

Bilder: Pavao Horvat. Foto: Yad Vashem; Dieser Baum wurde für Pavao Horvat in Yad Vashem gepflanzt. Foto: Yad Yashem
Jan Pavao Horvat - Gerechte unter den Völkern aus dem KZ Dachau von Klemens Hogen-Ostlender
Der Staat Israel hat 1953 den Ehrentitel „Gerechter unter den Völkern“ für Menschen geschaffen, die unter Einsatz ihres Lebens Juden vor der Verfolgung durch Nationalsozialisten gerettet haben. Die Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem hat auch ehemalige Häftlinge aus dem Konzentrationslager Dachau auf diese Weise ausgezeichnet – nicht nur Männer aus dem Priesterblock, sondern auch Gefangene beiderlei Geschlechts aus der großen Zahl der Laien, die im Lager eingekerkert waren. Geehrte bekommen eine Plakette mit einem hebräischen Zitat. Es lautet in der Übersetzung „Wer immer ein Menschenleben rettet, hat damit gleichsam eine ganze Welt gerettet.“ Gerechte unter den Völkern erhalten in Anerkennung für ihre Taten außerdem die israelische Ehrenbürgerschaft, und wenn sie verstorben sind, auch die Staatsangehörigkeit im Gedenken. Bis zum 1. Januar 2024 haben nach der neuesten Statistik 28.707 Menschen aus 51 Ländern diese Ehrung erhalten, darunter 133 aus Kroatien. Einer von ihnen ist Jan Pavao Horvat.
Erst Ungar, dann Jugoslawe, dann Kroate
Pavao Horvat wurde am 16.November 1898 in Pozega geboren. Die Stadt gehörte damals zum autonomen Königreich Kroatien und Slawonien und lag im ungarischen Teil der Habsburger Doppelmonarchie. Das war im sogenannten „Ungarisch-Kroatischen Ausgleich“ von 1868 festgelegt worden. Horvat wurde also in einem Umfeld geboren, das kulturell kroatisch geprägt, politisch aber fest in das habsburgische System integriert war. Nach dem Ende der Doppelmonarchie 1918 war Pozega für nur 33 Tage Teil der kurzlebigen politischen Einheit „Staat der Slowenen, Kroaten und Serben“. Sie umfasste die ehemals österreichisch-ungarischen Gebiete, hatte ihre Hauptstadt in Zagreb, war jedoch international kaum anerkannt. Am 01. Dezember 1918 fusionierte dieser Übergangsstaat mit Serbien zum Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen. 1929 wurde es offiziell in Königreich Jugoslawien umbenannt. Pavao Horvat lebte in Karlovac, etwa 50 Kilometer südlich von Zagreb. Er besaß ein Hotel und hatte viele jüdische Bekannte.
Rassengesetze wie in Deutschland
Anfang der 1940er Jahre lebten in Kroatien etwa 25.000 Juden. Am 6. April 1941 griff die deutsche Wehrmacht Jugoslawien und Griechenland an und besetzte beide Länder innerhalb weniger Wochen. Bereits Mitte April wurde der Unabhängige Staat Kroatien, ein Vasallenstaat der Achsenmächte Deutschland und Italien, unter Führung der faschistischen Ustascha-Bewegung proklamiert. Noch im selben Monat brannten Synagogen. Am 30. April wurden die ersten Rassengesetze nach deutschem „Vorbild“ eingeführt. Sofort begann der Völkermord an Serben, Juden und „Zigeunern“. Juden mussten Armbinden mit dem Buchstaben „Z“ für „Zidov“ (Jude) tragen. Viele wurden in Konzentrationslager verschleppt. Nur 5.000 von ihnen, die in Kroatien lebten, überlebten den Krieg. Als die Deutschen in Karlovac einmarschiert waren, hatten sie sofort begonnen, wohlhabende Juden zu verhaften. Bedroht war auch Pavao Horvats jüdischer Freund Viktor Cohen, der Manager eines exklusiven Restaurants in Zagreb.
