

Bildtexte: Marinus Engelbertus Jonker. Foto: Yad Vashem; Jonkers Grabstein auf dem Nationalen Ehrenfeld Loenen. Foto: Yad Vashem; Hendrika Jonker mit Elsje (links) und Milly. Foto Yad Vashem
Marinus Engelbertus Jonker – Gerechte unter den Völkern aus dem KZ Dachau von Klemens Hogen-Ostlender
Der Staat Israel hat 1953 den Ehrentitel „Gerechter unter den Völkern“ für Menschen geschaffen, die unter Einsatz ihres Lebens Juden vor der Verfolgung durch Nationalsozialisten gerettet haben. Die Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem hat auch ehemalige Häftlinge aus dem Konzentrationslager Dachau auf diese Weise ausgezeichnet – nicht nur Männer aus dem Priesterblock, sondern auch Gefangene beiderlei Geschlechts aus der großen Zahl der Laien, die im Lager eingekerkert waren. Geehrte bekommen eine Plakette mit einem hebräischen Zitat. Es lautet in der Übersetzung „Wer immer ein Menschenleben rettet, hat damit gleichsam eine ganze Welt gerettet.“ Gerechte unter den Völkern erhalten in Anerkennung für ihre Taten außerdem die israelische Ehrenbürgerschaft, und wenn sie verstorben sind auch die Staatsangehörigkeit im Gedenken. Bis zum 1. Januar 2024 haben nach der neuesten Statistik 28.707 Menschen aus 51 Ländern diese Ehrung erhalten, darunter 6.137 aus den Niederlanden. Einer von ihnen ist Marinus Engelbertus Jonker.
Milly Jonker bekommt eine Schwester
Der am 15. August 1904 geborene Versicherungsdirektor Marinus (Miek) Jonker und seine drei Monate jüngere Frau Hendrika Johanna (Ietje) Jonker-Vermeulen wohnten 1942 mit ihrer 1939 geborenen Tochter Milly im niederländischen Arnheim, nicht weit von der deutschen Grenze entfernt. Das Ehepaar war stark sozial engagiert, verabscheute das NS-Regime in Deutschland. Sie waren im Untergrund aktiv, seit die Nationalsozialisten die Niederlande mit Krieg überzogen und nach nur fünf Tagen Kampf besetzt hatten. So war es für Hendrika keine Überraschung, als ihr Mann im Dezember 1942 vorschlug, ein dreijähriges jüdisches Mädchen wie ein eigenes Kind aufzunehmen. Wenige Monate zuvor hatten umfassende Deportationen von Juden in Vernichtungslager in Osteuropa begonnen. Elisabeth Meta (Elsje) Sarluy war drei Jahre alt, als ihre Eltern, der Chemiker Alexander (Lex) Sarluy (1908–1994) und Gesina (Gesma oder Geesje) Elisabeth Sarluy-Snoek in den Untergrund gezwungen wurden. Sie war in Koog aan de Zaan nahe der Nordseeküste bei Amsterdam zur Welt gekommen und hatte einen älteren Bruder, Philip Albert, (Flipje). Seit 1941 lebte die Familie in Hilversum etwa 50 Kilometer östlich von Koog, weil sie vor den zunehmenden Repressalien der Besatzer gegen Juden in ein Gebiet ausgewichen war, das ihr sicherer erschien.
