_doc=12601
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Fotos: historisches Foto beim Brevierbeten in Jerusalem,; Portrait zur Seligsprechung; Gemälde zur Liturgie der Seligsprechung, Rechte der beiden Fotos: Associazione Beato Padre Giuseppe Girotti die Alba Giuste tra le Nazioni; Stolperstein in Turin vor seinem letzten Wohnort; Tafel auf dem Ehrenfriedhof Leitenberg, Rechte Verein Selige Märtyrer von Dachau e.V.
Aus Anlass des 81. Todestags des Gerechten unter den Völkern heute ein Artikel über den Seligen P. Giuseppe Girotti
P. Giuseppe Girotti O.P. - Gerechte unter den Völkern aus dem KZ Dachau von Klemens Hogen-Ostlender
Der Staat Israel hat 1953 den Ehrentitel „Gerechter unter den Völkern“ für Menschen geschaffen, die unter Einsatz ihres Lebens Juden vor der Verfolgung durch Nationalsozialisten gerettet haben. Die Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem hat auch ehemalige Häftlinge aus dem Konzentrationslager Dachau auf diese Weise ausgezeichnet – nicht nur Männer aus dem Priesterblock, sondern auch Gefangene beiderlei Geschlechts aus der großen Zahl der Laien, die im Lager eingekerkert waren. Geehrte bekommen eine Plakette mit einem hebräischen Zitat. Es lautet in der Übersetzung „Wer immer ein Menschenleben rettet, hat damit gleichsam eine ganze Welt gerettet.“ Gerechte unter den Völkern erhalten in Anerkennung für ihre Taten außerdem die israelische Ehrenbürgerschaft, und wenn sie verstorben sind auch die Staatsangehörigkeit im Gedenken. Bis zum 1. Januar 2024 haben nach der neuesten Statistik 28.707 Menschen aus 51 Ländern diese Ehrung erhalten. Einer von ihnen ist der Italiener P. Giuseppe Girotti O.P.
Giuseppe Girotti starb in der Osternacht. In der Nacht, in der das Licht Christi endlich nach langer Dunkelheit die Welt erhellt. In der Nacht vom 31. März zum 1. April 1945. In dieser Nacht endeten für ihn Schmerzen, Qual und Ungewissheit im KZ Dachau. Er muss ein beeindruckender Mensch gewesen sein. Beeindruckend auch im Priesterblock des Konzentrationslagers, diesem Ort voller Menschen, deren Persönlichkeit uns heutigen so unfassbar erscheint. So beeindruckend, dass einer seiner Kameraden an das Brett über seinem Schlafplatz sechs Worte schrieb, die man an jedem anderen Ort als Überschwang der Gefühle hätte empfinden können: „Hier schlief der Heilige Giuseppe Girotti“.
Wenn man sie allzu diesseitig-wörtlich nimmt, treffen diese Worte (noch?) nicht voll und ganz zu. Der Dominikanerpater Giuseppe Girotti ist 2014 in seiner Heimatstadt Alba zur Ehre der Altäre erhoben worden – als Seliger, noch nicht als Heiliger. Doch das bekundet das Vertrauen der Kirche, dass der Betreffende die Vollendung bei Gott erreicht hat. Es muss nun nicht mehr für ihn, sondern kann mit ihm gebetet und er um seine Fürsprache bei Gott angerufen werden.
Giuseppe wurde am 19. Juli 1905 in Alba in einfachen Verhältnissen geboren. Mit 13 Jahren begann sein Berufungsweg im Dominikanerorden. 1930 empfing er die Priesterweihe. Er war im Studium aufgefallen durch herausragende Leistungen und seine Lebensfreude. Vorgesetzten erschien er gleichwohl nicht immer als beispielhaftes Mitglied seines Ordens.
Doch die ganze Tiefe seines Wissens wurde später sogar vom Heiligen Stuhl mit Auszeichnungen gewürdigt, als der Professor der Theologie P. Giuseppe Girotti die Früchte seines Studieneifers als Fachmann für Exegese, Hebräisch und Latein sowie das Alte Testament insgesamt, seinen Studenten präsentierte. P. Giuseppe erfüllte jedoch zusätzlich und freiwillig eine Aufgabe als Seelsorger für Alte und Kranke in einem Hospiz in der Nähe seines Klosters in Turin mit ebensolcher Hingabe – was freilich mitunter dazu führte, dass er sich bei der Rückkehr ins Kloster verspätete. P. Giuseppe Girotti hatte auch eine sehr große Liebe zur Gottesmutter Maria. Wenn er Im KZ Dachau Knopflöcher an Militärjacken und dann auch Knöpfe annähen musste, saß er gern betend und arbeitend in einer Ecke der Kapelle des Priesterblocks mit Blick auf die Statue unserer Lieben Frau von Dachau. Der Mitgefangene Don Angelo Dalmasso erinnerte sich später: „Er betete beim Nähen“.
Als die Deutschen Norditalien 1943 besetzten, dehnte Pater Giuseppe sein Engagement auch auf verfolgte Juden aus. Das brachte ihm die Verhaftung, wegen „Hochverrat und Unterstützung des Feindes und schließlich die Deportation ins KZ Dachau ein. Bei allen Qualen, die er dort erdulden musste, verlor er nicht seine Gabe, trotz Schmerzen zu lächeln und Demütigungen mit Geduld und Sanftmut zu ertragen. Anlässlich der Gebetswoche für die Einheit der Christen hielt Giuseppe Girotti am 21. Januar 1945 in der Sonntagsmesse in der Kapelle des KZ Dachau in bestem Latein eine Predigt, die begann mit vier Versen aus dem Johannesevangelium, die er als „das Gebet des Herrn par exellence bezeichnete: „Vater, heilige Sie in der Wahrheit. Ich bitte nicht nur für diese hier, sondern auch für alle, die durch ihr Wort an mich glauben; alle sollen eins sein. Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaubt, dass du mich gesandt hast.“ Es sollte noch fast zwei Jahrzehnte dauern, bis das Zweite Vatikanische Konzil die Bedeutung Ökumene so deutlich formulierte. P. Girotti rief dazu auf, durch die Heilung dessen, was gebrochen ist, die Familie der Gläubigen zu ernähren und die Herrlichkeit des Herrn zu erlangen als treue Spender und nützliche Verwalter. Im Krankenrevier des Lagers starb er genau zehn Wochen später. Sein Leichnam wurde in einem Massengrab auf dem Leitenberg nördlich von Dachau bestattet.
Die israelische Gedenkstätte Yad Vashem verlieh ihm am 14.02.1995, im Jahr seines 50. Todestages, in Jerusalem den Ehrentitel: Gerechter unter den Völkern für sein selbstloses Engagement für verfolgten Juden. Zu seinen Ehren wurde in Yad Vashem, in der Allee der Gerechten, ein Baum gepflanzt.
Wer sich ausführlich über das Leben Giuseppe Girottis informieren möchte, findet Informationen hier: Link Der volle Wortlaut er erwähnten Predigt ist ebenfalls dort nachzulesen.
Ein Wort des Dominikanerpaters über den Vers „Wer unter Tränen sät, wird unter Jubel ernten“ aus Psalm 126 mag sein ganzes Erdenleben zusammenfassen. „Wir haben die Hoffnung, dass der Herr in seiner Güte zumindest im nächsten Leben den zweiten Teil der göttlichen Aussage bestätigen wird. Es ist sicher, dass der erste Teil im jetzigen Leben seine volle Wirklichkeit hat“.
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