Flucht in die Italienische Zone
Er bat im September 1941 den Hotelbesitzer, ihm und seiner Familie bei der Flucht in die italienisch besetzte Zone zu helfen. Sie lag südlich einer Demarkationslinie quer durch das „unabhängige“ Staatsgebiet. Dort fanden viele von der Ustascha Verfolgte Zuflucht. Die italienischen Militärbefehlshaber weigerten sich oft, Juden an das faschistische Regime oder die Deutschen auszuliefern. Horvat willigte ohne zu zögern ein und reiste nach Zagreb, das nun Hauptstadt des „unabhängigen“ Landes war. Er nahm Viktor Cohen, seine Frau Ruza sowie ihre beiden Kinder, den elfjährigen Reuven und den neunjährigen Roman, mit nach Karlovac. Die Stadt lag zu dieser Zeit in der italienisch besetzten Zone. Pavao Horvat unterstützte die Familie fünf Monate lang finanziell. Seine Frau half bei der Betreuung der Söhne der Cohens. Horvat selbst holte Ruza Cohens Eltern, Hugo und Sida Schlesinger, sowie ihren Bruder Hinko aus Zagreb in die italienisch besetzte Zone. 1942 erreichte ein zweiter Hilferuf den Hotelier. Ladislav Neubauer, der Sekretär der jüdischen Gemeinde im etwa 250 Kilometer von Karlovac entfernten Ossijek, hatte mit ihm gemeinsam ihm im Ersten Weltkrieg gedient. Horvat holte nicht nur Ladislav, sondern auch dessen Ehefrau Ella aus Ossijek nach Karlovac. Er besorgte persönlich Reisegenehmigungen, aus denen hervorging, dass die Neubauers Einwohner von Karlovac seien und angeblich nach Hause zurückkehrten.
Nach Enttarnung im KZ Dachau
Aus Sicherheitsgründen fuhr der Hotelier im selben Zug wie seine Schützlinge mit nach Karlovac. Zwei Tage nachdem die Neubauers Rijeka verlassen hatten, wurden die letzten in der Stadt gebliebenen Juden in Konzentrationslager deportiert. Das größte in diesem Teil Europas war das KZ Jasenovac. Gornja, Jastrebarsko und Sisak waren die einzigeneuropäischen Konzentrationslager speziell für Kinder. In Karlovac beherbergte das Ehepaar Horvat die Neubauers zwei Wochen lang im eigenen Haus. Die Untergetauchten konnten nicht wie geplant weiterreisen, weil Partisanen die Bahnstrecke sabotiert hatten. Als sie endlich wieder frei war, wurde Pavao Horvat am Bahnhof von Karlovac mit den Koffern der Neubauers erwischt. Sowohl er als auch seine Frau wurden wegen des Verdachts der Beihilfe für Juden verhaftet und verhört. Gretl Horvat wurde freigelassen, aber ihr Ehemann musste den Weg ins Konzentrationslager Dachau antreten. Am 14. November 1944 kam er dort an und erhielt die Häftlingsnummer 126 141, wurde aber bereits nach zehn Tagen ins KZ Natzweiler im Elsass überstellt. Kurz nach Horvats Verhaftung wurde auch das Ehepaar Neubauer von den Ustascha-Behörden gefasst, in das KZ Jasenovac deportiert und dort noch 1944 ermordet.
In den Wirren der letzten Phase des Krieges
Dort gab die SS-Bürokratie ihm die neue Nummer 40 356. Zu diesem Zeitpunkt war das Hauptlager Natzweiler wegen des Vorrückens der Alliierten bereits teilweise evakuiert. Es diente aber weiterhin als Verwaltungszentrum für ein Netz von Außenlagern, den sogenannten Natzweiler-Komplex. Deswegen blieb Pavao Horvat die Arbeit im Granitsteinbruch von Natzweiler zwar erspart. Stattdessen wurde er aber im Dezember in das Außenlager Kochendorf bei Bad Friedrichshall am Neckar geschickt. Dort mussten die Häftlinge unter extremen Bedingungen in den unterirdischen Stollen und Hallen eines Salzbergwerks mit der Tarnbezeichnung „Eisbär“ Teile für Flugzeugmotoren und Düsenriebwerke für die Heinkel-Werke herstellen. Nach drei weiteren Monaten kamen die Amerikaner auch diesem KZ-Lager immer näher. Deshalb zwang die SS die Häftlinge am 30. März zunächst zu Fuß und später in offenen Güterwaggons auf einen fast 300 Kilometer weiten Todesmarsch in Richtung Dachau. Pavao Horvat kam mit zahlreichen Kameraden am 4. April 1945, zwei Tage nach Ostermontag, im Dachauer KZ-Außenlager München-Allach an.