Marinus Jonker geht in den Widerstand
Die junge Ehefrau willigte sofort ein, und Elisabeth Meta Sarluy kam zu den Jonkers. Die beiden kleinen Mädchen schienen mit den Eltern eine perfekte kleine Familie zu sein. Das eine ähnelte dem blonden Vater, das andere der Mutter mit ihren dunklen Haaren und braunen Augen. Da das Paar mit seiner Tochter erst 1941 von Amstelveen nach Arnheim gezogen war, waren die Jonkers dort nur wenige Menschen bekannt, und die Ankunft des neuen Familienmitglieds blieb unbemerkt. Eingeweiht waren lediglich die Nachbarn, Gerrit Jan van Houtum und Adrina van Houtum-Knippenberg mit ihren Töchtern Gerritje (Gerrie) und Hendrika (Riek) sowie einige enge Verwandte. Da beide Familien direkt nebeneinander wohnten, arbeiteten sie eng miteinander zusammen, um das Entdeckungsrisiko zu minimieren. Die geheimen „Gäste“ wurden zwischen den beiden Häusern hin- und hergewechselt, falls Durchsuchungen drohten. Nach außen hin schien es keine Probleme zu geben. Aber Marinus hatte unmittelbar nach dem Einmarsch der Wehrmacht damit begonnen, etwas gegen die Besatzer zu unternehmen. Er unterstützte Menschen, die durch die ersten deutschen Verordnungen in Bedrängnis gerieten und baute Kontakte zu Gleichgesinnten in der Region auf. 1942 war für seine illegalen Aktivitäten der entscheidende Wendepunkt. Mit dem Beginn der systematischen Deportationen von Juden aus den Niederlanden konzentrierte sich Jonker auf die direkte Hilfe für Untergetauchte, so genannte „Onderduikers“. 1943 verriet einer seiner Mitstreiter im Verhör unter der Folter seinen Namen. Die Gestapo verhaftete Marinus Jonker daraufhin am 8. Oktober 1943. Er wurde zunächst in das Konzentrationslager Herzogenbusch im Süden der Niederlande und von dort nach Dachau deportiert Dort kam er nach anstrengendem Bahntransport am 26. Mai 1944 an. Acht Monate lang musste er dort Hunger und unzumutbare hygienische Zustände, Erniedrigung durch das Wachpersonal und Ungewissheit, ob er den nächsten Tag noch erleben würde, ertragen Am 23. Januar 1945, einem wurde der Gefangene 69073 aber entlassen.Entlassen, aber nicht frei
Damit endet die Schilderung seines Leidensweges in manchen historischen Quellen, zum Beispiel im Verzetsmuseum (Widerstandsmuseum) in Amsterdam: „Vrijgelaten 23 jan. 1945“. Doch „entlassen“ bedeutete nur, dass Marinus Jonker nicht mehr der Drangsalierung im Konzentrationslager unterlag. Er war nicht frei und durfte nicht nach Hause. Stattdessen hatte er nur noch 44 Tage zu leben. Der 40-jährige war bereits am nächsten Tag wieder in einem Zwangsverhältnis. Als Zwangsarbeiter der Firma Cyclo (heute Sumitomo Cyclo) in der Dachauer Straße 114 im nur wenige Kilometer entfernten Markt Indersdorf. Die Vorgängerfirma hat während es Kriegs in Weichs Getriebe hergestellt.
Marinus Jonker starb am 8. März 1945 im Bezirkskrankenhaus in Indersdorf. Der zuständige Arzt gab als Todesursache eine Lungenentzündung und Unterernährung an. Im Sterberegister ist vermerkt, dass der Verstorbene „vor kurzem aus dem KZ Dachau entlassen" war. Zwei Tage nach seinem Tod, am Samstag, dem 10. März 1945 beerdigte der katholischen Pfarrer den Leichnam Jonkers auf dem Bezirksfriedhof. Marinus Jonker hatte den Gereformeerde Kerken in Nederland, angehört, die strenggläubiger, orthodox-calvinistisch und organisatorisch unabhängiger vom Staat waren als die Volkskirche Nederlandse Hervormde Kerk. Im Zwangsarbeiterlager in Wagenried gab es einen evangelischen Geistlichen, doch dem war als Häftling die Durchführung der Bestattung auf dem Indersdorfer Friedhof verboten.