Nach Evakuierungsmarsch befreit
Dieses KZ war damals als Sammelplatz für evakuierte Häftlinge aus anderen aufgelösten Lagern und völlig überfüllt. Ein Flecktyphus-Ausbruch forderte täglich hunderte Opfer. Am 26. April trieb die SS die Häftlinge weiter in Richtung Wolfratshausen. Dort lösten sich die Wachmannschaften angesichts der herannahenden Amerikaner auf, und die völlig entkräfteten Überlebenden wurden in den umliegenden Wäldern und Dörfern von den amerikanischen Soldaten gefunden. Pavao Horvat hatte sowohl die Zwangsarbeit als auch das Chaos in Allach überlebt. Doch die Zeit der Heimkehr war für ihn noch nicht gekommen. Zunächst musste er zurück nach Allach. Das Lager wurde als DP Camp 2434 für Displaced Persons von den Amerikanern weitergeführt – wegen des Flecktyphus-Ausbruchs zunächst unter Quarantäne. Die US-Armee richtete Notlazarette ein. Da Horvat die schwere Zwangsarbeit im Salzbergwerk hinter sich hatte, gehörte er sehr wahrscheinlich zu den Patienten, die dort betreut wurden. Von Mai bis Juni 1945 erfassten die Amerikaner die Überlebenden systematisch. Sobald die Quarantäne in Allach aufgehoben und die Häftlinge transportfähig waren, wurden viele Staatsangehörige aus Jugoslawien zur Repatriierung in das DP-Sammellager Funkkaserne in München-Freimann verlegt. Für Pavao Horvat war dies der letzte Aufenthaltsort vor seiner Rückkehr nach Karlovac im Spätsommer 1945. Er kehrte als gebrochener Mann zurück. Aber alle Juden, denen er geholfen hatte, hatten den Krieg überlebt. Später wanderten sie nach Israel aus und blieben mit ihrem Retter aus Kriegszeiten in Kontakt. Am 21. September 1965 erkannte Yad Vashem Gretl und Pavao Horvat als Gerechte unter den Völkern an.
Biografien weiterer Gerechter unter den Völkern, die Häftlinge im KZ Dachau waren und andere interessante Artikel: Link
Quellen:
https://collections.yadvashem.org/en/righteous/4015310
https://www.raoulwallenberg.net/wp-content/uploads/Panel-51.pdf
https://en-academic.com/dic.nsf/enwiki/2651936
https://en-academic.com/dic.nsf/enwiki/2651936
https://de.wikipedia.org/wiki/KZ_Kochendorf
https://www.friedrichshall.de/de/familie-soziales/stiftungen/kz-kochendorf/miklos-klein-stiftung
https://de.wikipedia.org/wiki/KZ-Außenlagerkomplex_München-Allach_(BMW)
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Fotos: Edmond Michelet nach der Befreiung aus dem KZ Dachau in Häftlingskleidung; Der französische Politiker Edmond Michelet. Foto: Gemeinfrei; Dieser Platz im Stadtzehnrum von Paris wurde nach dem Politiker benannt. Foto: Gemeinfrei; .1975 gab die französische Post diese Gedenkmarke an Edmond Michelet heraus. Foto: Gemeinfrei
Edmond Michelet - Gerechte unter den Völkern aus dem KZ Dachau von Klemens Hogen-Ostlender
Der Staat Israel hat 1953 den Ehrentitel „Gerechter unter den Völkern“ für Menschen geschaffen, die unter Einsatz ihres Lebens Juden vor der Verfolgung durch Nationalsozialisten gerettet haben. Die Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem hat auch ehemalige Häftlinge aus dem Konzentrationslager Dachau auf diese Weise ausgezeichnet – nicht nur Männer aus dem Priesterblock, sondern auch Gefangene beiderlei Geschlechts aus der großen Zahl der Laien, die im KZ eingekerkert waren. Geehrte bekommen eine Plakette mit einem hebräischen Zitat. Es lautet in der Übersetzung „Wer immer ein Menschenleben rettet, hat damit gleichsam eine ganze Welt gerettet.“ Gerechte unter den Völkern erhalten in Anerkennung für ihre Taten außerdem die israelische Ehrenbürgerschaft, und wenn sie verstorben sind, auch die Staatsangehörigkeit im Gedenken. Bis zum Jahr 2025 haben 28486 Menschen aus 51 Ländern diese Ehrung erhalten, darunter 4.255 Franzosen. Einer von Ihnen ist Edmond Michelet.