In die Heimat überführt
Auf dem von den Amerikanern eingeführten Registerformular aller Todesfälle in der Gemeinde findet sich ein handschriftlicher Vermerkt ohne Datumsangabe „Transferred to Holland“, nach Holland überführt. Am 1. Dezember 1948 stellte „M. Beyer, Pfarrer“ ein Toten-Zeugnis für Marinus Engelbertus Jonker aus ohne Hinweis auf eine etwaige Exhumierung. Kurz darauf ermöglichte die niederländische Regierung aber die Überführung von Kriegsopfern, die in anderen Ländern beerdigt wurden, in die Niederlande. Die Familie von Marinus Jonker machte davon Gebrauch. Dank der Bemühungen des Identifizierungs- und Bergungsdienstes des Kriegsministeriums wurde sein Leichnam 1950 in Indersdorf exhumiert und in die Niederlande überführt. Am 2. Februar 1951 fand die endgültige Beisetzung im Beisein seiner Familie auf dem Nationalen Ehrenfeld Loenen in der Gemeinde Apeldoorn statt. Das ist ein Waldfriedhof 600 Kilometer nördlich von Markt Indersdorf. Dort ruhen die Überreste von rund 4.000 Männern und Frauen, Zivilisten wie Militärs, die während des Zweiten Weltkriegs ums Leben kamen. Quadratische weiße Grabsteine sind entlang von Wegen durch den Kiefernwald in den Boden eingelassen. Nr. 437 kennzeichnet die Stelle, an der Marinus Engelbertus Jonker zur Ruhe gebettet wurde.
Unterschlupf bis zur Befreiung
Nach Marinus’ Verhaftung musste Hendrika Jonker allein weiterleben. Die Betreuung ihrer Mädchen erforderte ihre volle Kraft. Die Nachbarn nahmen sie und ihre beiden Töchter auch unter ihre Fittiche, als sie alle im September 1944 aus Arnheim wegziehen mussten. Nach dem gescheiterten alliierten Luftlandeunternehmen im September 1944 evakuierten die Deutschen die gesamte Stadt. Beide Familien fanden Unterschlupf im rund 20 Kilometer entfernen Dorf Ugchelen bei Verwandten der Van Houtems, Jan und Driesje van Houtem, die dort eine Papierfabrik besaßen. Sie blieben dort bis zur Befreiung von der Nationalsozialistischen Herrschaft. Im Mai 1945 erhielt Hendrika die schreckliche Nachricht vom Tod ihres Mannes. Kurz darauf stellte sich heraus, dass Elsjes Eltern die Zeit im Versteck in Friesland überlebt hatten. Sie schalteten Anzeigen in mehreren Zeitungen, um ihre Kinder Elsje und Flipje zu finden, von denen sie sich hatten trennen müssen. Auch die Frau, die Flipje in Apeldoorn versteckt hatte, gab eine Suchanzeige nach dessen Eltern auf. Nach einigen Schwierigkeiten wurde die Familie schließlich wiedervereint. Am 2. Januar 2000 wurden Marinus Engelbertus Jonker, Hendrika Johanna Jonker-Vermeulen sowie Johannes van Houtem und Adriana van Houtem-Knippenberg von Yad Vashem als „Gerechte unter den Völkern“ geehrt.