Ein überzeugter Katholik
Edmond Charles Octave Michelet wurde am 8. Oktober 1899 in Paris als Sohn von Florentin Octave Michelet und seiner Frau Victoire Jehanne geboren. Er erhielt 1912 sein Studienzertifikat und meldete sich 1918 bei der Infanterie, kam jedoch nicht mehr an die Front. 1921 Kehrte Michelet im Rang eines Oberfeldwebels ins Zivilleben zurück und entwickelte sich zu einer der prägendsten und einflussreichsten Persönlichkeiten der christdemokratischen Bewegung Frankreichs in der Zwischenkriegszeit. Er lebte als Handelsvertreter in Brive-la-Gaillarde am Rand des Zentralmassivs. Er war Vorsitzender der Katholischen Jugend seines Heimatdépartements Corrèze und engagierte sich für den Sozialen Katholizismus, stets darum bemüht, die Soziallehre der Kirche bekannt zu machen und zu verbreiten. 1931 rief er in der Region die 1919 gegründeten „sozialen Teams” wieder ins Leben, deren Aufgabe es sein sollte, die während des Krieges geknüpften Beziehungen zwischen Priestern und Laien in Friedenszeiten aufrechtzuerhalten.1938 verurteilte Michelet das Münchner Abkommen.
Der Weg in den Widerstand
Als 1939 der Krieg ausbrach, war Edmond Michelet verheiratet mit Marie Vialle, mit der ihn eine unerschütterliche in allen Prüfungen bewährte Liebe verband, ein Vater von sieben Kindern und fast 40 Jahre alt. Als geborener Organisator hatte er sich in der letzten Zeit um Flüchtlinge aus Spanien und Deutschland gekümmert. Bereit am Vorabend von General De Gaulles Aufruf aus dem Londoner Exil, den Kampf gegen die deutsche Besetzung Frankreichs fortzusetzen, verteilte er in Hausbriefkästen in Brive ein Flugblatt, in dem unter anderem diese Worte standen: „Wer sich nicht ergibt, hat Recht gegenüber dem, der sich ergibt. In Kriegszeiten ist der, der sich nicht ergibt, ein Mann. Und der, der sich ergibt, ist mein Feind ... Und der, der einen Platz aufgibt, wird immer nur ein Schwein sein“. Michelet sammelte Mitglieder der Jungen Christlichen Studenten und der Katholischen Arbeiterjugend um sich und schloss sich der Résistance in der Region an. Offiziell arbeitete er im Büro der Wohlfahrtsorganisation Secours National (Nationale Hilfe). Durch seine Tätigkeit kam er mit Juden und Nichtjuden in Kontakt, die Unterstützung benötigten.
Unterstützung für bedrohte Juden
Mindestens einmal pro Woche besuchte Rose Warfman Edmond Michelet heimlich und ohne Termin. Die Sozialarbeiterin war ihm vom Verband der Juden Frankreichs vermittelt worden. Vordergründig organisierte sie lediglich die Verteilung von Lebensmitteln an jüdische Flüchtlinge in der Stadt. Aber Edmond Michelet übergab ihr außerdem regelmäßig gefälschte Dokumente, darunter Ausweise, Lebensmittelmarken und Überweisungen zu Ärzten. Er behandelte Rose Warfman mit Herzlichkeit und Fürsorge und ging trotz des damit verbundenen persönlichen Risikos aufmerksam auf ihre Bitten ein. Michelet handelte als gläubiger Christ aus humanitären, moralischen und religiösen Motiven und betrachtete die Rettung von Menschenleben als höchste Pflicht. Edmond Michelet veranlasste auch die Unterbringung von zwölf jüdischen Mädchen und zwei Frauen in einem Kloster im nahe gelegenen Aubazines und rettete ihnen damit das Leben. Eins der dort versteckten Mädchen, Betty Dornfast, ließ sich später in Tel Aviv nieder.
Auf dem Weg zur Messe verhaftet
Edmond Michelets unermüdliche Bemühungen brachten ihn wiederholt in große Gefahr. Anfang 1943 wurde er schließlich auf dem Weg zu einer Messe von der Gestapo verhaftet und für sechs Monate im Gefängnis von Fresnes bei Paris inhaftiert. Dort lernte er den deutschen Priester und Gefangenenseelsorger Franz Stock kennen, der in Chartres ein „Seminar hinter Stacheldraht“ ins Leben gerufen hatte. 900 in Kriegsgefangenschaft geratene deutsche Seminaristen konnten dort ihre Ausbildung fortsetzen. Am 15. September 1943 wurde Edmond Michelet ins Konzentrationslager Dachau deportiert. Dort blieb er bis zur Befreiung des Lagers am 29. April 1945 durch amerikanische Soldaten offizieller Verantwortlicher für die französischen Gefangenen. Weil des ehemalige KZ wegen einer Typhusepidemie unter Quarantäne gestellt war, blieb er noch weitere vier Wochen dort, ehe er nach Frankreich heimkehren konnte.