Quellen
https://collections.yadvashem.org/en/righteous/search-results/marinus%20engelbertus%20jonker?page=1
https://ancestors.familysearch.org/en/LTZB-DJ6/marinus-engelbertus-jonker-1904-1945
https://www.verzetsmuseum.org/dachau/marinus-engelbertus-jonker
https://www.ushmm.org/online/hsv/source_view.php?SourceId=20708
https://stevemorse.org/dachau/details.php?lastname=JONKER&firstname=Marinus%20E.&title=&birthday=15&birthmonth=Aug&birthyear=1904&birthplace=Amsterdam&from=&town=Arnhem&street=Heemstralkeen%2090&number=69073&DateOfArrival=26%20May%201944%20Hert.&disposition=entl.%2023%20Jan%201945&comments=Check%20G&category=Sch.%20Holl.&ID=149682&page=2490/Scha.&disc=3&image=695
https://www.erelijst.nl/marinus-engelbertus--jonker
https://joodsmonumentarnhem.nl/p/p/f.php?flexpag_id=271&rubriek_id=12
Biografien weiterer Gerechter unter den Völkern, die Häftlinge im KZ Dachau waren und andere interessante Artikel: Link
Bilder: Jan Kanis um 1950. Oudheidkundige Vereniging Arent thoe Boecop, Elburg; Petronella Kanis und die fünf Kinder des Ehepaars kurz nach der Verhaftung von Jan Kanis. Oudheidkundige Vereniging Arent thoe Boecop, Elburg; Petronella und Jan Kanis mit dem Geretteten Jozeph van Zuiden bei einem Treffen im April 1970, Yad Vashem
Jan Kanis, Gerechte unter den Völkern aus dem KZ Dachau von Klemens Hogen-Ostlender
Der Staat Israel hat 1953 den Ehrentitel „Gerechter unter den Völkern“ für Menschen geschaffen, die unter Einsatz ihres Lebens Juden vor der Verfolgung durch Nationalsozialisten gerettet haben. Die Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem hat auch ehemalige Häftlinge aus dem Konzentrationslager Dachau auf diese Weise ausgezeichnet – nicht nur Männer aus dem Priesterblock, sondern auch Gefangene beiderlei Geschlechts aus der großen Zahl der Laien, die im Lager eingekerkert waren. Geehrte bekommen eine Plakette mit einem hebräischen Zitat. Es lautet in der Übersetzung „Wer immer ein Menschenleben rettet, hat damit gleichsam eine ganze Welt gerettet.“ Gerechte unter den Völkern erhalten in Anerkennung für ihre Taten außerdem die israelische Ehrenbürgerschaft, und wenn sie verstorben sind, auch die Staatsangehörigkeit im Gedenken. Bis zum 1. Januar 2024 haben nach der neuesten Statistik 28.707 Menschen aus 51 Ländern diese Ehrung erhalten, darunter 1.819 aus den Niederlanden. Einer von ihnen ist Jan Kanis.
Bei der Post im Widerstand
Jan Kanis wurde am 25. Dezember 1900 in der Gemeinde Oldebroek im Nordwesten der Niederlande als ältester Sohn des Zimmermanns Hendrik Kanis und seiner Frau Aaltje geboren. Im Alter von 20 Jahren fand er bei der niederländischen Post in seiner Heimatregion Anstellung zunächst in Harderwijk und dann in Amsterdam eine Anstellung. Am 2. Januar 1927 heiratete er in Ermelo, ganz in der Nähe von Oldebroek, Petronella Paans. Dem Ehepaar wurden in den nächsten 16 Jahren fünf Kinder geboren. Ab 1932 war der Familienvater Büroleiter der Post in Oldebroek und wurde kurz vor dem deutschen Überfall auf sein Heimatland 1940 Sachbearbeiter in Amersfoort unweit von Amsterdam. Aus dieser Gegend der Niederlande ist der Südosten Englands quer über die Nordsee hinweg knapp 200 Kilometer entfernt. 1940 und 1941 unternahm Kanis mit seiner Familie drei Versuche, mit einem Segelboot dorthin zu entkommen, um aus England den Widerstand daheim zu unterstützen. Dreimal scheiterte das. Deshalb nutzte Kanis fortan seine Stellung als Leiter der Versandabteilung des Amersfoorter Postamts, um etwas zu unternehmen. Im Sommer 1942 begannen im ganzen Land massenhafte Deportationen von Juden angeblich in Arbeitslager in Deutschland. In Wahrheit wurden die Menschen über das Durchgangslager Westerbork in die Vernichtungslager im besetzten Polen abtransportiert und dort ermordet. Von den rund 140.000 Juden in den Niederlanden kamen etwa 101.800 durch Ermordung, Krankheiten und Erschöpfung ums Leben – ein viel höherer Prozentsatz als etwa in Belgien und Frankreich.