Dachau als Sammelpunkt Europas
Dachau war für den Franzosen ein wahrer Sammelpunkt Europas gewesen. Die Zeit dort prägte Michelets Leben in jeder Hinsicht, auch religiös. Er setzte sich in der Haft unermüdlich für seine Mitgefangenen ein. Wie schon in Fresnes betete er im Konzentrationslager allmorgendlich das bewegende Gebet der Schwester Ludwigs des XVI., Elisabeth von Bourbon-Parma, in der Zeit vor ihrer Hinrichtung 1794:
„Was wird mir heute widerfahren, o mein Gott?
Ich weiß es nicht. Ich weiß nur,
dass mir nichts widerfahren wird,
was Du nicht seit Ewigkeiten festgelegt, vorgesehen oder angeordnet hast:
Das genügt mir, o mein Gott, das genügt mir.
Ich verehre Deine ewigen und unergründlichen Beschlüsse;
ich unterwerfe mich ihnen von ganzem Herzen aus Liebe zu Dir;
ich will alles, ich akzeptiere alles, ich opfere Dir alles,
ich verbinde dieses Opfer mit dem von Jesus Christus, meinem göttlichen Erlöser;
ich bitte Dich in seinem Namen und aufgrund seiner Verdienste
um Geduld in meinen Leiden und um vollkommene Unterwerfung,
die dir für alles gebührt, was du willst oder zulässt. So sei es.“
Glaube, Hoffnung und Liebe
Edmond Michelet war sein ganzes Leben lang von einem unerschütterlichen christlichen Glauben beseelt, selbst unter den unmenschlichen Bedingungen des Daseins in Dachau, wo ein Häftling am Morgen nach dem Erwachen nie wissen konnte, ob er den Abend noch erleben wurde. Seine Gebete und der Empfang der Eucharistie halfen ihm, die Zuversicht nicht zu verlieren. Ein KZ-Kamerad nannte ihn später einmal angesichts seiner Gefasstheit einen „franziskanischen Staatsmann”, was Zeitgenossen ebenso treffend erschien wie die Bezeichnung als „Seelsorger Frankreichs“ durch politische Weggefährten. 1970, im Jahr, in dem drei in Frankreich bekannte Männer starben, sollten sie als personifizierte Allegorie der drei theologischen Tugenden gewürdigt werden: der Schriftsteller François Mauriac als Verkörperung des Glaubens, Charles De Gaulle als Symbol der Hoffnung und Edmond Michelet als Beispiel an Nächstenliebe.
Wallfahrt ans Ende der Erde
Nach der Heimkehr 1945 unternahm er eine Dankeswallfahrt zum Heiligtum Notre-Dame de Rocamadour, das er schon vor dem Krieg gern aufgesucht hatte. Es liegt, am Kap Finisterre in der Bretagne. Der Name rührt her vom lateinischen „finis terrae“ (Ende der Erde). Zehn Jahre nach der Befreiung veröffentlichte Edmond Michelet über seine Erfahrungen im KZ das Buch mit dem paradoxen Titel „Rue de la liberté“ (Straße der Freiheit). Die Erzählung war nach den Worten General De Gaulles in seinem Vorwort „ein christliches Zeugnis, das siegreich über die schlimmsten Anschläge des Heidentums triumphiert”. In der deutschen Ausgabe lobte Bundeskanzler Konrad Adenauer Michelet dafür, dass er Deutschland nicht aus der Geografie seines Herzens ausgeschlossen habe. Michelet bekannte im Buch, dass die unauslöschliche Erfahrung Dachau ihn für den Rest seines Lebens geprägt hattet: „Wir haben Narben davongetragen, die nicht alle sichtbar sind . . . Wir haben Abgründe erforscht, in uns selbst und in anderen. Eine gewisse Unschuld ist uns für immer verwehrt.“ Er weigerte sich gleichwohl, Deutschland mit dem Notanalsozialismus gleichzusetzen. Noch an der äußersten Grenze menschlicher Entwürdigung durch Menschen ersehnte er den Tag, „an dem Frankreich und Deutschland sich endlich versöhnt haben werden".