Reaktion auf Deportationen
Im August sollten auch Juden aus Amersfoort deportiert werden. Jan Kanis beschloss, dagegen etwas zu tun, indem er jüdischen Flüchtlingen Unterschlupf gewährte und Sabotageakte gegen die Besatzer verübte. Durch einen Brief an den städtischen Standesbeamten, in dem der Tod von drei Mitgliedern einer ihm bekannten jüdischen Familie gemeldet wurde, war er aufmerksam geworden. Durch seine Arbeit bei der Post bemerkte er nun oft zurückgeschickte Briefe und Todesanzeigen und begriff früh, dass Juden nicht nur zusammengetrieben, sondern auch ermordet wurden. Bei geheimen Treffen von Widerstandsorganisationen in seinem Haus wurde darüber gesprochen, was konkret getan werden könnte. Jan Kanis wurde gleich aktiv, streifte durch die Straßen der 50.000-Einwohner-Stadt Amersfoort und versuchte, Menschen davon zu überzeugen, völlig Fremde in ihren Häusern zu beherbergen. Außerdem brachte er etwa 40 Juden dazu, nicht zur befohlenen Sammelstelle für den Abtransport zu gehen, weil das mit Sicherheit ihren Tod bedeuten würde. Kanis musste nun möglichst schnell sichere Verstecke für diese Menschen finden. Er brachte sechs jüdische Kinder in seinem eigenen Haus unter, darunter Bert, den dreijährigen Sohn von Leo und Fronica Manasse, die eine Apotheke betrieben. Er ließ den kleinen Jungen mit dem Fahrrad in seinen Geburtsort bringen und arrangierte es außerdem, dass die Eltern sich bei seinem Bruder Jaap verstecken konnten. Am 16. August schaffte Jan Kanis es zusätzlich, dass Clara van Zuiden-van Beek und ihr Mann bei einer Frau, die 60 Kilometer von Amersfoort entfernt wohnte, untertauchen konnten. Nach sechs Monaten erkrankte der versteckte jüdische Ehemann. Jan Kanis besuchte ihn sofort regelmäßig, um seine Temperatur zu messen und ihm Essen und Medikamente zu bringen. Im Februar 1943 starb der Erkrankte. Jan Kanis besorgte heimlich einen Sarg und ließ den Leichnam darin mit Pferd und Wagen unter dem Schutz der Dunkelheit zur heimlichen Beerdigung, von der keine Behörde etwas ahnte, auf ein Wiesengelände bringen.
Umfassende Versorgung
Bei all seinen Aktivitäten wurde Jan Kanis von seiner Frau Petronella, seinen Töchtern und mehreren anderen Familienmitgliedern unterstützt. Während des Krieges fanden mindestens elf Juden für unterschiedlich lange Zeit Zuflucht in ihrem Haus. Über deren Beherbergung hinaus hielten Kanis und seine Familie engen Kontakt zu allen Menschen, denen sie Zuflucht gewährt hatten, versorgten sie mit Lebensmittelkarten und sorgten dafür, dass sie alle notwendigen Vorräte erhielten. Während dieser ganzen Zeit nutzte Jan seine Position bei der Post, um den Untergrund zu unterstützen. Er entwickelte ein System, mit dem verstreute Familienmitglieder untereinander korrespondieren konnten, indem sie die Postlagerung und die offiziellen Umschläge der Post nutzten. Er gab den Untergetauchten falsche Namen, die alle mit dem Buchstaben B begannen. Wenn für die betreffenden Adressaten Briefe im Postamt ankamen, brachte er sie den Menschen stets persönlich. Jan Kanis stahl auch den Stempel, der auf Dokumenten verwendet wurde, um zu beweisen, dass Radios abgegeben worden waren. So konnten die Betreffenden ihre Geräte heimlich behalten. Jan Kanis versteckte außerdem Waffen in seinem eigenen Haus. Zu seinen Aktivitäten gehörte auch die Verteilung von Geld an die Streikenden während eines Eisenbahnerstreiks zu Beginn das Krieges. Die niederländische Königin Wilhelmina war nach England geflohen, hatte die Eisenbahner aber von dort zum Streik aufgefordert. Diese Taktik sollte den deutschen Vormarsch behindern.
Verhaftung und KZ
Am 11. Februar 1944 verübte die Widerstandsgruppe, der Kanis angehörte, einen Überfall auf das Verteilzentrum für Lebensmittelkarten in Amersfoort, um solche Karten zu erbeuten. Die Aktion scheiterte. Kanis musste untertauchen, wurde aber schon am nächsten Tag, dem 12. Februar 1944, verhaftet und in das Gefängnis von Amsterdam gebracht. Dort verhörten ihn Beamte des Sicherheitsdienstes der SS (SD), der ein zentrales Unterdrückungs- und Einschüchterungsinstrument des NS-Regimes war. Ihr Gefangener gab aber keine Informationen preis. Anfang März wurde er in das KZ Herzogenbusch bei Vught im Süden der Niederlande gebracht und von dort am 26. Mai in das Konzentrationslager Dachau. Am 16. Juni kam er in das KZ Natzweiler im Elsass, das damals zu Deutschland gehörte und unweit von Straßburg lag und sofort dem 25 Kilometer weiter südlich gelegenen Außenlager Markirch (französisch Sainte-Marie-aux-Mines) zugewiesen. Mehr als 2000 Häftlinge mussten dort in einer Textilfabrik Zwangsarbeit leisten oder in einem Eisenbahntunnel BMW-Flugmotoren für Messerschmitt-Flugzeuge produzieren.
Körpergewicht 36 Kilogramm
Am 4. Oktober 1944 kam Kanis wie viele andere Häftlinge aus dem Elsass nach Dachau zurück, weil sich die vorrückende U-Armee dem KZ Natzweiler schon auf etwa 70 Kilometer genähert hatte. Es sollte noch fast sieben Monate dauern, bis die Amerikaner am 29. April 1945 auch Dachau befreiten. Ende 1944 war im KZ zum zweiten Mal eine Typhus-Epidemie ausgebrochen, die sich durch die Überfüllung des Lagers noch beschleunigte. Fast 3.000 Häftlinge starben daran allein im Januar 1945, und in den folgenden Monaten wurden es noch mehr. Auch Jan Kanis erkrankte. Zum Zeitpunkt der Befreiung wog der völlig entkräftete Körper des 44jährige noch 36 Kilogramm. Ärzte meinten, ohne medizinische Versorgung hätte er keine weitere Woche mehr überlebt. Er wurde in den folgenden Wochen in einem von den Amerikanern übernommenen Krankenhaus behandelt. Am 6. Mai fand er die Kraft, seiner Familie einen kurzen Brief zu schreiben, die erste Nachricht, die die Angehörigen nach der Verhaftung erreichte: „Liebe Frau und Kinder, gottseidank wurden wir von den Amerikanern befreit. Mir geht es gesundheitlich recht gut. Ich muss noch einen Monat hierbleiben. Ich hatte gehofft, zu Winfrieds Geburtstag [der Sohn kam am 15. Mai 1937 zur Welt] wieder zuhause zu sein, aber das ist leider nicht möglich. Ich möchte die Familie informieren. Die Tage werden jetzt so lang, weil ich euch so sehr vermisse. Ganz viel Liebe und Küsse, Jan“. Tatsächlich sollte es noch bis Mitte Juni dauern, bis Kanis aus dem Krankenhaus entlassen wurde und sich auf die Heimreise machen konnte.