Handeln und Glauben als Einheit
Edmond Michelet leitete ab 1945 zunächst das Französische Patriotische Komitee von Dachau, eine Organisation für die Rückkehr französischer und spanischer Deportierter. Noch im selben Jahr wurde er für die christlich orientierte Partei Mouvement Républicain Populaire (Republikanische Volksbewegung) zum Abgeordneten für das Département Corrèze in die Nationalversammlung gewählt. 1946 berief De Gaulle ihn zum Verteidigungsminister. Später trat Michelet der Partei Rassemblement du Peuple Francais (Versammlung des Französischen Volkes) des Generals bei. Bei einem Kolloquium über die Person Edmond Michelet sagte der katholische Priester und im Widerstand verwurzelte Schriftsteller Pierre Bockel mehr als ein halbes Jahrhundert später über den Politiker: „Die Versöhnung lag ihm im Blut. Keine Wunde war unheilbar, keine Barriere unüberwindbar, keine Annäherung undenkbar”. Edmond Michelet steht in seiner Fähigkeit, politisches Handeln und Glauben miteinander vereinbaren zu können in einer Reihe mit anderen überzeugten Katholiken wie Robert Schuman, Alcide de Gasperi, Konrad Adenauer und Charles de Gaulle.
Algerien
Vor dem Hintergrund des 1954 im Zuge von Unabhängigkeitsbestrebungen des Landes begonnenen Algerienkriegs veröffentlichte Michelet 1957 die Schrift „Contre la guerre civile“ (Gegen den Bürgerkrieg). Er war empört über das Wiederaufleben des Nationalismus und des „rassistischen Wahnsinns” 1959 wurde er Justizminister der Regierung Michel Debré. Die beiden Männer standen sich in Bezug auf das französische Algerien und die Anwendung von Folter, die Edmond Michelet entschieden ablehnte, kompromisslos gegenüber. Edmond Michelet wurde zum eifrigen Verfechter der Versöhnung zwischen Frankreich und einem unabhängigen Algerien, das 1959 nicht etwa französische Kolonie, sondern Teil des Mutterlandes wie die Hauptstadt Paris, die Normandie und die Provence war. Nach der Wahl de Gaulles zum Staatspräsidenten im selben Jahr errang er wichtige Ämter, darunter Staatssekretär für die Kriegsveteranen, Justizminister, Staatsminister für den öffentlichen Dienst und Staatsminister für Kultur.
Politiker bis zum letzten Tag
Das letzte Amt hatte er bis zu seinem Tod inne. Mitte September 1970 wurde Edmond Michelet, auf dem Weg nach Le Mans zur Einweihung eines Kulturhauses von einem Schlaganfall niedergestreckt. Er verlor die Sprache, aber nicht das Bewusstsein. Begleiter hatten zuvor seine letzten Worte gehört: „Ich habe zu viel getan“. Michelet starb am 9. Oktober 1970. In einem Nachruf hieß es „Er hat uns gezeigt, wie der Geist Christi noch immer in einem Staatsmann wohnen kann.“ Seinem Wunsch gemäß wurde er in Kleidung, wie er sie im KZ Dachau getragen hatte, in einer Marienkapelle beigesetzt, die er 1959 ganz in der Nähe seines Hauses selbst hatte errichten lassen. Acht Priester, alle ehemalige Gefangene aus Dachau, zelebrierten das Seelenamt.
Ehrungen
Zu den Ehrungen, die Edmond Michelet zu Lebzeiten erhielt, gehörten die Verleihung des Kriegsverdienstordens Croix de Guerre, der französischen Widerstandsmedaille und die Ernennung zum Kommandanten der Ehrenlegion. Die israelische Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem verlieh ihm posthum den Ehrentitel Gerechter unter den Völkern. Michelets Enkel Benoit Rivière, der Bischof von Autun, sagte über seinen Großvater, bei diesem Mann der Versöhnung habe es nie einen Unterschied zwischen der Liebe zu Gott und der Nächstenliebe gegeben. Ein für den Verstorbenen 1976 eingeleiteter Seligsprechungsprozess ist ins Stocken geraten. Einerseits wurde bisher kein Wunder auf die Fürsprache Michelets anerkannt. Andererseits wurde gesellschaftliche Kritik daran laut, dass er während des Algerienkriegs 1960 durch Erlass die Wiedereinführung der Todesstrafe wegen politisch motivierter Verbrechen verfügt hatte.
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