Wiedersehen
In Amersfoort hatte Petronella Kanis ihre fünf Kinder während der langen Abwesenheit ihres Mannes alleine versorgen müssen. Die jüngste Tochter, Ingrid, war erst acht Monate alt, als er verschwand. Sie hatten in einer Zeit, in der im Winter 1944/45 tausende Landsleute verhungerten, dank Tulpenzwiebeln als Nahrung überlebt, nicht nur sich selbst ernährt, sondern auch die versteckten Juden damit versorgt. Wie Jan Kanis waren auch seine Frau und ihre 1927 geborene Tochter Aleid, die ebenfalls im Widerstand aktiv war, festgenommen worden, die Mutter vorübergehend, Alieid für fünf Monate. Petronella Kanis hörte trotzdem nicht auf, vom Tode bedrohte Juden zu verstecken. Nun war die Freude übergroß, auch wenn die lange Leidenszeit beim Familienvater physische und psychische Folgen hinterlassen hatte. 1946 schrieb er für die erst fünfjährige Tochter Wilhelmine ein eindringliches Gedicht:
Konzentrationslager
Männer in gestreiften Anzügen.
Dünn, verblichen und ungesund.
Sie lungern gelangweilt herum,
um und gegen die Baracken
neben dem Dreck der Mülltonnen,
nahe den Leichen am Boden.
Hängen, stehen und liegen herum,
abgemagerte menschliche Wracks.
Die ganze verstoßene Gruppe
scheint fast gottverlassen, gefangen im Elend.
Für das es weder Worte noch Maß gibt.
Ich kenne kein Maß, um zu messen,
wer Gott und Mensch so sehr vergessen hat.
Amersfoort, März 1946
Dein Vater
Ehrung durch den Staat Israel
Seinen letzten Lebensabschnitt verbrachte Jan Kanis in ´t Harde, einem Nachbarort von Oldebroek, wo er geboren worden war. Die israelische Konsulin Thya Nir überreichte ihm und seiner Frau Petronella am 14. Juni 1971 während einer Feierstunde im Rathaus von Doornspijk, einem anderen Nachbarort von ´t Harde, die Auszeichnung Gerechter unter den Völkern. Sie sagte dabei unter anderem: „Wir möchten Ihnen sagen, wie dankbar unser Volk Ihnen ist, denn in jenen dunklen Tagen des niederländischen und jüdischen Volkes riskierten Sie ihr eigenes Leben und hatten nur ein Ziel vor Augen: Leben zu retten. Sie sind die Guten und Gerechten“. Anderthalb Jahre später starb Jan Kanis im Alter von fast 72 Jahren. Er wurde posthum mit dem niederländischen Widerstands-Erinnerungskreuz ausgezeichnet. Seine Tochter Ingrid Kanis-Steppic nahm am Holocaust-Gedenktag 2018 im Alter von 74 Jahren einer Gedenkstunde im Holocaust Center for Humanity in Seattle im US-Bundesstaat Washinhton teil, wo sie auch wohnte. Sie sprach über den Widerstand ihrer Eltern und sagte über die Menschen, denen Jan und Petronella Kanis halfen: „Sie waren nicht namenlose Leute – sie lebten und arbeiteten in unserer Stadt“. Ingrid Kanis berichtete auch, dass ein jüdisches Ehepaar, das ihre Eltern versteckten, später trotzdem von den Deutschen gefasst wurde. „Beide wurden gezwungen, ihre eigenen Gräber zu schaufeln, bevor sie erschossen wurden. Alle anderen, die wir versteckt hielten, haben überlebt“, sagte sie. Leo und Fronica Manasse überlebten den Krieg nach ihren Worten ebenso wie ihr Sohn Bert. In einem Interview erzählte der im Jahr 2017, dass seine Eltern ihm nach dem Krieg völlig fremd warn. Seine Pflegeeltern waren für ihn seine wahren Eltern geworden: „Ich habe natürlich geweint. Ich wollte zurück nach Oldebroek.“
Quellen:
https://collections.yadvashem.org/en/righteous/4022422
https://www.verzetsmuseum.org/dachau/jan-kanis
https://sjoelelburg.nl/joodse-onderduiklocaties/oldebroek-chris-kanis-jaap-kanis/
https://elburginoorlogstijd.nl/yadvashem/
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